Essen. Am 14. Dezember 2001 war es offiziell: Die Zeche Zollverein wurde Weltkulturerbe. Bis dahin mussten einige Hindernisse überwunden werden.

Es war ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, das da am 14. Dezember 2001 der Stadt Essen überreicht wurde – ungefähr so wie ein Legobausatz mit tausenden Teilchen: Ein Geschenk, das reichlich Arbeit mit sich bringt – und vor allem -- eher ungewöhnlich für ein Geschenk – reichlich Geld kostet. Aber das wussten Oberbürgermeister, Kulturdezernent und Wirtschaftsförderer auch schon vorher.

Auch, dass es das Geschenk geben würde. Aber wie das so ist: Ehe nicht nach der 25. Sitzung der Unesco-Weltkulturerbe-Kommission jemand – genauer: in diesem Fall der finnische Landeskonservator, sagt: „Adopted: Zeche Zollverein“ ist die Aufnahme, die Adoption des Erbes halt nicht offiziell.

„Dass dieses Erbe nicht nur Sache einer Stadt, einer Region, eines Landes sein kann, haben die 21 Mitglieder des Unesco-Welterbe-Komitees unter dem Vorsitz des Finnen Henrik Lilius gestern in der finnischen Hauptstadt Helsinki besiegelt“, notierte Wolfgang Kintscher für die NRZ am Folgetag. Bis dahin war es ein langer, fünf Jahre währender Weg des Wünschens und Werbens gewesen, bis dann diese 25. Weltkulturerbestätte in Deutschland nominiert und einstimmig aufgenommen wurde.

Nicht für die Ewigkeit gebaut worden

Ein Zechenwagon mit Glück auf beschriftet steht am Freitag, den 04. Juni 2021 auf dem Gelände der Kokerei Zollverein. Foto: Kerstin Kokoska/ FUNKE Foto Services
Ein Zechenwagon mit Glück auf beschriftet steht am Freitag, den 04. Juni 2021 auf dem Gelände der Kokerei Zollverein. Foto: Kerstin Kokoska/ FUNKE Foto Services © FUNKE Foto Services | Kerstin Kokoska

Bei der Begutachtung im Jahr 2000 wurde dann auch noch einiges moniert: Das in die Koksofenbatterie eingebaute Riesenrad, die geplante Größe des Areals und die Pläne, die Kohlenwäsche aufzustocken mit etlichen gläsernen Geschossen, die – Gott bewahre – das Ding beinahe so hätten aussehen lassen wie die Elbphilharmonie.

Und vor allem – und das besondere und auch das besonders kostspielige an diesem Erbstück: Anders als die Dome in Aachen und Köln und die Schlösser in Brühl war diese vierte Kulturerbestätte in NRW eben nicht für die Ewigkeit erbaut worden – Zollverein war erst das zweite Industriedenkmal nach der Völklinger Hütte im Saarland, das es auf die Liste der deutschen Welterbestätten schaffte.

„Die vielleicht schönste der Welt“

Die Architekten Schupp und Kremmer hatten die Zeche 1932 nicht als „die vielleicht schönste der Welt“ konzipiert – so nannte sie SPD-Ministerpräsident Wolfgang Clement mal. Sondern unter den Kriterien der optimalen Nutzung, der einfachsten Fertigung aus Stahlgevierten und Backsteinmauern. Eine Kathedrale des Kohlebergbaus vielleicht, aber auch ein Denkmal des optimierten Einsatzes von Mensch und Material.

Das Schaudepot des Ruhr Museums wurde am Dienstag, 06.07.2021, auf dem Gelände der Kokerei Zollverein fotografiert. Foto: Dana Pusch / FUNKE Foto Services
Das Schaudepot des Ruhr Museums wurde am Dienstag, 06.07.2021, auf dem Gelände der Kokerei Zollverein fotografiert. Foto: Dana Pusch / FUNKE Foto Services © FUNKE Foto Services | Dana Pusch

Dass Industrie und Kultur, Zeche und Denkmal überhaupt zusammengedacht werden konnten, war ein weiter Weg gewesen und hatte aufmerksamer Paten bedurft. Wäre es nach dem Willen des Essener Oberstadtdirektors knapp 15 Jahre zuvor gegangen, Zollverein wäre nicht einmal unter Denkmalschutz gestellt worden. Ein Ministerentscheid musste her, die Stadt Essen musste zu ihrem Glück und dem glücklichen Tag rund 14 Jahre später gezwungen werden.

