Terrormiliz

Wie gefährlich sind die Dschihadisten für Deutschland noch?

Nach dem Sieg über den „Islamischen Staat“ weht eine Flagge der Syrisch-Demokratischen Kräfte über der Stadt Baghus.

Nach dem Sieg über den „Islamischen Staat“ weht eine Flagge der Syrisch-Demokratischen Kräfte über der Stadt Baghus.

Foto: Stringer / Reuters

Berlin  Die Kurden haben die letzte Bastion des „Islamischen Staates“ befreit. Die Niederlage bedeutet aber keine Entwarnung für Europa.

Es war das Jahr, in dem bei manchem Staatsschützer der Polizei die Panik wuchs. Ein junger Mann schlug mit einer Axt in einem Zug bei Würzburg zu, ein anderer sprengte sich bei einem Musikfest in Ansbach in die Luft. In Brüssel war es ein paar Monate zuvor zu einem schweren Anschlag am Flughafen und in der Metro gekommen, Frankreich erlebte mehrere islamistische Attacken mit etlichen Opfern.

Von einem „Knistern“ in der europäischen dschihadistischen Szene spricht ein leitender Verfassungsschützer, wenn er auf das Jahr 2016 zurückblickt. Dschihadisten schienen wie berauscht von ihren „Erfolgen“. Sie waren vernetzt, ihre terroristischen Zellen etabliert, die verschlüsselte Kommunikation aufgebaut.

Die europäische Sicherheitsarchitektur wirkte verletzlich wie lange nicht mehr. Das Jahr endete mit zwölf Toten auf dem Berliner Breitscheidplatz, als ein Attentäter einen polnischen Lkw-Fahrer erschoss und mit dem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt raste. Noch nie schlugen gewaltbereite Islamisten so oft in Europa zu wie zwischen 2014 und 2018.

Auch Deutschland wenig vorbereitet auf organisierten Terror

Erst traf es vor allem Großbritannien und Frankreich. Im Jahr 2016 musste auch Deutschland schmerzhaft feststellen, dass es wenig vorbereitet war auf einen professionell organisierten Terrorismus. Dieser Rückblick ist wichtig. Denn er verdeutlicht, wie sich die Lage verändert hat.

Seit dem Berlin-Anschlag konnten Islamisten keinen tödlichen Angriff in Deutschland mehr verüben. Ausnahme: Sommer 2017 in Hamburg,

Hier streiten Experten, wie sehr der Täter überhaupt Dschihadist war – oder vielmehr psychisch krank. Und ob das Widersprüche sein müssen.

Zahl der EU-weit verhinderten Anschlägen stieg 2017 auf 33

Terrorismus trete in Wellen auf, beschreibt der Norweger Petter Nesser, der seit vielen Jahren den Dschihadismus in Europa analysiert. Die Zahl der Anschläge steigt, der Staat reagiert mit Strafverfolgung, Verboten, Aufrüstung – der Terror ebbt ab. Ist die Welle also vorbei? Welche Maßnahmen der Sicherheitsbehörden zeigen Wirkung? Wo hat sich die Bedrohungslage nur gewandelt?

Ein genauer Blick auf die Statistiken gibt eine erste Antwort: Die EU-Polizeibehörde Europol listet auf Nachfrage auf, dass 2014 vier Menschen in Europa durch religiös motivierte Angriffe getötet wurden, 2015 waren es schon 150 und 2016 noch 135. Der Anstieg der Opfer des Dschihadismus in der EU verlief parallel zum militärischen Erfolg und Aufstieg der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ in Syrien und Irak.

2017 sank die Zahl der Anschlagsopfer europaweit auf 62. Gleichzeitig aber stieg die Zahl der ausgeführten, gescheiterten und durch Sicherheitsbehörden verhinderten Anschläge 2017 auf 33 – mehr als doppelt so viele als 2016.

Aktivität der Dschihadisten noch immer höher vor 2015

Angaben des Bundeskriminalamtes bestätigen diesen Trend für Deutschland: Auch wenn die Angriffe nicht ihr Ziel erreichten – die Anzahl der Versuche von Dschihadisten bleibt hoch. Neun Mal vereitelten die Sicherheitsbehörden seit 2014 nach Angaben des BKA geplante dschihadistische Anschläge. Der Schwerpunkt war auch hier das Jahr 2017, in dem die Polizei vier größere Anschläge in unterschiedlichen Stadien ihrer Vorbereitung durch Festnahmen stoppen konnten.

