Plakatkunst

Museum Folkwang macht seinen Toulouse-Lautrec wieder schön

Papierrestaurator Lars Herzog-Wodtke (48)  arbeiter an einem Plakat von Henri Toulouse-Lautrec.

Papierrestaurator Lars Herzog-Wodtke (48) arbeiter an einem Plakat von Henri Toulouse-Lautrec.

Foto: Lars Heidrich

Essen.   Am Sonntag ist erstmals Europäische Tag der Restauratoren. Das Essener Museum Folkwang zeigt, wie es sensibele Kunstwerke fit macht: die Plakate.

Aristide Bruant hat Falten im Gesicht, wo sie nicht hingehören: Quer von der Nasenspitze rüber zu seinem linken Ohr. Berühmter als der Pariser Nachtklubbesitzer und Kabarettsänger des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist heute das Plakat, das Henri Toulouse-Lautrec für ihn fertigte. Das Essener Museum Folkwang hat ein Exemplar dieses Plakats, an das sich Lars Herzog-Wodtke vorsichtig heranwagt. Mit Pinsel und Farbe wird er die Falte vorsichtig retuschieren.

Dies ist noch eine der leichteren Übungen für den Diplom-Restaurator. „Hier“, sagt er, „das wird schwierig.“ Auf dem Plakat für „Kupferberg Gold“ sind unten am Rand dicke braune Klebestreifen zu erkennen. Irgendwer hat sie im Laufe der vergangenen Jahrzehnte auf der Rückseite angebracht, wo das Plakat zu reißen drohte. Und es auf einen rauen Leinwandstoff aufgezogen, so dass man an den Klebestreifen nicht herankommt. Leinwand hat zudem andere Dehnungseigenschaften als Papier.

Die Aufgabe für Herzog-Wodtke und Marlene Husung, die gerade ihr Master-Studium als Restauratorin abgeschlossen hat: Leinwand abtrennen und herausfinden, ob und wie sich der Klebestreifen entfernen lässt. „Das Lösungsmittel, das wir da brauchen, würde auch die Farben anlösen“, fürchtet Herzog-Wodtke. Vielleicht geht es mit einer Substanz mit dem schönen Namen „Meerschaumsalz“. Oder mit dem Spatel, dessen Metallklinge beheizbar ist und den Kleber womöglich anlöst. Dennoch ist es eine OP an dünnen Papierfasern, die dadurch noch dünner werden.

Spezialisiert auf Restauration von Papierkunstwerken

„Wir haben neben unserer kunstgeschichtlichen Ausbildung auch Kenntnisse in Chemie und Physik“, erläutert Herzog-Wodtke die Fachkunde der rund 1300 universitär ausgebildeten Restauratoren in Deutschland. Nur wenige davon arbeiten wie er in einem eigenen Betrieb, der sich auf die Restauration von Kunstwerken auf Papier spezialisiert hat. Kunstwerke, die ursprünglich nicht als solche geschaffen wurden.

„Plakate wurden gemacht, um für vier Wochen auf Ereignisse oder Produkte hinzuweisen“, sagt René Grohnert, Leiter der Plakatsammlung des Museums. Erst in den 60er-Jahren erkannte man, dass diese Werke einen Kunstwert haben. Die Essener Folkwang Hochschule für Gestaltung immerhin hatte die Chance, seine Sammlung, die nach dem Zweiten Weltkrieg verschollen war, 1964 zurückzukaufen. 1968 wurden die Plakate erstmals gezeigt – ein Riesenerfolg. 1978 entstand das Plakatmuseum, seit 2010 ins Museum Folkwang integriert– mittlerweile umfasst die Sammlung rund 350.000 Exponate.

„Normalerweise restaurieren wir Plakate mit Blick auf eine geplante Ausstellung“, erläutert Grohnert. Jetzt aber gibt es, dank einer Landesförderung, ein viermonatiges Projekt, das 21 besonders wertvolle Plakate zu sanieren hilft – sie sollen fit werden für die nächsten hundert Jahre. „Wir machen nichts, das sich nicht rückgängig machen ließe“, sagt Grohnert. Alle aufgebrachten Substanzen sind wasserlöslich, als Plakatträger dient Japanpapier mit langen Fasern. Die Rolle kostet schon mal ein paar hundert Euro.

Dafür dehnt es sich genauso wie das Plakat. Auf diesem Papier befindet sich auch Aristide Bruant. Und gewissermaßen auf der Streckbank. Das Papier wurde an den Seiten angefeuchtet und auf eine massive Holzplatte aufgespannt, beim Trocken zieht es sich zusammen: die meisten Falten verschwinden. Bei anderen hilft Herzog-Wodtke mit dem Pinsel nach.

„Aus zwei bis drei Metern soll wieder ein optisch einheitlicher Eindruck entstehen“, sagt Grohnert. Wer näher herantritt, wird auch künftig belohnt: Auf den zweiten Blick sollen die Kunstobjekte ihre Geschichte enthüllen. Wer genau hinsieht, wird auch künftig die Falte im Gesicht von Monsieur Bruant erkennen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik