Erinnerungen

Auf den Spuren von Audrey Hepburn in Arnheim

Audrey Hepburn lebte auch in den Niederlanden.

Audrey Hepburn lebte auch in den Niederlanden.

Foto: oh

Arnheim.   Wie der Weltstar in den Niederlanden den Hungerwinter 1944 überlebte. Schauspielerin und Mode-Ikone verbrachte Teile ihrer Kindheit in Arnheim

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Exakt neun Jahre ist es her, dass das Schild am Jansbinnensingel in Arnheim gestohlen wurde. Seit einem Monat nun glänzt ein neues am Haus mit der Nummer 8a, in Gedenken an seine einstige Bewohnerin Audrey Hepburn. Und diesmal hängt es an der richtigen Stelle, hatte das erste doch jahrelang dem Nachbarhaus staunende Besucher beschert. Rechtzeitig zu Audreys 90. Geburtstag hat die Stadt noch einmal die Kurve gekriegt und ein neues Schild fertigen lassen. Interessanterweise liegt die Betonung der Inschrift auf Audreys Funktion als UNICEF-Sonderbotschafterin. Tatsächlich ist ihr Ruhm in den Niederlanden eher ihrem sozialen Engagement geschuldet, denn ihrer hinreißenden Schauspielerei.

In Deutschland ist der vielfach ausgezeichnete Weltstar vor allem als Holly, Sabrina oder Natascha in „Krieg und Frieden“ unvergessen. Kaum aber jemand weiß, dass die zierliche Schauspielerin und Mode-Ikone einen Teil ihrer Kindheit im niederländischen Arnheim verbracht hat. Heute noch sind ihre Spuren dort sichtbar – und auch das dürfte den meisten ein Novum sein.

Baronin holt Audrey nach Arnheim

Um zu erklären, wie es dazu kam, muss man weit ausholen. Audrey Hepburn erblickt am 4. Mai 1929 in Brüssel das Licht der Welt. Nach der Trennung der Eltern geht sie mit ihrem Vater, dem britischen Bankier Joseph Victor Anthony Ruston, der sich später noch den Namen Hepburn eintragen ließ, nach England, wo sie die ersten Lebensjahre verbringt. Mit Kriegsbeginn im September 1939, holt die holländische Baronin Ella van Heemstra (1900-1984) ihre Tochter aus London zu sich in die niederländische Grenzstadt, da sie hier die Zehnjährige in Sicherheit wähnt.

Arnheim erschien eine logische Wahl, denn der Großvater Audreys war Baron Aarnoud van Heemstra, ehemaliger Bürgermeister der Stadt und seit 1937 in der herrschaftlichen Villa Zijpendaal zuhause, die heute ein Museum ist. Hier war Audrey häufig zu Gast, wohnte aber gemeinsam mit ihrer Mutter und deren zwei Söhnen aus erster Ehe am besagten Jansbinnensingel Nummer 8. Von hier aus besuchte sie die heute nicht mehr existente öffentliche Schule im Bürgermeisterviertel.

Im Mai 1940 wurde Arnheim von den Deutschen besetzt. Da die englische Staatsbürgerschaft von Audrey nicht bekannt werden durfte, begann Ella van Heemstra ihr Kind mit seinem deutsch-freundlichen Taufnamen Edda zu rufen und es auf Holländisch zu unterrichten. Bis Ende des Krieges blieb Englisch im Haus tabu. Als der Familienbesitz der Van Heemstras von den Deutschen beschlagnahmt wurde, musste Großvater Aarnoud Zijpendaal verlassen und bezog deshalb die Villa Beukenhof im Vorort Velp.

Von 1941 an erhielt Audrey Ballettunterricht am Arnheimer Konservatorium. Ihr großer Traum ist es, Primaballerina zu werden, „ein Tutu zu tragen und im Covent Garden aufzutreten“. Bis zur legendären „Schlacht um Arnheim“ im September 1944 blieb Audrey diesem Vorsatz treu. Mehr noch: Sie organisierte Tanzabende, die als illegale Haus-Veranstaltungen stattfanden. Später einmal sagte sie, dass das beste Publikum, das sie je hatte, die wegen der Gefahr nicht-klatschende Gesellschaft jener Abende war.

Tulpenzwiebeln als Nahrungsersatz

Das Geld, das hierbei gesammelt wurde, ging an den niederländischen Widerstand („het verzet“), für den Audrey mit ihren Tanz-Kollegen auch Kurierdienste leistete. Einen ersten großen Auftritt hatte die 14-Jährige am 8. Januar 1944 bei einer Ballett-Vorführung im Arnheimer Theater. Im Hungerwinter 1944/45, in dem Deutschland alle Lebensmittelimporte nach Holland stoppte, um ein Exempel gegen den verzet zu statuieren, ernährt sich Audrey, wie Tausende ihrer Landsleute auch, von Tulpenzwiebeln, um zu überleben.

Im April 1945 befreiten die alliierten Truppen Arnheim. Der 5. Mai, der Tag nach Audreys 16. Geburtstag geht als Kapitulation in die Geschichte ein. Nach Kriegsende begann für die Van Heemstras in Arnheim eine schwere Zeit. So wurde Audreys Mutter der Verbindung zu hohen deutschen Offizieren bezichtigt. Unklar ist, ob sie sich öffentlich pro-nationalsozialistisch gab, um ihre Arbeit im Widerstand zu kaschieren oder ob sie tatsächlich mit den Nazis kollaborierte, um ihre Kinder zu schützen.

Was ihr besonders angelastet wurde, war ein gemeinsames Essen mit Hitler im Jahr 1935 und die Zugehörigkeit ihres Ex-Mannes zur faschistischen Union von Oswald Mosley in England. Um dem Argwohn der Arnheimer zu entgehen, aber auch, um Audreys Begabung als Tänzerin zu fördern, zog die Familie im Herbst 1945 nach Amsterdam, wo Audrey von der Star-Balleteuse Sonia Gaskell unterrichtet wurde. Mit diesem Umzug im Herbst 1945 endete Audreys Jugend in Arnheim.

Audrey Hepburn ist nicht – wie wir wissen – Tänzerin geworden. Ihre körperliche Labilität nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren ließ dies nicht zu. Ihre Anmut und ihr Gestus aber waren Zeit ihres Lebens vergleichbar denen einer Ballerina und kamen in vielen ihrer Filme zum Tragen. Am 20. Januar 1993 starb die einstige Edda van Heemstra nach einem langen Krebsleiden an ihrem letzten Wohnort bei Lausanne.

Ein Jahr später gedachte auch die Stadt Arnheim ihrer berühmten „Tochter“. An – leider nur dem Namen nach – exponierter Stelle, dem Burgemeestersplein (Bürgermeisterplatz), wurde eine strenge Büste der beliebten Schauspielerin und UNICEF-Botschafterin enthüllt. Schade nur, dass der Künstler Kees Verkade bei der Gestaltung der Gesichtszüge offensichtlich das für Audrey so typisch bezaubernde Lächeln übersehen hat.

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