Nur zögerlich unter Denkmalschutz gestellt

Und ein wenig liest man das Fremdeln den Kommentaren in der NRZ von damals auch an: Dass jenes kohlenstaubverdreckte Areal im Nordosten der Stadt nunmehr unter Druck zum Diamanten mit funkelnder Ausstellung für die ganze Industrieregion werden sollte – man mochte es nicht recht glauben. „Eine Garantie, dass sich künftig wahre Besucherströme aus Nah und Fern im Schatten der Schachtanlage ihre Vorurteile über den Kohlenpott aus dem Kopf schlagen, gibt es jedenfalls nicht“, betonte der damalige Leiter der NRZ-Stadtredaktion, Ulrich Führmann.

Nicht ganz zu Unrecht: Vermutlich war es erst die Ernennung des Ruhrgebiets zur Kulturhauptstadt im Jahre 2010, die im Land und vermutlich auch bei vielen Menschen in der Region ins Bewusstsein gerückt hat, welchen Reichtum an industriekulturellem Erbe die Region birgt. Und: Wie vieler Gelder und Ideen es bedarf, um aus den vielen Erbstücken der Montanindustrie auch Kernorte für die Zukunft werden zu lassen.

Millionenschwerer Wandel des Industrieareals

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„Zollverein ist ein Koloss, der von Brotsamen nicht leben kann, ein Erbe, das man nutzen und mehren, sanft wandeln muss, damit es bleibt“, formulierte seinerzeit Feuilleton-Chef Jörg Bartel den Auftakt zum millionenschweren Wandel des Industrieareals zu einem modernen Campus, an dem sich Freizeitgestaltung, Dienstleistungsjobs und kulturelle Angebote zu einer Melange vermischen, die nun tatsächlich immer mehr Menschen in ihren Bann schlägt. Auch, wenn aus manchen Plänen wie der einer Weltmesse für Design nicht so richtig was wurde.

Gerüste der ehemaligen Kühltürme stehen am Dienstag, 06.07.2021, auf dem Gelände der Kokerei Zollverein. Foto: Dana Pusch / FUNKE Foto Services
Gerüste der ehemaligen Kühltürme stehen am Dienstag, 06.07.2021, auf dem Gelände der Kokerei Zollverein. Foto: Dana Pusch / FUNKE Foto Services © FUNKE Foto Services | Dana Pusch

Doch mittlerweile wird daran gedacht, dass das Welterbe Zollverein noch einmal antritt, mit allen ihren Brüdern und Schwestern im schwer industriellen Geiste und so gleich die gesamte „Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ zum Welterbe werden kann und soll. Über die Sinnhaftigkeit wird gerade gestritten, wie so vieles im Ruhrgebiet droht auch hier mal wieder eine Chance auf der Strecke zu bleiben.

Das immaterielle Erbe der Region

Stand derzeit: Mancher Kommune ist das zu viel Nostalgie, eine Fachjury auf Landesebene fand die Bewerbung methodisch zu mittelmäßig. Also wird noch eine Weile debattiert. Dumm nur, dass die Unesco im Oktober erstmal die Liste für die nächste Dekade schließt. Selbst die Chance für die nächste scheiternde Ruhrolympia-Bewerbung kommt früher.

Es ist ein viel sagender Zufall, dass in der NRZ-Ausgabe, die die Ernennung von Zollverein zum Weltkulturerbe vermeldet, auch gemeldet wird, dass spätestens 2003 die Nahverkehrsunternehmen von Essen, Mülheim und Oberhausen fusioniert sein werden… Es scheint bis heute manchmal, als wolle man das Kirch- äh-- Förderturmsdenken zum eigentlichen, immateriellen Erbe der zerrissenen Region machen. Und dazu erklingt dann das Absteigerlied...