Integrationsdebatte

Deutscher? Türke? – Was uns Heimat bedeutet

Ruşen Tayfur und Sinan Sat sagen: „Unsere Heimat heißt Duisburg oder Gelsenkirchen.“

Ruşen Tayfur und Sinan Sat sagen: „Unsere Heimat heißt Duisburg oder Gelsenkirchen.“

Foto: Foto: Marit Langschwager

Duisburg/Gelsenkirchen.  Nach dem Erdogan-Eklat um Özil und Gündogan debattiert Deutschland über Integration. Zwei Redakteure mit türkischen Wurzeln finden: Es wird Zeit, die Dinge zu akzeptieren

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Wenn uns jemand fragt, woher wir kommen, dann sagen wir „Duisburg“ und „Gelsenkirchen“. Ohne zu zögern. Doch das ist selten das, was unser Gegenüber hören will. Wenn wir uns dann noch im Gespräch als Deutsche bezeichnen, dann ernten wir im besten Fall Gelächter.

Klar wissen wir als erwachsene, halbwegs gebildete Menschen, dass unsere zwei Sprachen und unsere zwei Kulturen eine riesige Bereicherung sind für uns. Es gibt da eine ganze Welt voll mit Wörtern, Klängen und Gefühlen in uns, die „bio-deutschen“ Freunden fremd und manchmal rätselhaft erscheint. Doch da ist auch diese Sehnsucht in uns, seit Kindertagen schon. Dieser Wunsch, einfach so dazuzugehören. Nicht aufzufallen (was unmöglich ist mit diesen Namen, diesem Aussehen).

Lange bevor das Wort-Ungetüm „Migrationshintergrund“ unsere Herkunft in den Vordergrund drängte, waren wir damit beschäftigt, unser Anderssein zu vertuschen. Heute wissen wir: Es ist zwecklos. Und während wir uns abmühten, besonders gutes Deutsch zu sprechen, die besten Noten zu haben, einen Weihnachtsbaum in die Wohnung schleppten, akribisch den Müll trennten und mitmachten bei allem, was uns als typisch Deutsch erschien; während wir uns – zumeist unbewusst – eindeutschten und enttürkten, da merkten wir gar nicht, wie andere einen völlig anderen Weg einschlugen.

Mit der gleichen Leidenschaft, die wir an den Tag legten, begannen sie, ganz stolz all das zu betonen, was andere als Makel an ihnen sahen. Sie interessierten sich plötzlich für ihre Religion. Verlangten, beten zu dürfen in der Schule, und pochten darauf, dass sie fasten müssen. Ein Gebot des Islam, unantastbar. Sie verteidigten erst und verehrten dann Politiker aus der Türkei. Trotzig schwenkten sie türkische Fahnen nach Fußballspielen und an Gedenktagen. Sie strömten in die Hallen, wenn Abgeordnete aus Anatolien in der Stadt waren, und jubelten ihnen zu. Hörten nationalistischen Turko-Rap und ließen sich die Unterschrift von Staatsgründer Atatürk in den Oberarm tätowieren. Sie legten Kopftücher an, bunt und auffällig, schminkten sich dazu und trugen High Heels — weil sich alle so schön darüber aufregten.

Wenn einer sie fragt, woher sie kommen, dann sagen sie „Türkei“, obwohl das gar nicht stimmt.

Heimat gibt es auch im Plural

Wenn in diesen Tagen diskutiert wird über die (vermeintlich) gescheiterte Integration von „Türken“, dann geht es eigentlich darum, was Heimat uns bedeutet. Ob einer auch zwei Heimaten haben darf. Im Duden hat das Wort eine Mehrzahl und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat es am Wochenende gesagt: „Heimat gibt es auch im Plural.“ Für viele sieht das aber anders aus.

Daneben geht es noch um eine zweite Frage: Wie deutsch muss man als Deutscher eigentlich sein? Bei den Profi-Fußballern Mesut Özil und Ilkay Gündogan dachte man, sie hätten es geschafft. Sie sind Idole — mit Vorzeige-Biografien. Aufgestiegen aus dem Gastarbeiter-Milieu ins Heiligtum des deutschen Volkes. Doch dass sie für die Nationalmannschaft spielen, scheint nichts daran zu ändern, dass auch sie sich hin- und hergerissen fühlen. Ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan lässt jedenfalls darauf schließen.

