Psychosomatiker

Arzt zur zweiten Corona-Welle: die Menschen sind erschöpft

Neue Corona-Einschränkungen und kurze, trübe Tage. Für manche Menschen ist das sehr belastend.

Neue Corona-Einschränkungen und kurze, trübe Tage. Für manche Menschen ist das sehr belastend.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa-tmn

An Rhein und Ruhr  Neue Einschränkungen in der dunklen Jahreszeit. Was das mit der Psyche macht und wie man sich vor mentalem Stress schützen kann.

Die zweite Corona-Welle rollt durchs Land, und das in der dunklen Jahreszeit, die ohnehin manchen Menschen aufs Gemüt schlägt. Was macht das mit der Psyche und wie kann man sie schützen? Darüber sprach Jan Jessen mit Prof. Martin Teufel, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin an der Universität Duisburg-Essen. Er hat mit anderen Wissenschaftlern die bislang größte Studie zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf die mentale Gesundheit vorgelegt, basierend auf der Befragung von 20.000 Menschen zu ihren Erfahrungen im vergangenen Frühjahr.

Herr Prof. Teufel, im Sommer konnte man den Eindruck haben, die Corona-Krise sei bewältigt. Jetzt rollt die zweite Welle samt erneuten Einschränkungen. Was macht das mit den Menschen?

Ich glaube, bei vielen macht sich Erschöpfung breit. Nach den aufreibenden Tagen im Frühjahr haben die Menschen den warmen Sommer genossen, sie waren mehr draußen, haben wieder die Nähe gesucht und nicht mehr das Sicherheitsverhalten aus dem April gezeigt. Das konnte man ihnen angesichts der Infektionszahlen nicht verübeln. Ihnen jetzt von politischer Seite wieder klar zu machen, dass sie wieder Abstand halten, die Maskenpflicht einhalten und sich zusammenreißen müssen, ist schwierig. Am meisten erschöpft die Menschen, dass sie das Gefühl haben, dass kein Ende abzusehen ist.

Im Lockdown im Frühjahr waren die Tage angenehm warm, man konnte Spaziergänge machen, diejenigen, die das Glück haben, einen Balkon oder Garten zu haben, konnten draußen sein. Jetzt sind die Tage kürzer geworden, das Wetter ist unangenehm. Verstärkt das die mentale Belastung?

Das kommt sicherlich mit dazu. Die Depressivität nimmt Richtung Herbst und Winter auch ohne Corona generell zu. Menschen, die eine Veranlagung dazu haben, werden melancholischer, es schlägt aufs Gemüt. Wenn jetzt noch Corona dazu kommt inklusive der erneuten Einschränkungen führt das zu einem empfundenen Autonomieverlust. Das kann bei Menschen, die zu einer melancholischen Herbst-Winter-Stimmung neigen, zu einer erhöhten Belastung führen.

Was kann und muss die Politik machen, um die Leute bei der Stange zu halten und sie dazu zu bewegen, die Corona-Regeln trotz dieser Erschöpfung einzuhalten?

In unserer Studie gibt es ein total wichtiges Ergebnis: Je besser informiert sich die Menschen fühlen und je mehr Vertrauen in politische Maßnahmen da ist, desto geringer ist die psychische Belastung, desto geringer sind die Generalisierung von Ängsten, das Stresserleben und die Depressivität. Deswegen brauchen wir eine Politik, die nicht zerstritten ist, sondern die einen Algorithmus von nachvollziehbaren Maßnahmen aufbaut. Natürlich können die sich je nach Situation verändern, aber damit muss man transparent umgehen und den Menschen erklären, warum sie sich verändern. Wir brauchen Klarheit, nicht Zerstrittenheit.

Was geschieht, wenn das genau das nicht passiert?

Menschen sehnen sich in Krisensituationen nach stringenter Anleitung. Ist die nicht gegeben, droht die Gefahr, dass sie sich Leuten zuwenden, die einfache Antworten liefern.

Wie erkenne ich, wenn Menschen in meinem Umfeld nicht nur erschöpft, sondern durch die Situation ernsthaft krank gemacht werden?

Unsere Studie, in der wir 20.000 Menschen befragt haben, hat gezeigt, dass die generalisierte Angst und Depressivität in der Krise erhöht ist. Aber es sind vergleichsweise wenige Menschen, die dadurch in einen pathologischen Bereich gehen. Das gibt es auch. Die menschliche Psyche ist darauf ausgerichtet, mit solchen Situationen umgehen zu können. Was wir leisten müssen, ist, eine Akzeptanz der Situation zu erreichen. Ein Warnsignal ist, wenn Menschen sich plötzlich zurückziehen, den Kontakt verweigern.

Müssen wir besser aufeinander achtgeben?

Ja, unbedingt. Man kann ja trotz der Einschränkungen in Kontakt kommen, in kleinen Gruppen oder in Videogesprächen. Da bekommt man schon mit, wenn es einem anderen nicht gut geht. Man sollte auch auf sich selber achten. Jeder Mensch ist ja Experte für sich. Man sollte ehrlich zu sein und mit anderen über die eigene Gemütsverfassung sprechen. Es gibt auch Hotlines für Menschen, die Hilfe brauchen.

Was kann man tun, um dem Blues entgegenzuwirken?

Gelassenheit ist das Wichtigste. Ist schwierig, weil die Politik ja gerade an die Furcht appelliert. Furcht kann positiv sein, damit Menschen sich schützen. Aber das ist ein schwieriger Spagat. Indem man auch sich und auf andere achtet und wenn man sich an die Hygiene-Regeln hält, kann das die Furcht abmildern. Das führt zu Gelassenheit. Wichtig ist auch, nicht alles aufzugeben, was gut tut. Das gilt für gewohnte Tagesabläufe, Hobbys oder Spaziergänge. Es muss darum gehen, in der Krise die Normalität zu bewahren.

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Unter corona-umfrage.de können sich Interessierte an der Befragung für die Studie von Prof. Teufel beteiligen.

Unter cope-corona.de finden sich Antworten zu der Frage, wie man mental am besten durch die Corona-Krise kommt. Unter 0201/438755200 können sich Menschen beraten lassen, die wegen Corona unter Sorgen, Ängsten oder Panikattacken leiden.

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