2018 gingen laut Terrorexperte Nesser sowohl die Zahl der verübten als auch der vereitelten Anschläge in Europa zurück – etwa um die Hälfte. Allerdings, so analysiert Nesser in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift „CTC Sentinel“, lag die Aktivität der Dschihadisten im vergangenen Jahr noch weit höher als in allen Jahren vor 2015.

Anschläge von Einzeltätern gewinnen an Bedeutung

Die Zahlen spiegeln den Wandel in der Strategie der Terroristen – und eine Reaktion auf die Repressionen des Staates: 2015 und 2016 waren Dschihadisten mit großen „Operationen“ mit Sprengstoff und mehreren Attentätern erfolgreich. Die Folge: Anschläge mit hohen Opferzahlen.

Mit dem Überwachungsdruck der Behörden, Verhaftungen und Zerschlagung von Terrorzellen, aber auch mit der militärischen Niederlage des IS in Syrien und Irak wandeln sich die Täterprofile: Anschläge von Einzeltätern gewinnen an Bedeutung, ihre Waffen sind nicht mehr vorrangig Sprengstoff und Schnellfeuerwaffen, sondern Messer, Autos oder selbstgebraute Chemikalien.

Sie sind keine „terroristischen Unternehmer“, wie Nesser schreibt, sondern von IS-Strategen manipulierte und angeleitete Attentäter. Meist „ferngesteuert“ über verschlüsselte Messengerdienste.

Hintergrund:

Experte: Größte Gefahr sind einzelne junge radikalisierte Männer

„Sicherheitsbehörden erkennen derzeit eher nicht große Netzwerke oder komplexe Terror-Plots wie noch 2015 und 2016“, sagt auch Daniel Heinke, Wissenschaftler und Leiter des Bremer Landeskriminalamtes. „Die größte Gefahr geht im Moment von Einzeltätern aus: junge radikalisierte Männer.“

Unter ihnen sind junge Deutsche, die sich der gewaltbereiten salafistischen Szene anschließen und sogar ins Terror-Gebiet reisen. Unter ihnen sind Kinder aus Einwandererfamilien vor allem aus der Türkei. Unter ihnen junge Männer wie Yamen A. – sein Weg in den Dschihad gilt vielen bei Polizei und Verfassungsschutz als typisch für die Bedrohungslage in Deutschland. Wie er verlief, zeigen Gerichtsakten und Recherchen unserer Redaktion vor Ort in Schwerin, wo Polizisten A. Ende 2017 festnahmen.

Wie sich Yamen A. radikalisierte

Noch als Teenager flieht Yamen A. 2015 aus Syrien über den Balkan bis nach Europa. Erst gilt er in seinem Viertel in Schwerin als „gut integriert“, besucht Sprachkurse, nimmt Angebote des Jobcenters wahr, hat sogar eine Stelle beim Onlinehändler Amazon in Aussicht. A. trifft sich mit anderen Geflüchteten auf dem Marienplatz. Doch irgendwann taucht der Syrer dort nicht mehr auf, bleibt zu Hause in seiner Wohnung im Plattenbau im Stadtteil Neu Zippendorf.

A. verliert den Anschluss, wenn er ihn je hatte – und radikalisiert sich. Erst konsumiert er Propaganda salafistischer Prediger, später besucht er dschihadistische Seiten. In den Biografien von Dschihadisten zeigen sich oft Brüche: Trennungen, persönliche Schicksalsschläge, Migration oder Flucht, Abbruch der Schule. Hier lassen sich nur schwer Raster eines typischen Dschihadisten vermessen. Doch zeigt sich: Gewaltbereite Islamisten sind oft jung, männlich, aus muslimischen Familien.

Online-Bestellungen lassen Yamen A. auffliegen

Yamen A. hat laut Gerichtsakten Kontakt über das Internet zu „dem IS nahestehenden Personen“, die ihm Videos mit Anleitungen zum Bombenbau schicken. Mit seiner Emailadresse bestellt Yamen A. Zutaten und Geräte, um Sprengstoff herzustellen. „Er wollte den großen Knall“, sagt ein Ermittler.

