Tierwohl

Muntere Hühner als Aktien zum Anfassen

„Jedes Tier ist etwas Besonderes“, sagt Landwirtin Heike Hülsermann. Die Hühnerherde fühlt sich auf der Wiese  sichtlich wohl.

Foto: Lars Heidrich

„Jedes Tier ist etwas Besonderes“, sagt Landwirtin Heike Hülsermann. Die Hühnerherde fühlt sich auf der Wiese sichtlich wohl. Foto: Lars Heidrich

Voerde.   Auf dem Tinthof in Voerde-Spellen können Verbraucher Anteile an einer Hühnerherde erwerben und so selbst zu „Hühnerhaltern“ auf Zeit werden.

Eine Aktie ist normalerweise eher etwas Abstraktes. Im besten Fall bringt sie Geld; wenn man Pech hat, Verluste. Die Aktien vom Tinthof sind da ganz anders: Sie sind braun, scharren munter auf dem Boden herum, gucken neugierig die Besucher an. Und wahrscheinlich sind sie die ersten Aktien weltweit, die man auch streicheln kann. Außerdem ist eine Dividende garantiert. Die Aktien, die man bei Heike und Christian Hülsermann zeichnen kann, sind Hühner.

Die laufen gerade im hinteren Teil des Bauernhofes im beschaulichen Voerder Ortsteil Spellen noch ganz gemütlich in ihrem Folienhäuschen herum, picken hier, picken dort und haben noch gar keine rechte Lust ihren Strohteppich gegen die frische Wiese zu tauschen, obwohl an diesem Mittag die Sonne von einem fast wolkenlosen Himmel scheint und alles schön wärmt. Heike Hülsermann zuckt mit den Schultern. Sollen sie machen, wie sie wollen. Obwohl: „Eigentlich sind es sehr wohlerzogene Hühner.“

Transparenz ist den Landwirten wichtig

So wohlerzogen, dass man sie gerne in ihrem großen, hellen Zuhause besuchen darf. „Kommen Sie einfach mit“, sagt die 47-jährige Landwirtin, öffnet die Tür und nimmt gleich ein Huhn auf den Arm, das sich das gerne gefallen lässt. Auch die sechs Hähne bleiben völlig entspannt.

Heike Hülsermann und ihr Mann Christian betreiben auf ihrem Hof, zu dem 40 Milchkühe (nebst Käserei) und 200 Hühner sowie ein Hofladen gehören, biologisch-dynamische Landwirtschaft. Näherkommen und gucken, wie die Tiere leben, ist hier nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht. Dem Ehepaar ist es daran gelegen, bei den Verbrauchern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie Nutztiere artgerecht und wesensgemäß gehalten werden. „Unser Antrieb ist, den Menschen die Landwirtschaft näherzubringen“, sagt Christian Hülsermann, der den Tinthof in sechster Generation führt. Transparenz und Offenheit ist ihnen wichtig, weil – so ihre Überzeugung – Landwirte und Verbraucher nur als Gemeinschaft funktionieren.

Erfahren, wie ein Huhn so tickt

Und so entstand vor einem halben Jahr auch die Idee, Verbraucher zu Anteilseignern einer Hühnerherde zu machen. Viele Menschen, so hat es Heike Hülsermann beobachtet, machten sich keine Gedanken darüber, wie lange ein Huhn eigentlich brauche, um zehn Eier zu legen, was es benötige, um ein artgerechtes Leben zu führen und wie es überhaupt so ticke.

Die Tinthof-Aktionäre wissen das. Sie erfahren es bei ihren wöchentlichen Besuchen, wenn sie sich ihre Eier abholen. Fünf stehen ihnen pro Anteil in der Woche zu, sechs sind es in dieser Woche, weil die Hühner besonders fleißig waren. Dafür haben sie im Winter deutlich weniger bis gar keine Eier gelegt – das ist normal.

Und so erlebt man gerade samstags viele Eltern und ihre Kinder oder Großeltern mit Enkeln, die schauen, wie es „ihren“ Hühnern so geht, um sich dann ihr Sonntagsfrühstücksei mitzunehmen. Sogar aus den Nachbarstädten kommen Anteilseigner. Viele von ihnen nutzen die Gelegenheit, um zusätzlich Einkäufe im kleinen, feinen Hofladen zu erledigen. Einige von ihnen haben sich überdies zu Fahrgemeinschaften zusammengetan – im Sinne einer guten Ökobilanz.

Unterwegs zu schönen Wiesen

Ulrich Lüders hat es nicht weit, er ist aus Voerde und Aktionär der ersten Stunde. Seine Frau und er hätten sich eine Hühneraktie gegenseitig zum Geburtstag geschenkt, erzählt er. „Denn das ist eine wirklich tolle Idee. So kann man als Verbraucher genau sehen, wo das Lebensmittel herkommt und wie die Tiere gehalten werden. Wir essen inzwischen überhaupt keine anderen Eier mehr.“ Die Dividende zum Schluss sei dann das Suppenhuhn, so Lüders. Das kann man bekommen, muss man aber nicht. Wobei die Vegetarier unter den Aktionären schon abgewinkt hätten, so Heike Hülsermann.

Zum Sommer hin wird das Federvieh der Sorte „Lohmann Brown“ in seinem Hühnermobil ein bisschen im Umkreis des Hofes herumreisen – immer dahin, wo die schönste Wiese ist und wo sie im Gras picken können. Das tun sie auch jetzt, denn die meisten von ihnen sind nun doch freiwillig rausgekommen „Sie machen einen zufriedenen Eindruck“, sagt die Landwirtin beim Blick über die gefiederte Herde, und sie sieht dabei fast ein bisschen mütterlich stolz aus. Glückliches Hühnerleben!

  • >>INFO: EIN EINSTIEG IST NOCH MÖGLICH

  • Noch immer ist ein Einstieg in die Hühneranleihen auf dem Tinthof in Voerde-Spellen möglich. Das Projekt ist zunächst bis März 2018 geplant. Ein Anteil entspricht einem Huhn und kostet 145 Euro für ein Jahr. Dafür können sich die Aktionäre pro Woche fünf Eier auf dem Hof abholen, die Tiere besuchen, sich vor Ort über ihre Haltung informieren. Überdies planen die Hülsermanns auch noch eine „ Aktionärsversammlung “, die ein lockeres Kennenlernfest für alle Anteilseigner sein soll.
  • Nähere Infos: www.tinthof.de oder unter Telefon: 02855-308 489.

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