Integration

Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer freuen sich über Erfolge

Die Ehrenamtlichen Britta Bremer (links) und Stephi Sachße haben viel für Abdulhadi und seinen Bruder Jahn (rechts) organisiert. Die beiden Essener Frauen teilen sich eine Patenschaft für eine fünfköpfige syrische Familie.

Foto: Volker Hartmann

Die Ehrenamtlichen Britta Bremer (links) und Stephi Sachße haben viel für Abdulhadi und seinen Bruder Jahn (rechts) organisiert. Die beiden Essener Frauen teilen sich eine Patenschaft für eine fünfköpfige syrische Familie. Foto: Volker Hartmann

Essen/Oberhausen.   Zwei Initiativen aus Essen und Oberhausen zeigen beispielhaft, wie Patenschaften und andere Hilfen zur Integration von Flüchtlingen beitragen.

Wenn Britta Bremer und Stephi Sachße auf das Jahr 2016 zurückblicken, schütteln sie ungläubig mit dem Kopf. Und sagen: „Mensch, das haben wir alles hingekriegt.“ Es ist eine Erfolgsgeschichte. Eine Geschichte, wie Integration gelingen kann in einer Zeit, in der die mediale Welt ein ganz anderes Bild von Wirklichkeit zu vermitteln scheint. Es ist eine Geschichte im Stillen, im Verborgenen, die die beiden Essener Frauen seit Monaten mit einer syrischen Mutter und ihren vier Kindern verbindet.

„Da zieht eine syrische Alleinerziehende vom Zeltdorf in eine Wohnung.“ Durch Zufall bekam Britta Bremer, engagiert an einem Runden Tisch des Essener Stadtteils Frohnhausen, diese Nachricht von einer Bekannten. So erfuhr sie von Yasmin aus Qamishli im Norden Syriens, 30 Jahre alt, drei Söhne, eine Tochter. Yasmin spricht kein Deutsch. Und kein Englisch.

Die Mutter hat endlich Zeit für einen Deutschkurs

„Wir haben dann gehört, dass es von der Caritas und Diakonie keine Unterstützung gibt“, erinnert sich Britta Bremer. Die Mitarbeiter, die Flüchtlinge in Wohnungen betreuen, waren komplett ausgelastet, neue Fälle wurden nicht angenommen. Gemeinsam mit ihrer Freundin Stephi entschloss sich die 43-Jährige, Yasmin zu helfen.

Sie besorgten Möbel, organisierten den Transport, sie halfen dabei, die älteren zwei Jungs in die richtige Schule zu bekommen, sie suchten einen Kita-Platz für Jahn. Sie vermittelten Yasmin in einen Rucksack-Kurs für Migrantinnen im Stadtteil, dort sangen die Kinder deutsche Lieder und die Mütter bekamen Tipps zur Kindererziehung.

„Wir haben auch viel bei Arztbesuchen geholfen“, erzählt Britta Bremer. „Wie soll Yasmin den Arzt finden, wenn sie keine Straßennamen und Schilder lesen kann?“ Schließlich fanden die beiden Patinnen auch noch eine Tagesmutter, die Deutsch und Arabisch spricht, für die anderthalbjährige Asia. Jetzt hat Yasmin endlich Zeit und Muße, mit einem Deutschkurs zu starten.

Ein jesidischer Kurde übersetzt für eine Muslimin

„Wir haben wirklich viel unbürokratische Hilfe bekommen, das hätte ich vorher nicht gedacht“, sagt Stephi Sachße (42). Ihre Freundin ergänzt: „Niemand hat zum Beispiel ein Problem daraus gemacht, dass ich keine Vollmacht hatte, weder in der Schule noch in der Kita. Einmal musste Asia zum Arzt, da bin ich zum Sozialamt gefahren und habe ganz unkompliziert einen Behandlungsschein bekommen. Wir haben sehr viele hilfsbereite Menschen getroffen.“

Die Sprachbarriere zu Yasmin überwanden sie mithilfe eines anderen Flüchtlings, Murad. Er ist jesidischer Kurde, Yasmin ist Muslimin. „Das spielt aber für beide überhaupt keine Rolle. Ihr Verhältnis ist herzlich und freundschaftlich.“ Yasmin fühlt eine tiefe Dankbarkeit für ihre Patinnen. Die 30-Jährige sagt: „Wenn ich Britta und Stephi nicht hätte, wüsste ich nicht, wo ich jetzt wäre. Egal, was ich brauche, sie sind immer für mich da.“

