Porträt

Wie sich Herbert Reul als NRW-Innenminister schlägt

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU)

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU)

Foto: Kai Kitschenberg / FunkeFotoServices

Düsseldorf/Willich.   Seit einem Jahr ist Herbert Reul Chef der NRW-Sicherheitsapparate. Er gibt sich als leutseliger Polizei-Neuling. Im Fall Sami A. ging das schief.

Herbert Reul ist kaum angekommen, da soll er seinen Lieblingsplatz nah bei den Leuten räumen. Der NRW-Innenminister ist zu Besuch bei der Landesreiterstaffel in Willich. Niederrheinische Idylle, endlose Koppeln, mächtige Pferde. Die Polizisten haben ihrem Dienstherrn eine kleine Bühne aus Europaletten in den Reitplatz-Sand gezimmert. „Nee, das hab‘ ich auch noch nicht erlebt“, ziert sich Reul, „dass extra für mich ein Podest aufgebaut wird.“

Seit gut einem Jahr ist der CDU-Politiker Chef aller Sicherheitsapparate in NRW mit mehr als 50 000 Mitarbeitern. Seine Berufung löste Erstaunen aus. Der 65-Jährige war in den 80er-Jahren Studienrat am Städtischen Gymnasium in Wermelskirchen und unterrichtete in einem Kollegium mit dem Vater des heutigen FDP-Chefs Christian Lindner. Er wurde Berufspolitiker, Landtagsabgeordneter und Generalsekretär der NRW-CDU, „gelernter politischer Streithansel“, wie er selbst sagt. Zuletzt führte er die einflussreiche CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament. Nur Innenpolitiker war er nie.

Die Rolle des schwarzen Sherrifs lehnt Reul an

Reul lädt dazu ein, ihn zu unterschätzen. Sein Amtsvorgänger von der SPD konnte sich breitschultrig wie der Rechtsstaat in Person vor jede Kamera stellen und markige Sätze formulieren – bloß reihte sich unter seiner Verantwortung Skandal an Skandal. Reul lehnte die ihm zugedachte Rolle als „schwarzer Sheriff“ von vornherein ab: „Mach ich nicht, bin ich viel zu alt für.“ Stattdessen verfällt er gern in die Pose des staunenden Polizei-Neulings: Es sei doch toll, dass er in einem Alter, in dem andere in Rente gehen, so viel Spannendes lernen könne.

Wo Reul in rheinischer Fröhlichkeit auftritt, wirkt es immer ein bisschen wie „Herbert im Wunderland“. Er ist nahbar, lehnt Politiker-Phrasen ab, verspricht sich schon mal. Reul ist so etwas wie der Volksmund im Ministerrang, was bei seiner Justizschelte im Fall Sami A. auch daneben gehen kann. Seine Empfehlung an die Gerichte, sich am „Rechtsempfinden der Bevölkerung“ zu orientieren, rief sogar die Kanzlerin auf den Plan.

Fehler im Fall Sami A. eingestanden

Bei der Polizei kommt es dagegen gut an, dass sich der Chef nie als Sicherheitsversprechen inszeniert und lieber die Experten nach vorne schiebt. Am Montag nach der Amok-Fahrt von Münster im April etwa sagt Reul in die Kameras: Es sei doch eindrucksvoll, wie die Profis der Polizei „so‘n aufgeregten Politiker wie mich davor bewahrt haben, einfach drauflos zu plaudern“.

Reul ist für die Opposition im Landtag schwer zu packen. Seine Leutseligkeit verdeckt, was er beherrscht wie wenige: Mehrheiten organisieren, Strippen ziehen. Die Polizei bekommt unter ihm Rekordzuwachs, laufend neues Material und weitreichende Befugnisse. Unliebsame Debatten fängt er ein mit der Methode: Fehler zugeben (wie er es im Fall Sami A. tat) und abstellen, Kritik freundlich ersticken.

Polizei wird unter CDU-Führung ausgebaut

Man hätte es wissen können. Wer Reul 2004 in einer Brasserie auf der Brüsseler „Place Jourdan“ traf, konnte ihn leicht mit einem Tagestouristen verwechseln. Er gab sich unbedarft, wie dieses Europa so funktioniere. Wenig später gehört er zu den Chefs des EU-Kosmos’. Mit seinem Feldzug gegen die Sommerzeit erreicht er dabei auch jene, denen Brüssel zu kompliziert ist.

Reul stammt aus Leichlingen und ist bestens vernetzt in der Union. Er gründete früh den „Leichlinger Kreis“, in dem er liberale Talente wie Armin Laschet versammelte. Reul weiß zudem, wie Apparate funktionieren: Man darf nie Marionette der Strukturen werden, muss Mut zur Zweitmeinung haben, unberechenbar bleiben. Im Innenministerium hat er die frühere Duisburger Dezernentin Daniela Lesmeister, gelernte Kommissarin und promovierte Juristin, als oberste Polizistin installiert. Sein Staatssekretär, der parteilose Jürgen Mathies, gilt als einer der besten Polizisten des Landes. Die Außendarstellung besorgt Sprecher Gerrit Weber, Volljurist und gelernter TV-Journalist. Das Trio ist das glatte Gegenteil des Ministers: abwägend, zurückhaltend, detailsicher. Reul weiß selbst am besten, dass nur einer das Herz auf der Zuge tragen sollte.

>>> ZUR PERSON

  • Herbert Reul (65), verheirateter Vater von drei erwachsenen Töchtern, lebt in Leichlingen, studierte Sozialwissenschaften und Pädagogik und arbeitete als Studienrat am Städtischen Gymnasium in Wermelskirchen.

  • Von 1985 bis 2004 war er CDU-Landtagsabgeordneter, von 1991 bis 2003 Generalsekretär der NRW-CDU. 2004 wechselte er ins Europaparlament, wo er von 2012 bis zu seiner Berufung zum NRW-Innenminister 2017 die CDU/CSU-Gruppe führte.

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