Klimawandel

Klimakiller oder Klimaretter: Moore sind wichtiger als Bäume

Prof. Klaus-Holger Knorr auf dem Dach der Uni Münster mit zwei federleichten Stücken trockenen Torfs. Er ist einer von nur einem halben Dutzend deutscher Moor-Experten.

Prof. Klaus-Holger Knorr auf dem Dach der Uni Münster mit zwei federleichten Stücken trockenen Torfs. Er ist einer von nur einem halben Dutzend deutscher Moor-Experten.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Münster.  Moore wurden lange gefürchtet – und unterschätzt. Fürs Klima sind sie wichtiger als Bäume, sagt ein Experte. Aber fast ist es schon zu spät.

Alle reden über den Klimawandel, über das Sterben der Wälder und die Brände am Amazonas. Niemand spricht über Moore. Doch Moore speichern rund ein Drittel allen irdischen Kohlenstoffs – mehr als doppelt soviel wie alle Wälder dieser Erde zusammen. Und dabei bedecken sie nur knapp drei Prozent der Landfläche unseres Globus’. Sie haben kühlenden Effekt aufs Klima, sagt Prof. Klaus-Holger Knorr, einer der ganz wenigen Experten im Land: „Ohne unsere Moore wäre es bereits heute ein bis eineinhalb Grad wärmer.“

Moore entstanden in Mitteleuropa nach der letzten Eiszeit, also vor etwa 11.000 Jahren. 462 Gigatonnen (!) Kohlenstoff lagern heute in ihnen; 1,29 Gigatonnen davon allein in den deutschen Mooren . Das Problem: Nur sieben Prozent von ihnen sind noch intakt, 93 Prozent der Moore in Deutschland sind (fast) völlig zerstört. Sie wurden trocken gelegt, land- bzw. forstwirtschaftlich genutzt oder für gärtnerische Zwecke abgetorft. Bei der Entwässerung von Mooren aber gelangt Sauerstoff an den gespeicherten Kohlenstoff. Gewaltige Mengen Kohlendioxid werden so freigesetzt, und – schlimmer – auch Methan und Lachgas, noch gefährlicher für die Atmosphäre.

Für die Hälfte der entwässerten Moore ist es schon zu spät

Und deshalb“, sagt Klaus-Holger Knorr, Leiter der Arbeitsgruppe Ökohydrologie und Stoffkreisläufe am Institut für Landschaftsökologie der Uni Münster, „lohnt es sich sehr, sich genauer mit Mooren zu beschäftigen.“ Vor allem hier in Deutschland. Denn hier würden Moore stärker „genutzt“ als anderswo. Das Land belegt Platz 19 auf der Liste der Länder mit den größten Vorkommen, landet aber bei den Emissionen aus degradierten (trocken gelegten) Mooren auf Rang 9. Die Kohlendioxidemissionen aus entwässerten Feuchtgebieten in Deutschland, errechnete das Greifswalder „Moor Centrum“ 2018, sind doppelt so hoch wie die, die der innerdeutsche Flugverkehr freisetzt.

Wachsende, gesunde Moore könnten weiterhin große Mengen Kohlenstoff speichern. „Sie könnten Klimaretter sein“, erklärt Klaus-Holger Knorr. Oder aber Klimakiller. „Denn wir müssen anerkennen, dass Moore, so wie wir sie heute nutzen, klimaschädlich sind.“ Für die Hälfte der zerstörten Moore ist es nach Ansicht des Wissenschaftlers jedoch schon zu spät. Alle anderen müssten unbedingt renaturiert werden. Was leichter gesagt als getan ist. Mit der „Wiedervernässung“ allein ist es nämlich nicht getan.

Schilf und Röhricht kann man auf nassem Boden prima anbauen

Zudem müsse man „global denken“: Torf etwa wird in Deutschland längst nicht mehr zum Befeuern von Kraftwerken abgebaut, aber ohne ginge es nicht: Gemüse wie Tomaten werde auf Torf gezogen und sei derzeit noch durch nichts zu ersetzen, auch wenn man mit der Beimengung von Dinkel- und Kokosspänen experimentiere. „Verbieten wir den Torfabbau bei uns also rigoros, müssen wir ihn uns anderswoher holen. Aus dem Baltikum womöglich, wo viele Moore heute noch intakt sind...

Am dringlichsten ist Knorr zufolge eine gründliche „Inventur“ der Moor-Landschaft in Deutschland: Welche Flächen können wir überhaupt noch revitalisieren – um dann mit aller Kraft daran zu arbeiten. Anschließend müsse man sich alternative Nutzungsmöglichkeiten für die Moore überlegen, die nicht mehr zu retten sind. „Sphagnum Farming“, der großflächige Anbau von Torfmoosen, oder „nasse Landwirtschaft“ etwa seien vielversprechende Ansätze. Röhricht und Schilf könne man nämlich auf sehr nassem Boden gut anbauen. Und beides seien gefragte, „prima Baudämmstoffe“. Torfmoose hielten die Methan-Emissionen niedrig und „machen Moore wachsen“. Aber noch lohne sich beides wirtschaftlich nicht, „da muss jetzt die Politik ran“, sagt Knorr. Die müsse schließlich überhaupt erst einmal die Bedeutung der Moore anerkennen – und öffentlich machen.

„Machen wir doch einfach die Förderprogramme für Wälder auf“

„Die Zahlen sind ja alle da. Die Frage ist nur, wie wir das umgesetzt kriegen“, glaubt der Forscher, der in aller Welt seine Studien betreibt: in Skandinavien, China, Kanada, Patagonien. Tolle Bilder von kerngesunden Mooren brachte er von seinen Reisen mit; wenn er davon erzählt, versteht man, dass sie ihm ein „Herzensanliegen“ sind. Mehr als das 15- bis 25-Fache des eigenen Trockengewichts könnte Torf an Wasser aufnehmen, schwärmt der Geoökologe. Doch weiß er oft nicht einmal, wem er seine Projektanträge schicken soll. „Für Moore fühlt sich niemand wirklich zuständig.“

Moore haben keine Lobby. Im Gegenteil: Viele düstere Geschichten ranken sich um sie, Menschen fürchten sie. Selbst die NRW-Stiftung wartet unter der Überschrift „Faszination Moor“ mit makabren Zahlen auf: „Auf zehn Moorleichen, die beim Abtorfen westfälischer Moore gefunden wurden, kommen etwa 170 in Niedersachsen.“

Knorr liebt sie trotzdem. „Machen wir doch die Förderprogramme einfach auf“, schlägt er vor. Und behandeln Moore wie Wälder. „Die sind ja auch wichtig.“

>>>>INFO: Vorkommen von Mooren

Die meisten Moore gibt es in Russland. Sie dehnen sich auf einer Fläche von 1.176.280 Quadratkilometern aus. Das entspricht mehr als der Größe des Landes Kolumbien.

Die mit Abstand größten Schadstoff-Emissionen verzeichnet Indonesien. Den dort werden Moore in erschreckendem Maße für Ölpalmenplantagen vernichtet.


Nur 1,6 Prozent der Landfläche Nordrhein-Westfalens sind Moore. Knorrs Lieblingsmoor in NRW ist das „Hohe Venn“ im deutsch-belgischen Grenzgebiet: „Das sollten Sie sich mal angucken, empfiehlt der Moor-Professor. „Viel Potenzial“ – auch wenn es unter der Trockenheit der letzten beiden Jahre sehr gelitten habe.

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