Viele Nachmittage voller Ausgelassenheit

Yasmins Söhne Abdulhadi und Yassin gehen in die zweite und vierte Klasse. Sie mögen die Schule, ihr Deutsch ist schon ganz gut. Im Sommer verbrachten alle viel Zeit im Park oder auf dem Spielplatz, im Advent backten sie Plätzchen in Brittas Küche. Nachmittage voller Freude und Ausgelassenheit, die Yasmin und ihre Kinder an die Kultur ihrer arabischen Großfamilie erinnern.

Die nächsten Aufgaben für Britta und Stephi: einen Deutschkurs-Platz für Yasmin finden und eine weiterführende Schule für Yassin. Und einen Verein, wo Abdulhadi Eislaufen kann, möglichst günstig oder sogar kostenlos. Seine Lehrerin sagte letztens: „Der Junge hat ein großes Talent.“

Von der anonymen auf die menschliche Ebene

Keine Frage, ab und hören die beiden Essenerinnen auch eine kritische Stimme beim Stichwort „Flüchtlinge“. „Aber spätestens, wenn ich das Thema von der anonym-abstrakten auf die menschliche Ebene bringe, überwiegt immer die Hilfsbereitschaft“, hat Stephi Sachße festgestellt.

„Manchmal sind es nur Kleinigkeiten: Wenn ich zum Beispiel in meinem Umfeld erzähle, dass ich Kinderkleidung brauche, suchen alle sofort zu Hause in ihren Schränken. Oder wenn wir einen Transporter brauchen und das herumerzählen, haben wir am nächsten Tag einen. Man merkt einfach, dass die Leute helfen wollen, dass sie teilhaben wollen.“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Annette Bringenberg von der Initiative „Ich bin da“ in Oberhausen gemacht. Die Helfer sammeln Hausrat („Alles außer Großgeräten und Möbeln“) und geben Geschirr, Besteck, Handtücher und vieles mehr dreimal wöchentlich an Flüchtlinge und andere Bedürftige ab.

„Die Hilfsbereitschaft ist ungebrochen“

„Es läuft absolut gut“, sagt Annette Bringenberg. Dass sich die Stimmung in den sozialen Netzwerken zunehmend gegen Flüchtlinge entwickelt, kann sie im wahren Leben nicht beobachten. „Die Hilfsbereitschaft ist ungebrochen“, stellt die 54-Jährige fest.

Die Zahl der Helfer vor Ort ist im Laufe der letzten Monate nicht gesunken. Inzwischen packen auch Flüchtlinge beim Sortieren und Einräumen der Spenden mit an. Die Ehrenamtliche Anica Berger feierte Heiligabend sogar gemeinsam mit dem 27-jährigen Raad. Sie sagt: „Ich möchte den Flüchtlingen einen möglichst guten Start in ihr neues Leben hier geben. Die Dankbarkeit ist groß.“

Am besten eine Patenschaft zu zweit

Eine Patenschaft zu übernehmen, scheint vielen eine zu große Herausforderung. Auch Stephi Sachße gibt zu: „Am Anfang habe ich schon einen gewissen Druck gespürt, und die Angst, dass wir das nicht schaffen.“ Ihre Freundin hat deswegen einen Tipp: „Wir empfehlen allen, die sich dafür interessieren: Macht es zu zweit! Man kann sich helfen, man kann sich austauschen und absprechen, es ist einfach besser.“

Am Schluss dieser beiden Geschichten, die beispielhaft für so viele Ehrenamts-Initiativen an Rhein und Ruhr stehen, formuliert Britta Bremer ihren Wunsch für 2017: „Dass Yasmin, Stephi und ich bald bei einem Stück Kuchen zusammensitzen und plaudern. Auf Deutsch.“

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Möchten auch Sie helfen oder (eventuell zu zweit) eine Patenschaft übernehmen? Schreiben Sie uns an eine E-Mail an seitedrei@nrz.de. Wir vermitteln Ihnen einen Kontakt.

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