Arbeiten in den Niederlanden

Deichbau als Vermittler zwischen Adel und Bauern

Zwischen Grieth und Wisselward wird der Deich erneuert.

Zwischen Grieth und Wisselward wird der Deich erneuert.

Foto: NRZ

Kleve.   Was haben der niederländische Deichbau, Preußische Tugenden und der 30-jährige Krieg gemeinsam? Ingeborg Lindhoud weiß das...

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Was haben der niederländische Deichbau, Preußische Tugenden und der 30-jährige Krieg gemeinsam? Richtig, erstmal rein gar nichts. Doch Ingeborg Lindhoud sieht das anders. Für die Niederländerin, die schon seit 2005 in Deutschland lebt und als interkulturelle Trainerin arbeitet, sind diese drei Themengebiete für die Identität von Niederländern oder Deutschen maßgeblich – und somit der historische Grund für so manchen kulturellen Unterschied.

Denn weil die Landschaft in den Niederlanden so flach ist – rund ein Viertel der gesamten Fläche liegt unterhalb des Meeresspiegels – sind in Unternehmen anders als in Deutschland häufig auch die Hierarchien so flach, erklärt Lindhoud. „Bei Hochwasser haben Adlige und Bauern gleich nasse Füße bekommen. In den Niederlanden kann keiner auf einen Berg in seine Burg flüchten.“ Niederländer haben also schon früh gelernt, unabhängig von ihrer sozialen Stellung zusammenzuarbeiten. „Es zählte das gemeinsame Ärmelhochkrempeln.“

Weltoffenheit und Kontaktfreudigkeit

Außerdem florierte der Handel in den Niederlanden schon im 17. Jahrhundert, vor allem nachdem sich das Land infolge des Westfälischen Friedens zum Nationalstaat entwickeln konnte. Der Adel hat dadurch rasch an Macht verloren. Und als emsige Seefahrer hatten die Niederländer darüber hinaus schon früh mit fremden Kulturen auf der ganzen Welt zu tun – ein Grund für die Weltoffenheit und Kontaktfreudigkeit, die Niederländern häufig nachgesagt wird, schlussfolgert Lindhoud.

Die Deutschen bewegten sich hingegen zeitgleich in ihrem Flickenteppich aus Fürstentümern nur in ihrem eigenen kleinen Landkreis und waren nach den Schrecken des 30-jährigen Krieges eher auf Sicherheit bedacht. Ein Merkmal, das noch heute zur deutschen DNA gehöre, sagt Lindhoud. „Bei einem Projekt krempeln Niederländer gerne die Ärmel hoch, schießen direkt los und ändern nachher. Die Deutschen planen lieber bis ins kleinste Detail bevor sie loslegen.“

Ein weiterer Grund dafür, dass Deutsche tendenziell weniger risikobereit sind, seien auch die Preußischen Tugenden, speziell der disziplinierte Umgang mit Regeln und die damit verbundene Bürokratie. In der heutigen Zeit, in der schnelles Reagieren immer wichtiger wird, sind solche Eigenschaften schon mal im Weg. Gerade beim Thema Digitalisierung sind die Niederländer weiter.

Während die Deutschen noch immer in den meisten Fällen mit einem Papier-Formular bei Behörden auftauchen müssen, sind in den Niederlanden digitale Abwicklungen viel verbreiteter. Den Deutschen treibe dabei vor allem die Datensicherheit Sorgenfalten ins Gesicht. Beispielsweise durch die DDR sei das Thema vorbelastet, während Niederländer eine wertfreie Einstellung dazu hätten, erklärt Lindhoud. Das Bewusstsein für Datensicherheit präge sich bei ihnen gerade erst aus.

„In Deutschland gibt es viele Ereignisse, die dazu geführt haben, dass die Mentalität anders ist“, fasst Lindhoud zusammen. Doch auch wenn das so ist, sind die beiden Nachbarländer nicht völlig verschieden. „Es gibt auch Gemeinsamkeiten“, sagt die Kulturvermittlerin und nennt die Arbeitsqualität als Beispiel. Darauf würden Deutsche und Niederländer gleichermaßen achten, ebenso wie auf Pünktlichkeit. „Okay“, schränkt Lindhoud im selben Atemzug schmunzelnd ein, „die Niederländer sind vielleicht eher mal fünf Minuten zu spät.“

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