Das wird aus den Chatprotokollen von A. und seinem „Anleiter“ deutlich, die Polizisten auswerten konnten. Einen Angriff mit einem Messer habe der junge Syrer abgelehnt. Doch seine Pläne kann er nicht zum Abschluss bringen. Die Ermittler kommen ihm aufgrund seiner Online-Bestellungen auf die Spur. 2018 wird Yamen A. zu mehr als sechs Jahren Haft verurteilt.

Yamen A. lebte offenbar zwei Leben

Und offenbar in nur wenigen Monaten. Es gab laut Gericht keine Mittäter. A. war dennoch mobil, reiste zu einem Freund nach Hamburg, bekam häufig Besuch. „Oft gingen Leute in der Wohnung ein und aus, auch spät abends oder nachts, sagen Nachbarn, die dort im Haus wohnen. Yamen A. lebte offenbar zwei Leben oder weite nur einzelne Menschen in seine Pläne ein. Er bastelte sich seine Waffe für den Dschihad selbst – mit Hilfe von IS-Anhängern im Ausland.

Für Ermittler sind Tätertypen wie A. derzeit bestimmend für die Bedrohungslage in Deutschland – und nur schwer zu entdecken. Sie docken nicht zwangsläufig an Moscheen oder Islamisten-Treffpunkte an. Der Weg zu Einzeltäter-Dschihadisten führt oftmals über Treffer der Sicherheitsbehörden bei ihrer Internetüberwachung – nicht selten gelangen Hinweise von Nachrichtendiensten aus den USA oder Großbritannien nach Deutschland. Mehrfach konnten die Behörden in der Vergangenheit aufgrund dieser Informationen Anschlagspläne verhindern.

Dschihadisten passen sich schnell an

Die dschihadistische Bedrohung in Deutschland ist seit 2014 auch ein Stück weit abgewandert – nicht nur aus Hamburg, Essen oder Berlin nach Syrien und Irak, sondern auch von den Straßen und Moscheen ins Internet. Für Verfassungsschutz und Polizei ist das ein Erfolg, einerseits.

Andererseits verdeutlicht es, wie schnell sich Dschihadisten anpassen. Bremen ist ein gutes Beispiel für diese Entwicklung: Ende 2014 durchsuchen Polizisten den dortigen „Kultur- und Familienverein“, der Senat spricht ein Verbot aus. Es ist die Zeit, in der die Terrorgruppe IS einen Siegeszug durch Syrien und Irak führt.

Radikalisierung über Treffpunkte

Hunderte Deutsche reisen in Richtung Dschihad-Gebiet. Lange unbemerkt zieht die islamistische Gefahr mit aller Wucht auf. Auch aus Bremen reisen mehr als ein Dutzend Männer, Frauen und mehrere Kinder aus. Die Behörden konnten es nicht in allen Fällen verhindern.

„Islamisten in Bremen radikalisierten sich kaum über IS-Propaganda im Internet. Stattdessen spielten Treffpunkte wie extremistische Moscheevereine in Bremen eine ganz zentrale Rolle beim Weg in Richtung Dschihad“, sagt die Bremer Kriminalrätin Jessica Meyer.

Vereinsverbot hat Islamisten geschwächt

Die Polizistin hat über diese extremistische Szene in Bremen geforscht, Biografien von knapp 30 ausgereisten mutmaßlichen Dschihadisten untersucht. Die Ergebnisse ihrer Abschlussarbeit an der Deutschen Hochschule der Polizei würden zeigen, dass die Radikalisierung junger Menschen durch Islamisten nach dem Vereinsverbot deutlich abgenommen habe.

„Die Extremisten verloren ihren Sammelpunkt, von dem aus sie Nachwuchs rekrutiert und Ausreisen ins Dschihadgebiet organisiert hatten. Auch die Vorstellung, dass die Islamisten einfach von einem anderen Ort aus agieren, hat sich in unserem Fall nicht bestätigt. Die Strukturen waren klar geschwächt“, sagt Meyer.

