Bücher

Hermann Hartwich schuftete als Junge für sein erstes Buch

Hermann Hartwich in seinem Haus in Mülheim.Hartwich ist begeisterter Leser von Geschichts- und Kunstbüchern.

Hermann Hartwich in seinem Haus in Mülheim.Hartwich ist begeisterter Leser von Geschichts- und Kunstbüchern.

Foto: Kitschenberg

Mülheim.   Essener Ex-Oberstadtdirektor kam aus einer Familie, in der nicht viel gelesen wurde. Heute ist für den 74-Jährigen jeder Tag ein „Tag des Buches“. Als Teenager sparte und arbeitete er jahrelang, um sich die Geschichtserzählungen von Otto Zierer leisten zu können. Heute birgt sein Haus viele Buchschätze.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wenn man auf die Suche nach jemandem geht, der Bücher liebt und spannende Geschichten darüber erzählen kann, dann ist man bei Hermann Hartwich richtig. Der „Tag des Buches“ am 23. April ist ein guter Anlass für eine solche Begegnung. Aber für den ehemaligen Essener Oberstadtdirektor braucht es solch einen Tag nicht. Für ihn ist 365mal im Jahr ein Tag des Buches. Das sieht man gleich, wenn man sein Haus in Mülheim betritt, dessen Baupläne seine Frau Anita selbst skizziert hat. Und sie hat für die Leidenschaft ihres Mannes viel Platz eingeplant.

Viel Platz eingeräumt

Bücherwände in der Galerie, verschiebbare Dreifach-Regale im Parterre, Regale im Arbeitszimmer, im Flur und Kisten im Keller. 10.000 Bände sind dort aufgereiht. Viel Geschichte, viel Kunst, viel Gedichte, besonders vieles über Bildhauerei. Zwischen all den prächtigen Bänden mit den Werken von Bernini und Michelangelo steht eher unscheinbar Hartwichs größter Schatz. Sein erstes Buch, das er sich vor 55 Jahren selbst gekauft hat: Otto Zierers „Bild der Jahrhunderte, Von der Urzeit bis 500 v. Chr.“ Er zeigt das kleine Buch dem Besucher – fast so, als hielte er den heiligen Gral in seinen Händen. „Das hat bei mir die Liebe zum Lesen geweckt“, sagt der 74-Jährige. Ein Buch kann eine Welt verändern. Die Welt des Arbeiterkindes Hermann aus Essen-Haarzopf hat es verändert.

Ein Buch kann die Welt verändern

„Bei uns zu Hause gab es keine Bücher“ erinnert sich Hermann Hartwich. Der Vater war Schlosser bei Krupp, die Mutter betrieb einen Tante-Emma-Laden. Als der Junge 15 war, schickte ihn der Direktor der Realschule in die Schulbücherei. Er hatte das Interesse des Jugendlichen an historischen Stoffen erspürt. „Hol dir mal Otto Zierer“, hat er gesagt. „Der schreibt gut über Geschichte.“

Für Hartwich war’s der Beginn einer großen Leidenschaft. Das war besser als die Western-Heftchen, die er mit den Kumpels in der Schule tauschte. Weil Zierer Historisches wie im Roman erzählt, hat Hartwich den ersten Band verschlungen. Und weil’s so gut war, hat er sich anschließend durch die mehr als 30 weiteren Geschichtsbände von Zierer geschmökert. Der 15-Jährige ahnte wohl, dass diese 36 Bände was ganz Besonderes für sein Leben bedeuteten. „Ich wollte sie selbst besitzen“, erzählt er. Nicht so einfach – mit 50 Pfennigen Taschengeld in der Woche.

So hat er angefangen zu sparen und zu arbeiten. Für die Mutter hat er Waren ausgeliefert, weil’s da oft ein gutes Trinkgeld gab. Und in den Ferien hat er im Chemiewerk Kisten und Säcke geschleppt. So kam das Geld zusammen. „Und ich hab gelernt, was harte Arbeit bedeutet“, erinnert sich der Pensionär. Band für Band, 6,50 Mark das Buch, trug er als Jugendlicher so zusammen. Sein ganzer Stolz. Bis heute.

Lehrling bei der Stadt

Nach der Realschule ging er als Lehrling zur Stadt und legte eine beeindruckende Karriere hin. Leiter des Schulamts und des Hauptamtes wurde er, Kaufmännischer Chef der neuen „Theater-und-Philharmonie-Gesellschaft“ in der Zeit, als Essen das Prestige-Objekt „Aalto-Oper“ stemmte, dann Personaldezernent und schließlich Oberstadtdirektor, oberster Chef der Stadtverwaltung in einer Metropole mit knapp 600.000 Einwohnern. „da wurde ich von SPD und CDU immer gemeinsam ins Amt gewählt“, sagt der Sozialdemokrat, der immer mehr Pragmatiker als Ideologe war.

Lieblingssessel neben Kamin

„Wenn man nicht studiert hat, muss man mehr arbeiten als andere“, ist seine Erfahrung. Morgens um 7.45 Uhr saß er schon im Rathaus, abends um 19.30 Uhr auch. „Und am Sonntag habe ich mir Akten mit nach Hause genommen.“ Der Lesestoff hat sich in jenen Jahren zwangsläufig verändert. Verwaltungsvorlagen statt Geschichte und Geschichten.

Jetzt hat er wieder Zeit für seine Bücher.

So sitzt er viele Stunden auf seinem Lieblingssessel neben dem Kamin, die Dreifach-Schieberegale mit den Büchern im Rücken und den Blick in den gepflegten Garten vor sich.

Er könnte noch so viel erzählen: über die Liebe zu Hermann Hesse („Da geht einem das Herz auf“), über das Gedicht „Der Krieg, der kommen wird“ von Bert Brecht, das er vor zwei Wochen aus der NRZ ausgeschnitten hat („Hoch aktuell angesichts der Krise in der Ukraine“) und über die spannenden Stoffe, die er gerade liest – unterwegs auch schon mal auf dem E-Book.

„Wenn es Eltern oder Lehrer schaffen, Kindern das richtige Buch in die Hand zu drücken, dann können aus ihnen Erwachsene werden, die gerne lesen.“ Sind denn Bücherleser die besseren Menschen? „Nein, nein“, sagt Hartwich. „Aber sie sind interessierter. Und vielleicht auch entspannter.“

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben