Buch

Bundespolizisten schildern Grenzerfahrungen mit Flüchtlingen

Ein Polizist sammelt im Oktober 2015 auf der Innbrücke an der deutsch-österreichischen Grenze eine Gruppe von Flüchtlingen. Foto: dpa

Ein Polizist sammelt im Oktober 2015 auf der Innbrücke an der deutsch-österreichischen Grenze eine Gruppe von Flüchtlingen. Foto: dpa

Köln.   Drei Bundespolizisten schildern ihre Erlebnisse mit Flüchtlingen. Ihr Buch „Mittendrin!“ dokumentiert einen Winter zwischen Mitgefühl und Chaos.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Natürlich haben sie, gerade sie, diese Frage oft gehört: „Wer kommt da zu uns?“ Sie müssen das wissen, diese drei: Dirk Conrads, Philipp Franke und Marcel Hodenius taten im Winter 2015 Dienst an der deutsch-österreichischen Grenze. „Mittendrin!“, so haben sie ihr Buch genannt, „Drei Polizisten berichten aus der Flüchtlingskrise“. Sie haben sie gesehen, die Abertausenden, die damals nach Deutschland kamen. Haben mit ihnen gesprochen, ihre Fingerabdrücke genommen, sie waren dabei bei diesem „Jahrhundertding“. Ihre „ehrliche Antwort“ auf die Frage steht auf Seite 45 und heißt: „Dass wir das in vielen Fällen bei der Einreise gar nicht wissen“.

Vielleicht war es eine „Schnapsidee“, wie Dirk Conrads, der 44-Jährige sagt, vielleicht auch so, wie Philipp Franke, 33, aus Essen erzählt: dass sie sich mit ihrem Buch alles „von der Seele geschrieben“ haben. Was sie erlebten an der Grenze, was sie sahen, was sie bewegte, aber auch erschütterte. Literatur ist das nicht, erscheint im Selbstverlag, aber authentisch ist es wohl. Die drei Autoren wollen nicht politisch sein, sie wollen aufräumen mit Vorurteilen, sie meinen es gut – und doch geben die sechs Kapitel vielsagende Antworten auf die zuletzt noch häufiger gestellte Frage: „Wer ist da zu uns gekommen?“

„Auf einmal war alles erlaubt“

Da standen sie im September, 15 Polizisten bis zu 1000 Flüchtlingen gegenüber, und sollten das Gesetz hüten – „und auf einmal war alles erlaubt“! Es war ja „chaotisch“, sagt Conrads und „unkoordiniert“, sie stellten Gitter auf und ein Festzelt, um die ersten aufzunehmen, verteilten Essen und Kleidung; Conrads, der erfahrene Polizeihauptmeister, nennt es „Erste Hilfe“. Und sagt: „Es wusste keiner, was zu machen war.“ Im Rückblick schreibt er auch: „Im Zuge des Flüchtlingsandrangs wurde und wird, das lässt sich nicht beschönigen, geltendes Recht außer Kraft gesetzt.“ Sie hätten ja lauter Anzeigen schreiben müssen wegen unerlaubter Einreise, eigentlich.

Allein, so war der politische Wille nicht und auch nicht der der Kölner Polizisten: „Ich hätte keine Familie aus Syrien zurückgeprügelt“, sagt Conrads. Zumal: „Man kann die grüne Grenze nicht sichern, so viele Polizisten gibt es gar nicht.“ Sie versuchten, „nicht abzustumpfen, das Einzelschicksal im Blick zu behalten“, die Unruhestifter zu erkennen und die Hilfebedürftigen, Warteschlangen zu organisieren, die „unübersichtliche Lage“ übersichtlich zu machen.

Kinderbilder von zerstörten Häusern

Sie sahen die „nicht abreißen wollende Menschenflut“, „häufig in erbärmlichem Zustand: krank, in zerrissenen Kleidern, erschöpft und ausgehungert“. Sahen, wie erleichtert die Leute waren, in „Germany“ zu sein, wie sie sich auf die Landkarte stürzten, um die weitere Reise zu planen. Wie sie erst lernen mussten, deutsche Toiletten zu benutzen, und dass Nutella nichts mit Fäkalien zu tun hat. Sie hörten Geschichten von grausamer Flucht, von Spannungen zwischen Syrern und Afghanen, von der Sehnsucht, heimzukehren, irgendwann. Und sie sahen Kinder mit geschenkten Stiften malen: „Zerstörte Häuser, blutüberströmte Menschen, Flugzeuge, die Bomben abwerfen“ – es ließ ihren Atem stocken.

Aber die drei Polizisten sahen auch dies: Messer, Rasierklingen, Elektroschocker, „so ziemlich alles, was sich als Waffe verwenden lässt“. Junge Männer, deutlich in der Mehrheit, die „bewusst austesten, wie weit sie gehen können“. Männer, die ihre Frauen beschimpfen, schlagen, treten. Und, „unvorstellbar“, Leute, die Kinder im Kampf um einen Platz im Bus instrumentalisieren: Babys hochhalten, die ihnen gar nicht gehören, sie später sogar zurücklassen; Kleinkindern schwere Wunden zufügen, um in der Schlange vorgelassen zu werden. Grausame Geschichten, die den Beamten, die täglich zwölf Stunden arbeiten in Einsätzen von mehr als zwei Wochen, nicht aus dem Kopf gehen.

Ein Haufen Pässe mit herausgerissenen Fotos

Am Ufer des Inn suchen sie irgendwann die Pässe, die so vielen Flüchtlingen fehlen: und finden sie zu Tausenden an der Staumauer, die Fotos herausgerissen. Auch syrische, „obwohl sich doch herumgesprochen hatte, dass Syrer bessere Chancen auf Asyl haben“. Sie lernen Menschen kennen, die Fotos machen von den adretten bayerischen Häuschen und sie nach Hause schicken: So schön ist Deutschland! Die von „Mama Merkel“ erzählen und ihrer angeblichen „Einladung“. Sie helfen Tscharli, dem Flaschensammler, der mit den leeren Wasserpullen etwas Geld verdient. Sie trösten den Syrer, der seinen Bruder sucht und dem sie sagen müssen: Er ist tot.

Und sie streiten mit sich selbst: „Ein Rechtsstaat“, schreiben sie, kann es nicht zulassen, dass Personen unkontrolliert in sein Gebiet einreisen, ohne dass erfasst wird, wer sie sind und wohin sie gehen.“ Und doch gibt es auch das Asylgesetz und ihr Mitgefühl: „Auch wir wissen“, – Philipp Franke zumal, der seit Jahren Abschiebungen begleitet – „dass viele der Menschen, die zu uns kommen und denen wir an der Grenze begegnen, nicht werden bleiben können.“

>> Infos zum Buch

„Mittendrin! Drei Polizisten berichten aus der Flüchtlingskrise“ ist im Verlag Tredition, Hamburg, erschienen: 140 Seiten, ab 14,90 Euro.

Die Autoren sind in diesem Jahr zu Silvester rund um den Kölner Hauptbahnhof im Einsatz.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (6) Kommentar schreiben