„Lies!“-Stände in Fußgängerzonen als Köder

In der Fussilet-Moschee in Berlin sammelten sich der

und sein Netzwerk. In einem Verein in Hildesheim trafen sich Deutschlands Top-IS-Anhänger um den

in Frankfurt, Hamburg oder Essen gerieten Moscheen und Vereine ins Visier, weil von dort Islamisten ins Terror-Gebiet zogen.

Die sogenannten „Lies!“-Stände in Fußgängerzonen deutscher Städte waren aus Sicht der Sicherheitsbehörden Köder, die die Szene jungen Menschen zuwarf. Nicht wenige standen an den Ständen der extremistischen Gruppe und waren wenige Monate später in Richtung Syrien unterwegs.

Hintergrund: Weg zum Dschihad führt oft über Koran-Verteiler in der Stadt

Der Staat reagiert – spät, dann aber mit sehr vielen Ressourcen. Sicherheitsbehörden in Europa erhielten mehr Befugnisse und mehr Personal, ganze „Anti-Terror-Pakete“ wurden geschnürt. Frankreich sprach sogar den Notstand aus. Radikale Moscheevereine wie in Berlin und Hildesheim wurden geschlossen, die „Lies!“-Stände verboten, islamistischen Gefährdern wurde der Prozess gemacht.

Eine Auswertung von Europol zeigt: 2014 nahmen Polizisten europaweit knapp 400 Personen fest, denen Verbindungen zum dschihadistischen Terrorismus nachgesagt wurde. 2016 waren es schon 718, 2017 ebenfalls 705.

Deutsche Dschihadisten in kurdischen Gefängnissen

Der Staat schränkte die Räume der islamistischen Szene massiv ein, verfolgte Straftaten, überwachte Propaganda. „Das dämmt Extremismus ein“, sagt LKA-Chef Heinke. Einzelne Experten warnten, dass die militärische Niederlage des IS in Syrien zu einer Rückkehrwelle von IS-Kämpfern nach Europa führen würde.

Das ist bisher nicht eingetreten. Im Gegenteil: Deutsche, französische, amerikanische mutmaßliche Dschihadisten sind weiterhin in kurdischen Gefängnissen in Nordsyrien.

Frauen werden stärker in IS-Ideologie eingebunden

Die Tätertypen, auf die sich Polizei und Zivilgesellschaft einstellen muss, fächern sich auf: Nicht mehr nur „Homegrown“-Terroristen sind im Fokus, sondern auch „Foreign Fighters“, bei denen die Nachrichtendienste oft nur wenig Informationen haben, wie radikalisiert sie nach Jahren beim IS sind und welche Fähigkeiten etwa an Waffen oder Sprengstoff sie dort gelernt haben.

Dazu kommen Frauen, die stärker und vor allem in deutlich größerer Zahl als in früheren terroristischen Netzwerken in die Taktik und Ideologie des IS eingebunden waren. Als jetzt Videos von den Kämpfen kurdischer Milizen gegen die Reste-Truppe des IS über die sozialen Netzwerke liefen, sah man verschleierte Frauen mit Gewehren. Gefangene IS-Anhängerinnen riefen „Allahu Akbar“ in die Kamera von Kriegsreportern.

Prävention muss umdenken

Bei der Polizei, in Gefängnissen und Jugendämtern, in Arbeitskreisen von Ministerien wurde viele Jahrzehnte an Konzepten gewerkelt, wie Männer aus der Neonazi-Ideologie geholt werden können. Jetzt aber muss ein ganzer Präventionsapparat umschwenken und stärker Frauen und Kinder in den Blick nehmen. Bevor auch hier die Gefahr zu lange ignoriert wird.

Hintergrund:

Konfrontiert mit der starken Zunahme an Anschlägen konzentrierten sich Verfassungsschutz und Polizei in den vergangenen Jahren vor allem auf gewaltbereite islamistische Gruppen. Der Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen stand für diese Linie der Behörden.

Grauzonen interessierten weniger. Der harte Kern einiger Hundert Dschihadisten und deren Helfer war schon schwer genug zu überwachen. Diese IS-Unterstützer haben viel Aufmerksamkeit bekommen – von den Behörden, aber auch innerhalb der radikalen Szene zog der IS junge Männer und Frauen wie ein Magnet an.

