Dolmetscher

Nachfrage nach Dolmetschern bei Polizei und Justiz steigt an

Foto: Piotr Kozlowski

Essen.  Mehr als 2500 beeidigte Dolmetscher und Übersetzer gibt es in NRW. Arabisch und osteuropäische Sprachen sind stark nachgefragt.

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Sie sitzen mit im Verhörraum, vor Gericht oder begleiten Juristen in die Gefängnisse: Immer stärker sind Polizei und Justiz auf die Hilfe von Dolmetschern und Übersetzern angewiesen. Sie werden immer dann herangezogen, wenn Zeugen, Geschädigte oder Verfahrensbeteiligte der deutschen Sprache nicht mächtig sind.

Mehr als 2500 beeidigte Dolmetscher sind in NRW tätig. Spezielle Datenbanken auf Landes- und Bundesebene helfen, Experten für einzelne Sprachen und Dialekte zu finden. Stark nachgefragt ist Arabisch - aber auch für ost- und nordeuropäische Sprachen werden Übersetzer gesucht, derzeit beispielweise beim Polizeipräsidium Bochum.

Mehr als 363.000 Arbeitsstunden bei ordentlichen Gerichten und Staatsanwaltschaften

27,2 Millionen Euro gab das Land NRW im vergangenen Jahr für Dolmetscher- und Übersetzertätigkeiten in der ordentlichen Gerichtsbarkeit und bei den Staatsanwaltschaften aus, so ein Sprecher des Justizministeriums. Da Dolmetscher dort laut Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz (JVEG) 70 bis 75 Euro pro Stunde verdienen, wären das umgerechnet mehr als 363.000 Stunden.

Das aber ist nur ein Bruchteil der tatsächlichen Dolmetscher- und Übersetzungstätigkeit bei der Justiz. Hinzu kommen Kosten in unbekannter Höhe bei den Fachgerichten. Dort werden die Vergütungen für Dolmetscher und Übersetzer zu den allgemeinen Prozesskosten gezählt und nicht einzeln statistisch erfasst.

Polizei-Präsidien vereinbaren Verträge einzeln

Auch im Polizeidienst gibt es laut NRW-Innenministerium keine landesweite Statistik, die die Kosten aufschlüsselt. Die Polizei-Präsidien können zwar auf die Datenbank der Justiz zugreifen, schließen mit Sprachmittlern aber eigene Rahmenverträge ab.

Das Polizeipräsidium Bochum gab 2016 etwa 360.000 Euro für die Dienste von Sprachermittlern aus. Im Vergleich zu 2015 ist die Summe um 100.000 Euro gestiegen, so eine Sprecherin. In Hagen zahlte das Polizeipräsidium im vergangenen Jahr 157.000 Euro, so Sprecher Ralf Bode. Auch dort stiegen die Kosten stark an im Vergleich zum Jahr 2015 (91.000 Euro).

Beim Duisburger Polizeipräsidium waren es 2015 noch 519.000 Euro. Dort aber stiegen die Kosten nur leicht auf 520.000 Euro an. Grundsätzlich sei das Präsidium Duisburg seit der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren 2014 bereits stark auf Dolmetscher im Polizeidienst angewiesen, so eine Sprecherin: "Besonders gefragt sind Rumänisch, Bulgarisch, Türkisch, Kurdisch und seit etwa Ende 2015 auch alle arabischen Sprachen."

Bundesverband kritisiert Verträge der Polizei

Grundsätzlich werde bei der Polizei oft schlechter bezahlt, kritisiert der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), der eigenen Angaben zufolge etwa 80 Prozent aller organisierten Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland vertritt.

70 Euro Stundenlohn seien bei der Polizei "nicht die Regel, der Durchschnitt, sondern die Obergrenze, die aber in vielen Rahmenverträgen deutlich unterschritten wird", so BDÜ-Vizepräsidentin Dr. Thurid Chapman. Sie warnt: "Wenn aus Kostengründen nicht-qualifizierte und unerfahrene Sprachmittler zum Einsatz kommen, können Verfahren unter Umständen aus Formalitätsgründen verzögert oder gar behindert werden, was dann zu noch viel höheren Kosten führen kann."

Dolmetscherin: "Familiensachen sind besonders emotional"

Für die Belange von Sprachermittlern bei Polizei und Gericht setzt sich Brigita Balkytė vom BDÜ-Landesverband ein. Sie ist eine der vielen beeidigten Dolmetscher in NRW. Für die Polizei dolmetscht sie in ihrer Muttersprache Litauisch. Vernehmungen von Zeugen, Geschädigten oder Beschuldigten gehören zu ihrem Arbeitsalltag. Sie hilft immer dann bei den Ermittlungen, wenn Litauisch sprechende Personen sich an die Polizei wenden, vorgeladen oder festgenommen werden.

"Für Gerichte dolmetsche ich in den Hauptverhandlungen, in den nicht öffentlichen Anhörungsterminen, übersetze schriftliche Verfahrensunterlagen, aber auch das Mandantengespräch mit dem Rechtsanwalt in einer JVA gehört zu meinem Arbeitsalltag", sagt Brigita Balkytė. Obwohl sie in der Regel versuche, mit ihren Aufgaben professionell und sachlich umzugehen, gehen ihr manche Situationen - über die sie zumeist stillschweigen muss - auch persönlich nah: "Besonders emotional sind meistens Familiensachen, insbesondere das Umgangsrecht mit Kindern."

>> Info: Voraussetzungen für Dolmetscher

Grundsätzlich gelten spezielle Anforderungen: Um in NRW für Gerichte tätig werden zu können, muss ein Dolmetscher sich beeidigen und ein Übersetzer sich ermächtigen lassen. Dafür muss die persönliche und fachliche Eignung nachgewiesen werden.

Die Sprachkenntnisse in der Justiz müssen mindestens auf dem Niveau C2 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens liegen und mit Diplomen, IHK-Abschlüssen oder einem Hochschulstudium nachgewiesen werden. Auch Kurse, die "fundierte Kenntnisse der deutschen Rechtsprache" vermitteln, müssen erfolgreich abgeschlossen worden sein.

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