Islam

Worum es beim Friedensmarsch der Muslime in Köln geht

Die Islamforscherin Lamya Kaddor gehört zu den Organisatoren des Kölner Friedensmarsches.

Foto: imago stock&people / imago/Jürgen Heinrich

Die Islamforscherin Lamya Kaddor gehört zu den Organisatoren des Kölner Friedensmarsches. Foto: imago stock&people / imago/Jürgen Heinrich

Berlin/Köln  Sie wollen ein Zeichen setzen: Muslime haben für den 17. Juni einen Friedensmarsch in Köln organisiert. Der Druck auf sie ist groß.

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Oft wurde den Muslimen in Deutschland vorgeworfen, sie grenzten sich nicht klar genug vom islamistischen Terrorismus ab; sie würden nicht eindeutig Stellung beziehen gegen Anschläge, die im Namen des Islam verübt wurden. Dies soll sich am kommenden Samstag ändern: Unter dem Motto „Nicht mit uns“ wollen Muslime bei einem „Friedensmarsch“ in Köln demonstrieren.

Bis zu 10.000 Teilnehmer werden dabei erwartet. „Lasst uns ein mächtiges Zeichen gegen Gewalt und Terror setzen“, heißt es in dem Aufruf der Organisatoren. „Wir lassen es nicht zu, dass Terroristen im Namen des Islams aber auch nicht im Namen anderer Religionen und anderer Ideologien Unschuldige töten und alles beschmutzen, was uns als Menschen im 21. Jahrhundert wichtig ist.“

Wut-Rede nach „Rock am Ring“

Die Demonstration während des islamischen Fastenmonats Ramadan ist ohne Zweifel eine Reaktion auf die vielstimmige Kritik, die seit Monaten gegen die in Deutschland lebenden Muslime gerichtet ist.

Erst an Pfingsten hatte Konzertveranstalter Marek Lieberberg nach einem Terroralarm beim Festival „Rock am Ring“ gefordert, er wolle „endlich mal Demos sehen, die sich gegen die Gewalttäter richten. Ich hab’ bisher noch keine Moslems gesehen, die zu Zehntausenden auf die Straße gegangen sind und gesagt haben: Was macht ihr da eigentlich?“ Der Wut-Auftritt Lieberbergs hatte medial große Wellen geschlagen.

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„Wann endlich kommt der Aufschrei?“

Und der Bischof von Passau, Stefan Oster, fragte schon voriges Jahr in der „Zeit“: „Wann endlich kommt der kollektive, der große gemeinsame Aufschrei aller friedliebenden und wirklich ihrem Gott ergebenen Muslime der Welt, dass sie ihren Glauben nicht länger im Namen von Terroristen missbrauchen lassen wollen?“

Auch aus der Politik gab ähnliche Forderungen. So rief Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin im Dezember 2016 die muslimischen Verbände in Deutschland dazu auf, der Herausforderung durch den islamistischen Extremismus zu begegnen. „Ich erwarte auch in Zukunft eine enge und zielgerichtete Zusammenarbeit, um gegen jegliche Art islamistischer Radikalisierung anzukämpfen“, sagt der Minister im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Distanziert euch nicht!“

Andere hielten dagegen. So startete der Politologe und Buchautor („Der politische Islam“) Imad Mustafa schon 2014 unter der Überschrift „Distanziert euch nicht!“ einen Aufruf. Darin heißt es: „Lehnt man es ab, sich zu distanzieren, gerät man in den Verdacht heimlicher Sympathie. Geht man darauf ein, unterwirft man sich einem Rechtfertigungsdruck, der so anscheinend nur für Muslime gilt.“

„Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo schrieb 2015 nach den Anschlägen auf die französische Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in einem Kommentar: „Als ob es einen vernünftigen Muslim geben könnte, der die Mordtaten von Paris gutheißen würde. Schon die Forderung, sich davon zu distanzieren, hat etwas Beleidigendes. Und die allermeisten Nichtmuslime wissen das auch.“

„Wir müssen uns stärker abgrenzen“

Doch der Druck auch auf die Muslime nahm zu, nach dem Anschlag in Berlin im Dezember 2016 und nun noch einmal nach dem Selbstmordattentat auf die Konzertbesucher in Manchester.

Organisiert haben die Demonstration in Köln die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und der Friedensaktivist Tarek Mohamad. Kaddor, die einen aufgeklärten und modernen Islam propagiert, sagt: „Wir Muslime müssen uns von den Tätern stärker abgrenzen und ihre gesellschaftliche Ächtung herbeiführen.“ Es geht ihr um ein Bekenntnis zur „offenen und pluralistischen Gesellschaft“.

Tarek Mohamad war im vergangenen Jahr durch einen bewegenden Facebook-Post bekanntgeworden war, in dem er Muslime zum Frieden aufrief. Darin mahnte er unter anderem: „Wir müssen aufwachen und es muss einen Ruck in der neuen Generation der Migranten in Deutschland geben!“ (mit dpa)

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