Al-Qaida ist wiedererstarkt

Doch im langen Schatten der gewaltbereiten Islamisten ist die Szene facettenreicher geworden. Zum einen beschreibt der Islamwissenschaftler Behnam Said in seinem aktuellen Buch „Geschichte al-Quaidas“, wie der einst unter Osama bin Laden geführte Terrororganisation ein „hochgefährliches Wiedererstarken“ gelungen ist, seitdem der IS auf dem Rückzug ist. Vor allem in Staaten Afrikas, der arabischen Welt und Asiens.

„Die Organisation ist mittlerweile mehr damit befasst, sich an bewaffneten Konflikten mit lokaler und regionaler Bedeutung zu beteiligen und Konflikten eine globalisierte Bedeutung im Sinne ihrer Ideologie zu geben, als Anschläge gegen den Westen zu planen“, sagt Said.

„Global vernetzter Dschihad“

Zugleich warnt er davor, al-Qaida ausschließlich als außenpolitisches Sicherheitsrisiko abzutun. Von neu eroberten Bastionen im Sudan, Afghanistan oder Maghreb könnten „terroristische Unternehmer“ wieder stärker ihren Plänen für organisierte Angriffe in Europa nachgehen, sagt Experte Nesser. In Zeiten des „global vernetzten Dschihad“ können Gefahren im fernen Ausland schnell zu Risiken für die deutsche Sicherheit werden.

In Deutschland selbst hat sich mit den Repressionen gegen IS-Strukturen das islamistischen Spektrum aufgefächert, zu dem weiterhin salafistische Prediger wie Abul Baraa gehören,

aber auch neuere Akteure wie die „Furkan-Bewegung“, die laut Hamburger Verfassungsschutz eine „islamische Zivilisation“ errichten will, eine Art „weltweites Kalifat“, und die zuletzt etwa in Norddeutschland und Nordrhein-Westfalen aktiver mit Demonstrationen auf die Straße drängt.

Auch nicht gewaltbereite Initiativen sind gefährlich

In das Spektrum unterschiedlicher islamistischer Strömungen zählen Experten wie Götz Nordbruch vom Verein ufuq.de auch Initiativen wie „Generation Islam“ und „Realität Islam“, die der in Deutschland verbotenen Hizb ut-Tahrir nahestehen sollen. Das Verbot begründeten die Behörden auch mit dem antisemitischen Weltbild der Organisation.

Im Unterschied zu gewaltbereiten Islamisten rufen Aktivisten aus dem Umfeld dieser Initiativen nicht zum Dschihad auf und geben sich betont friedlich – zugleich bauen sie das Feindbild „des Westens“ und verstärken einen Rückzug von Muslimen aus der Gesellschaft.

Inszenierung der Muslime als Opfer des „Westens“

Nordbruch arbeitet seit Jahren mit Schulen zusammen, die eine Verbreitung von radikalen Gedanken in ihren Klassenzimmern verhindern wollen. Er sagt, das Problem bestehe heute weniger im radikalen Weg einzelner Akteure der Szene in die Gewalt als in Abwertungen von Andersgläubigen, rigiden Religionsvorstellungen und der Inszenierung von den Muslimen als Opfer des „Westens“.

Noch vor zehn Jahren ging es in der Präventionsarbeit vor allem um die palästinensische Hamas, die schiitische Hizbullah oder die Muslimbruderschaft. Dann transformierten Gruppen wie der „Islamische Staat“ den Islamismus in ein digitales Zeitalter. Um den Zulauf zu Islamisten jeglicher Couleur zu stoppen, reiche es daher nicht, einzelne Organisationen zu verbieten oder Webseiten zu löschen, so Nordbruch.

Am Ende geht es um die gleichen Fragen

Viel wichtiger sei die Frage, welche Angebote die Gesellschaft machen könne, um Jugendliche zu überzeugen. Diese Angebote müssten attraktiver sein als jene, die ihnen von islamistischen Initiativen gemacht werden. Denn, so die These: Auch wenn sich die Szene gewandelt habe – viele der Themen in ihrer Propaganda sind dieselben geblieben. Fragen von Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Identität.

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