In einer aufgeheizten Stimmung, in der ein Streit um doppelte Staatsangehörigkeit wahlentscheidend ist und das christlichste aller christlichen Symbole zum Wandschmuck degradiert wird, nur um Abgrenzung auch sichtbar machen zu können; in der eine rechtsextreme Partei mit 12,6 Prozent der Stimmen in den Bundestag eingezogen ist und dort nun ihre Hasstiraden loslässt – in diese Situation platzen die Gelsenkirchener mit ihrer Ehrerbietung für „ihren“ Präsidenten. Manch einer wünscht sich nun, sie würden ihre deutschen Pässe zurückgeben und fortan am Bosporus ihr Dasein fristen. Überhaupt haben die beiden ja auch nie die Nationalhymne mitgesungen. Vor dem Anstoß beten sie sogar zu Allah! Das Nationaltrikot sollten sie nie wieder anziehen dürfen. Ihr Wiedergutmachungstreffen mit Bundespräsident Steinmeier wird für viele nichts ändern.

Bei aller berechtigten Kritik an der Aktion, die medial betrachtet als 1A-Wahlkampfhilfe für Erdogan durchgeht, der politische Gegner massenhaft verhaften lässt, Journalisten als Geiseln nimmt und friedliche Proteste niederschlägt: Worum geht es hier eigentlich? Darum, dass Özil und Gündogan einen ‚Despoten‘ getroffen haben? Einen, mit dem unsere Regierung (Flüchtlings-)Deals macht, an den sie Waffen liefert und mit dem sie (an guten Tagen) die deutsch-türkische Freundschaft pflegt? Oder legt die Trikot-Widmung Gündogans für „seinen Präsidenten“ den Finger in eine Wunde, die seit vielen Jahren klafft? Nämlich, dass Deutschland von „seinen“ Migranten und erst recht von deren Nachfahren erwartet, dass sie sich auch emotional integrieren, laut dem Dortmunder Politologen Ahmet Toprak „die Königsdisziplin“. Das Problem: „Es wird auch sehr gut integrierten Menschen nicht leicht gemacht, sich dazugehörig zu fühlen.“ Da liegt Toprak leider richtig.

Türkeistämmige häufig von Benachteiligungen betroffen

Eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat ergeben, dass jeder zweite Befragte mit Migrationshintergrund in den vergangenen zwei Jahren Diskriminierung erlebt hat. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration stellt fest, dass Menschen, deren Migrationshintergrund äußerlich erkennbar ist, sich häufiger diskriminiert fühlen (48 Prozent) als Menschen ohne „sichtbaren“ Migrationshintergrund (17 Prozent). Türkeistämmige berichteten am häufigsten von Benachteiligungen. Wir kommen, so scheint es, nicht vom Fleck. Die Erwartungen auf beiden Seiten sind hoch. Sie können nur enttäuscht werden.

Auch wir haben schmerzhaft lernen müssen: Deutschland ist keine Familie, die uns mit offenen Armen empfängt. Wir werden immer noch gefragt, woher wir „eigentlich“ kommen, was denn „bei uns“ in der Türkei gerade los ist, warum wir so gut Deutsch sprechen, ob es im Urlaub „in die Heimat“ geht. Es passiert uns immer noch, dass wir einen Job nicht bekommen oder eine Wohnung, uns der Einlass ins Fitnessstudio oder die Disco versagt wird. Und wenn es nicht uns selbst passiert, sondern anderen, die so heißen und so aussehen wie wir, dann tut es trotzdem weh.

Es wird Zeit, manche Dinge zu akzeptieren. Wir sind Deutsche, egal wie wir aussehen. Unsere Heimat heißt Duisburg oder Gelsenkirchen, ob es jedem dort passt oder nicht.

Auf Augenhöhe können wir uns dann gemeinsam über die Dummheiten unserer Nationalspieler ärgern.

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