NRZ-Kolumne

Bankgeheimnis: Letzte Sonnenstunden des Spätsommers genießen

Herrlich: mit dem Spätsommer am Wasser sitzen.

Herrlich: mit dem Spätsommer am Wasser sitzen.

Foto: Privat

Oberhausen.  Die letzten sonnigen Stunden: Unser Autor hatte im Kaisergarten in Oberhausen ein Date mit dem Spätsommer – der Sorgen und Alter vergessen lässt.

Heute geht es um Vorgestern. Ich wollte den Spätsommer einfach mal auf die Bank bitten und habe für unser Treffen den Kaisergarten in Oberhausen vorgeschlagen. Wie wäre es mit Dienstag? Der Spätsommer fand das eine gute Idee, war pünktlich da und ich auch.

Ganz vorne, gleich hinter dem Schloss gibt es direkt am Kanal so moderne Holzbänke, halbe Liegen, ideal, um sich zu räkeln und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Ich setze mich, rücke etwas nach links, damit Platz für den Spätsommer ist, schnell sind wir beide eingenickt.

Einen Extrastrahl Sonne

Um sofort aufzuschrecken. Schrille Schreie von achtern. Ich drehe mich um. Zwei blonde Jungs um die drei versuchen, mit ihren Füßen die Fontänen auf dem Wasser-Spielplatz zu verschließen. Es spritzt in alle Richtungen, die Jungs johlen, die Eltern am Rand legen die Stirnen kraus ob der pitschnassen Klamotten, dann aber siegt der Moment, und sie lachen alle vier ausgelassen wie Butter. Der Spätsommer grinst auch über die Szene, „ich schick ihnen einen Extrastrahl Sonne“.

Ein Angler am Ufer gegenüber packt ein, er hat nichts gefangen, ein Lastkahn zieht vorbei und ein junges Pärchen setzt sich auf die Liegebank neben uns. Beide wurschteln bald mit ihrem Handy herum. Ich frage frech, wonach sie suchen. Die Frau sagt: „Nach einem Urlaubsziel, irgendwo in Spanien. Ein langes Wochenende. Ich hab aber noch nichts.“ Ihm ist die Frage peinlicher. „Ich hab so eine App für Flugzeuge. Flight-Radar. Ist gerade ein A 380 über uns hinweggeflogen.“ Er erklärt: „Als Kind wollte ich immer fliegen. Wir haben aber nur Campingurlaub gemacht. Das hat mich geprägt.“ Ach ja, der Homo sapiens kann auch herrlich verrückt sein.

Die Rutsche kennt keine Nationalitäten

Der Spätsommer schnarcht jetzt sogar so fest, dass in den Bäumen die Blätter wackeln. Ich wecke ihn: Du hörst dich schon an wie der Herbst… Hinter den Fontänen liegt auf kleinem Hügel das Herz des Spielplatzes. Hier ist jetzt richtig was los. Kinder aus aller Welt, auf der Rutsche sind sie alle gleich: Ersan und Eslem lachen keinen Deut anders als Paul und Marie, wenn sie durch die metallene Röhre sausen. Wer zu viel Angst vor der Zukunft hat, sollte sich das Getümmel auf einem großen Spielplatz anschauen. Eine Stunde nur. Hilft.

Die Mütter sitzen lieber getrennt auf Bänken. In der einen Gruppe überwiegen die Kopftücher, in der anderen der Pferdeschwanz. Ganz viele Mütter tragen Zopf. Warum? Ich weiß es, ich bin ein Großvater mit langen Haaren. Und schon Babys haben diesen Schraubstock-Griff. Wenn sich die kleine Faust im vollen Haar schließt, ist der Skalp in größter Gefahr.

Mit 81 kichern wie ein Kind

Zwei Kajaks gleiten still nach Bottrop. Ein älteres Ehepaar setzt sich links auf die Bank. Mit Annemarie komme ich schnell ins Gespräch: „Wir sind schon Stunden unterwegs. Mein Mann hat Parkinson. Aber er freut sich über diesen Tag. Wir halten uns dann gerne in der Nähe von jungen Leuten auf. Oder Kindern. Na klar, alt sind wir selbst. Die Jugend klingt nach Leben. Das brauchen wir.“ Sie beugt sich vor, spricht etwas leiser: „Ich bin vorhin sogar durch die Fontänen gelaufen. Manfred hat zugeguckt. Ich habe mich gefühlt wie ein kleines Mädchen. Und auch so gekichert. Und das mit 81. Ist das nicht schön?“

Ich habe dann noch eine Zeit still auf der Bank gesessen. Bis der Spätsommer ging. „Ich muss.“ War schön. Wir sehen uns im nächsten Jahr.

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