Work-Life-Balance

Berufstätige Väter wünschen sich mehr Zeit für die Familie

Immer mehr berufstätige Väter wünschen sich Flexibilität von ihrem Arbeitgeber. Individuelle Arbeitszeitmodelle, etwa Home-Office-Tage oder Vertrauensarbeitszeiten, sind beliebt. Hier ein Beispiel der RevierA GmbH.

Foto: Udo Geisler

Immer mehr berufstätige Väter wünschen sich Flexibilität von ihrem Arbeitgeber. Individuelle Arbeitszeitmodelle, etwa Home-Office-Tage oder Vertrauensarbeitszeiten, sind beliebt. Hier ein Beispiel der RevierA GmbH. Foto: Udo Geisler

Essen.   Viele Männer sind mit ihrer Arbeitsbelastung unzufrieden. Sie wünschen sich flexiblere Arbeitszeitmodelle. Manche Firmen reagieren vorbildlich.

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Die Zahlen sind eindeutig: Drei von vier berufstätigen Vätern würden gern mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Am liebsten wollen sie sich die Kinderbetreuung mit der Mutter teilen und dafür weniger Stunden pro Woche arbeiten. Sie wünschen sich flexible Arbeitszeitmodelle in einem Unternehmen, das auf die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter im familiären Bereich Rücksicht nimmt.

Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen noch immer stark auseinander. Laut dem Institut für Demoskopie Allensbach haben über 80 Prozent der berufstätigen Väter eine Wochenarbeitszeit von über 40 Stunden.

Immerhin: Es gibt Unternehmen, die erkannt haben, dass die individuelle Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine entscheidende Grundlage für die Motivation ihrer Mitarbeiter und damit auch den Erfolg ihrer Firma ist. Das „Essener Bündnis für Familie“ hat gerade sechs Unternehmen geehrt, in denen flexible Arbeitszeiten und individuelle Lösungen für Väter (und Mütter) längst Teil der Personalpolitik geworden sind.

24-Stunden-Hotline bietet Hilfe bei der Kinderbetreuung

Die Firmen wurden zum zweiten Mal mit dem für drei Jahre gültigen „Essener Audit – Familienfreundliches Unternehmen“ ausgezeichnet. Sie müssen dafür ein Prüfverfahren durchlaufen, das die familienfreundlichen Angebote im Betrieb genau unter die Lupe nimmt. Das apothekereigene Handelsunternehmen Noweda beispielsweise bietet an seinem Hauptsitz in Essen rund 600 verschiedene Arbeitszeitmodelle an.

Vor vier Jahren wurde eine Familiengenossenschaft gegründet, die Mitarbeitern hilft, wenn sie eine Betreuung für ihre Kinder suchen, wenn Angehörige Pflege benötigen oder barrierefrei wohnen wollen, aber auch wenn die Mitarbeiter selbst berufliche oder private Probleme haben. Eine Beratungs-Hotline ist 24 Stunden am Tag erreichbar.

Birgit Unger, Geschäftsführerin der ebenfalls zertifizierten RevierA GmbH, sagt: „Mit weniger Stunden zu arbeiten, macht einfach zufriedener.“ In ihrer kleinen Kommunikationsagentur arbeiten Mitarbeiter im Alter von 19 bis 66 Jahren, in ihren Familien gibt es zwei Kleinkinder und fünf Enkelkinder. „Wir ermutigen alle Mitarbeiter zu gucken, welche Talente noch in ihnen stecken.“

Menschen wollen raus aus dem Hamsterrad

30-Stunden-Wochen sind bei der RevierA GmbH normal, man darf aber auch phasenweise mal deutlich mehr oder weniger arbeiten. Um den Überblick zu behalten, führt jeder Mitarbeiter für sich ein Zeitkonto. „Ja, es geht dabei auch um Vertrauen“, sagt die Chefin. Sie stellt fest, dass sie in ihrer Post vermehrt Initiativbewerbungen von Menschen findet, die aus dem täglichen Hamsterrad ausbrechen wollen – Grafiker, Projektplaner, Veranstaltungskaufleute... „So gewinnen wir unsere Mitarbeiter.“ Fluktuation? Fehlanzeige. In den letzten fünf Jahren verließ niemand die Firma.

Ein deutlich größeres Unternehmen mit rund 1560 Mitarbeitern (darunter rund 150 Auszubildende) ist die Sparkasse Essen. Im Sommer bekamen die Mitarbeiter ein Angebot, ihre Arbeitszeit in 20-Prozent-Schritten zu reduzieren, also beispielsweise von einer Fünf-Tage-Woche auf eine Vier-Tage-Woche zu gehen. „Wir hätten nicht vermutet, dass das so toll angenommen wird“, sagt Sabine Scheller, Abteilungsleiterin in der Personalabteilung.

Nicht nur Frauen meldeten sich, auch viele Männer um die 50. Wer sich für eine Reduzierung entscheidet, bekommt einen Zuschuss von der Sparkasse. Das Unternehmen spart Personalkosten, die Arbeitnehmer gewinnen Freizeit. „Eine Win-Win-Situation“, findet Sabine Scheller.

Mitarbeiter dürfen persönliche Projekte verfolgen

Das Essener Architekturbüro Koschany+Zimmer KZA GmbH bemüht sich ebenfalls, seine Mitarbeiter in dem Wunsch, Beruf und Familie miteinander zu verbinden, zu unterstützen. Angeboten werden Teilzeitmodelle, flexible Home-Office-Phasen und Vertrauensarbeitszeiten. Es ist auch möglich, persönliche Projekte zu verfolgen oder eine Auszeit vom Beruf, ein sogenanntes „Sabbatical“, zu nehmen.

Die Firma zahlt außerdem Zuschüsse für die Betreuung nicht schulpflichtiger Kinder. Und wenn die Tagesmutter mal krank ist, darf der Vater oder die Mutter das Kind mit zur Arbeit bringen – basteln, malen, spielen im Büro.

„Der Wertewandel in den Familien ist da. Und die Unternehmen müssen reagieren“, sagte David Juncke vom Düsseldorfer Beratungsunternehmen Prognos AG im Rahmen der Preisverleihung. Alle Seiten könnten davon profitieren. Väter mit mehr Freizeit entwickeln eine bessere Beziehung zu ihrem Kind, Mütter können sich beruflich weiterentwickeln und Unternehmen haben gleichzeitig die Chance, ihre Mitarbeiter zufriedener zu machen und stärker an sich zu binden.

>>> Sechs Unternehmen wurden re-zertifiziert

Diese sechs Unternehmen wurden re-zertifiziert und mit dem „Essener Audit – Familienfreundliches Unternehmen 2016-2019“ ausgezeichnet:

  • Sparkasse Essen

  • RevierA GmbH

  • Noweda eG

  • Landschaftsarchitekturbüro Martina Hoff

  • Schwarzer Precision GmbH & Co. KG

  • Koschany+Zimmer Architekten KZA GmbH

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