Politik

Mahmut Özdemir - von der Skaterbahn in den Bundestag

Mahmut Özdemir aus Duisburg zieht für die SPD als jüngster Abgeordneter in den Bundestag ein.

Mahmut Özdemir aus Duisburg zieht für die SPD als jüngster Abgeordneter in den Bundestag ein.

Foto: Tim Schulz/WAZ FotoPool

Duisburg.   Mahmut Özdemir aus Duisburg-Homberg ist mit 26 Jahren der jüngste Abgeordnete im Bundestag. Begonnen hat alles mit seinem Engagement in der Heimatstadt. Beim Start in seine neue politische Karriere hat er zwar schon Lehrgeld zahlen müssen. Davon lässt er sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen.

Erstmal bückt er sich und hebt die leere Pommestüte auf, wirft sie in den Mülleimer der Skaterbahn. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagt er. Ein etwas abgegriffener Spruch für einen 26-Jährigen. Man merkt Mahmut Özdemir schnell an, dass er darauf bedacht ist, nicht versehentlich zu viel von sich zu verraten.

Denn seit klar ist, dass er der jüngste Abgeordnete des neuen Bundestages ist, steht er weit mehr im Lichtkegel der Öffentlichkeit als andere Novizen. Und wie schnell man da in Teufels Küche kommt, das hat er auch schon erfahren.

Netzkarte der Bahn

Gleich am ersten Tag in Berlin hat er das gemacht, was viele in seiner Generation gemacht hätten: Er hat nicht ohne kleinen Stolz Fotos seines Abgeordnetenausweises und seiner 1.-Klasse-Netzkarte der Bahn auf Facebook gepostet. Da ging es dann gleich hoch her in den Internetforen: Es beginnt mit „unverschämt, warum 1. Klasse“ und endet wie so oft im Netz in uferlosen Diskussionen über „Integration“ und „gläserne Abgeordnete“, sogar Goebbels Freude über seine Reichsbahnkarte wird ohne große Scham zitiert.

Mahmut gibt sich da gelassen, sagt aber auch klar: „Ich habe den Anspruch, auch zukünftig ganz offen über meine Arbeit in Berlin zu informieren.“

Wir haben uns nicht zufällig auf der Skateranlage in Homberg getroffen. Es ist sozusagen eine historische Stätte, denn hier begann die politische Arbeit des jungen Abgeordneten. „Ich war 11 Jahre alt und Hobby-Inliner. Überall wurden wir und die Skater vertrieben. Vor dem Plus-Markt, vor dem Praktiker-Markt, vor der Kirche. Ich wollte einen Platz für uns finden.“

Durchsetzung gelernt

Er geht zu den Falken, später dann zu den Jusos, wird jung deren Vorsitzender, und schafft es mit ihnen tatsächlich, nach jahrelangem Hickhack mit Verwaltung und Anwohnern die Skaterbahn hinzubauen. „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ sagt er dazu und hat jung sehr viel über Politik und deren Durchsetzung gelernt.

Mehmuts Eltern wurden in der Türkei geboren, er selbst in Homberg. Ein guter Ort für einen Jungen wie ihn, sagt er: „In der Schule gab's da überhaupt keine Probleme. Meine Lehrer glaubten an die Chancengleichheit. Auch das hat mich politisch geprägt. Ali und Hans, Aishe und Melanie, wir sind zusammen großgeworden. Für uns war das immer völlig normal. Ruhrgebiet eben. Oder wie es mal ein Bergmann bei einer Barbarafeier sagte: Unter Tage sind eh alle schwarz...“

Der Junge aus dem Pott

Er mag dieses Image des Jungen aus dem Pott. Nicht aus Berechnung, das kommt von Herzen. Nur mit seiner Fußball-Liebe steht er abseits: VfL Wolfsburg. „Mein Vater fuhr schon immer VW, ich auch. Ich fand die Marke immer innovativ. Und so kam ich auf Wolfsburg. Beim MSV war ich aber auch schon als kleiner Junge oft mit meinem Vater. Einmal bin ich da sogar verloren gegangen. Da wurde ich dann über Lautsprecher ausgerufen. ‘Der kleine Mahmut möchte an Kasse soundso abgeholt werden’.“

Ha, jetzt erzählt er ja doch persönliche Sachen. Hat er denn schon seinen Namensvetter Cem Özdemir von den Grünen getroffen? „Özdemir ist in der Türkei ein Name wie Müller oder Schulz. Heißt so was wie ‘echtes Eisen’. und steht für Kraft und Stärke. Letzte Woche im Bundestag hätten sie mir tatsächlich fast den Laptop von Cem ausgehändigt. Zum Glück hat jemand die Verwechselung gerade noch bemerkt.“

Zwei Zimmer, Küche, Bad

Hat er bereits eine Bleibe in Berlin? „Seit zwei Tagen. Zwei Zimmer, Küche, Bad, 40 Quadratmeter, Zwei Kilometer von der Arbeit entfernt. Da kann ich gut laufen. Ich will ja arbeiten und nicht ‘schöner wohnen’. Ein Bett kommt rein, Sofa, Schrank, dann hat sich die Laube. Kochen tu ich eh nicht. Und ich ess' sowieso am liebsten Pommes rot-weiß.“

Heute ist der 3. Oktober. Was bedeutet das einem 26-Jährigen, der bei der Wiedervereinigung gerade drei Jahre alt war? Mahmut denkt kurz nach, die Antwort gibt dann wieder der Abgeordnete Özdemir: „Meine Generation pflegt da den Bezug zur Geschichte, zum eigentlichen Ursprung der Ereignisse, also zum zweiten Weltkrieg und den Folgen. Für mich ist das auch Mahnung, eine pazifistische Politik zu machen, in Krisen die diplomatische Lösung zu suchen.“

Herr Abgeordneter, wir danken für das Gespräch. Und viel Erfolg in Berlin, Mahmut.

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