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Warum Sprockhövel die wahre Wiege des Ruhrbergbaus ist

Ludger Haverkamp zeigt Besuchern gerne die Schätze in der „Guten Stube“ von Sprockhövel.

Foto: Fabian Strauch

Ludger Haverkamp zeigt Besuchern gerne die Schätze in der „Guten Stube“ von Sprockhövel. Foto: Fabian Strauch

An Plessbach und Ruhr.   Der Heimat- und Geschichtsverein zeigt in der Heimatstube Schätze aus der Region. Hier lässt sich auch wandernd Ruhrgebietsgeschichte erleben.

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Es soll an einem lausig-kalten Winterabend vor sehr langer Zeit passiert sein. Ein Schweinehirte wollte sich ein Feuer anzünden, für ein wenig Wärme in der langen Nacht. In einer kleinen Kuhle verbrannte er etwas Holz und legte sich schlafen – das Feuer würde am nächsten Morgen längst erloschen sein. Wie sehr staunte er aber, als er aufwachte und die Steine in der Kuhle noch immer glühten und Wärme abgaben. Der Schweinehirte, er soll so zufällig die Kohle entdeckt haben.

Von dieser – oder einer ähnlichen Geschichte – behaupten die Geschichtsschreiber vieler Städte und Ortschaften in NRW, dass sie sich nirgendwo anders als bei ihnen zugetragen habe. Gerne geben diese Ort sich den Beinamen „Wiege des Ruhrbergbaus“.

Die Kohle reicht bis an die Oberfläche

Ludger Haverkamp (81) ist Ehrenvorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Sprockhövel und ist sich sicher: „Hier ist nicht eine, sondern eben die Wiege des Ruhrbergbaus.“ Dabei misst er dem Schweinehirten weniger Bedeutung zu, als schlicht den geologischen Voraussetzungen im südlichen Ruhrgebiet.

Denn hier im Ennepe-Ruhr-Kreis reichen die Kohleflöze bis an die Tagesoberfläche. Plattenverschiebungen vor Millionen von Jahren sind der Grund dafür. Nur etwas weiter nördlich liegt die so begehrte Kohle viel tiefer in der Erde. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Schweinejunge die Kohle zufällig in Sprockhövel (oder der direkten Umgebung) entdeckte, ist also hoch. Nur glaubt Haverkamp gar nicht an die Legende, nach der plötzlich der Wunderstein entdeckt war: „Die Kohle ist schon ewig bekannt, bereits die alten Römer haben sie vereinzelt genutzt“, sagt der pensionierte Lehrer. Nur wurde „das schwarze Gold“ erst in großen Mengen gebraucht, als die Industrialisierung einsetzte.

In Sprockhövel konnte zunächst aus sogenannten Pingen Kohle gewonnen werden, gegrabene Löcher im Boden. Bis heute stößt der aufmerksame Waldbesucher auf schwarz-schimmernde Steine, wenn er auf dem bergbauhistorischen Wanderweg Stadt und Umgebung erkundet. Mit Erklärtafeln und Illustrationsmodellen lässt sich die Geschichte erwandern.

Eine der ältesten Zechen im Ruhrgebiet

Anfang des 17. Jahrhunderts kamen Stollen hinzu, waagerechte Tunnel im Berg, wie ein Hasenbau. Vermutlich bekam die Zeche im Ort deshalb den Namen „Alte Haase“. Sie gehört zu den ältesten im Ruhrgebiet. Von 1853 bis zur Stilllegung 1969 war sie eine Tiefbauzeche und mit einer Abbaufläche von 47 Quadratkilometern eines der größten Bergwerke Deutschlands.

Der Malakowturm von Alte Haase ist bis heute ein Wahrzeichen der Stadt: Er ist im Jahr 1897 erbaut und damit der letzte seiner Art in Deutschland. Auch ist es der einzige südlich der Ruhr. Leider ist er lediglich von außen zu betrachten, nicht aber zu besichtigen.

Noch tiefer in die Geschichte eintauchen

Ein Spaziergang durch den Park in unmittelbarer Nähe lohnt sich umso mehr. Hier finden sich Grubenlüfter, Seilscheiben, eine Hochdruckpumpe und viele Werkzeuge und Maschinen mehr; sie sind wie zufällig im Park verteilt, als seien sie aus einer anderen Zeit, und nur kurz hier abgestellt worden. Der Malakow-Park ist ein Paradies für Hobby-Fotografen, die sich für Detailfotos von Zahnrädern und Stahlseilen begeistern können.

Wer noch tiefer in die Geschichte der Region eintauchen will, kann in die „Gute Stube Sprockhövels“ einkehren. Hier hat der Heimat- und Geschichtsverein eine beträchtliche Sammlung zusammengetragen – und detailliertes Expertenwissen. Ein Museum mag es der Vereins-Ehrenvorsitzender Haverkamp es aber nicht nennen, denn: „Wir arbeiten ehrenamtlich und finanzieren uns aus Spenden. Feste Öffnungszeiten und Führungen können wir nicht garantieren.“ Wer sich ankündigt, bekommt eben doch eine Führung von einem Vereinsmitglied, den „Crashkurs von zehn Minuten, oder die ausführliche Tour über zwei Tage.“

Haverkamp führt die Besucher in die Gewölbekeller des alten Fachwerkhauses, zeigt Geleuchte, Arschleder, Geräte, Hinweisschilder aus vielen Jahrhunderten. In der Remise dann hübsche Einrichtungsgegenstände, über 200 ausgestopfte heimische Vögel, draußen Landgerät aus mehreren Jahrzehnten. Hier erklärt Haverkamp Sprichwörter und ihren Ursprung und macht das so anschaulich, dass einstige Grundschüler sich noch nach Jahren erinnern.

Davon, dass in Sprockhövel Bergbau und Handwerk eng mit der Geschichte verwoben sind, zeugt auch der Zapfhahn im gemütlichen Teil der Stube: Durch einen alten Bohrer fließt hier der Gerstensaft. Gefertigt: in einer Sprockhöveler Firma. Im Original benötigt: für den Kohleabbau.

>> KONTAKT ZUM VEREIN

Die Sammlung in der Stube und die Wanderwege werden ehrenamtlich gepflegt. Es gibt Informationstafeln, eine Führung durch den Verein ist ratsam. Informationen sind auf der Seite www.hgv-sprockhoevel.de zu finden. Kontakt per E-Mail: info@hgv-sprockhoevel.de.

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