Bamf-Skandal

Wie Dolmetscher im Asyl-Verfahren zum Risiko werden

Darum geht es beim Verdacht auf Korruption im Bundesamt für Migration

Korruptionsskandal: Eine leitende Mitarbeiterin des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge soll unrechtmäßig Asylanträge bewilligt haben. Laut Staatsanwaltschaft geht es um mehr als 1200 Fälle.

Korruptionsskandal: Eine leitende Mitarbeiterin des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge soll unrechtmäßig Asylanträge bewilligt haben. Laut Staatsanwaltschaft geht es um mehr als 1200 Fälle.

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Berlin  Dolmetscher sind wichtig, um die Geschichte von Asylbewerbern zu bewerten. Das Bamf setzt auf schlecht Ausgebildete. Das birgt Risiken.

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In der Szene hatten die Asylentscheider in Bremen schon einen Spritznamen: „Schlupfloch der Republik“. Im Sommer 2014 erhielt Mohamad A. Asyl durch die Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in der Hansestadt. Der Flüchtling sei Syrer, seine Schwester von den Schergen des Diktators Assad erschossen. Erst zwei Jahre später stellt sich heraus: Mohamad A. hatte gelogen. Er heißt eigentlich Milad H. – und kommt aus Rumänien.

Fälle wie diese listet ein interner Bericht der späteren Leiterin der Außenstelle auf, der dieser Redaktion vorliegt. Mittlerweile hat die Zentrale des Bamf Verfahren der Bremer Asylentscheider geprüft, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Vorwurf: bandenmäßiger Asylmissbrauch und Bestechung in mindestens 2000 Fällen. Beschuldigt ist die frühere Leiterin der Außenstelle, auch mehrere Flüchtlingsanwälte – und ein Dolmetscher.

Übersetzung entscheidend für Asylverfahren

Der Übersetzer aus dem niedersächsischen Bad Zwischenahn soll in Interviews zum Asylentscheid so „übersetzt“ haben, dass die Antworten des Flüchtlings passten. Dafür habe er Geld kassiert, 500 Euro pro Asylbewerber, so der Vorwurf. Details nannte die Staatsanwaltschaft Bremen auf Anfrage nicht.

In der hitzigen Debatte über die deutsche Asylpolitik stehen oft die Anwälte im Fokus, Entscheider im Bundesamt, die Präsidentin des Bamf, die Bundesregierung. Gestritten wird über Verteilungsquoten, Obergrenzen, falschen Aussagen bei Asylentscheidungen. Nur selten stehen die Menschen im Fokus, die im Asylsystem eine entscheidende Rolle spielen: die Dolmetscher.

Sie übersetzen die Geschichte eines Flüchtlings. Von dessen Erzählungen hängt ab, ob er für das Bamf als verfolgt gilt – und somit ein Recht auf Asyl hat. Ob er vor Krieg fliehen musste und vorübergehend in Deutschland Schutz suchen darf. Oft entscheiden Details, ob ein Syrer oder Afghane seine Geschichte wahr berichtet. Stimmen Ortsangaben, lokale Bräuche, Dialekte, ethnische Gruppen, von denen der Flüchtling erzählt? Oft laufen die Befragungen über mehrere Stunden. In vielen Fällen berichten Menschen über Intimstes – Folter, Tod von Angehörigen.

Viel Stress, wenig Lohn

Diese Redaktion hat mit mehreren Dolmetschern gesprochen, die auch für das Bamf gearbeitet haben oder arbeiten. Viele erzählen von Stresssituationen, von der niedrigen Bezahlung. Davon, wie unvorbereitet sie den Job beim Amt auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise angetreten haben. Manches bestätigen auch Flüchtlingsorganisationen und Berufsverbände.

Die meist jungen Menschen berichten auch über die möglichen katastrophalen Folgen, wenn das Bundesamt Laien als Übersetzer einstellt, die nicht vereidigt sind und deren Arbeit nicht kontrolliert wird. Risiken für die Flüchtlinge. Aber auch für das Bundesamt selbst.

Bamf-Präsidentin verspricht umfassende Aufklärung

Insgesamt sollen nun rund 18.000 Asylverfahren, die ab dem Jahr 2000 in Bremen eingereicht wurden, geprüft werden.
Bamf-Präsidentin verspricht umfassende Aufklärung

Die Außenstelle Bremen scheint eine Ausnahme und der Missbrauch, mutmaßlich begangen auch durch den Dolmetscher, ein Extremfall. Doch das Bamf musste sich zu weiteren Ausnahmesituationen erklären: 2017 gab sich der rechtsextreme Bundeswehr-Soldat Franco A. als syrischer Flüchtling aus – und kam offenbar problemlos durch die Prüfung. Der Dolmetscherin sind nach eigener Angabe in der Anhörung „Unstimmigkeiten“ aufgefallen. A. sprach zum Beispiel Deutsch. Doch die Übersetzerin schlug keinen Alarm.

2000 Dolmetschern gekündigt

Im vergangenen Herbst äußerten laut Medienberichten türkische Asylbewerber den Verdacht, dass auch Dolmetscher in den Behörden als Spione der Erdogan-Regierung arbeiten würden. Belege für die Weitergabe von Informationen an türkische Behörden fehlen bis heute. Doch trennte sich das Bamf in der Vergangenheit von mehreren Dolmetschern, da diese ihre „Neutralitätspflicht“ verletzt hätten.

Und erst im April wurde bekannt: Das Bundesamt beendet die Zusammenarbeit mit mehr als 2000 Dolmetschern. Grund: Sie waren aus Sicht der Behörde nicht neutral oder vertrauenswürdig, unpünktlich oder hielten Standards nicht ein.

Derzeit klagen mehr als 200.000 Asylbewerber gegen ihre Bamf-Ablehnung vor deutschen Verwaltungsgerichten. Die Anträge sind teilweise auch damit begründet, dass aus Sicht der Flüchtlinge und deren Anwälte schlecht gedolmetscht worden sei.

Wenn in den vergangenen drei Jahren vom Bamf als „Behörde im Krisenmodus“ die Rede war, ist klar: Ein Teil der Krise sind die Dolmetscher – aber auch der Umgang des Bundesamtes mit ihnen.

5800 Übersetzer arbeiten für das Bamf

Derzeit arbeiten rund 5800 Dolmetschende für das Bamf, heißt es auf Nachfrage dieser Redaktion. Das Amt kann Anhörungen in 472 Sprachen führen. Vor allem Arabisch, Französisch, Englisch werden gebraucht. Aber auch Farsi, Urdu, Tschetschenisch. Seltene Sprachen, in denen es nur eine überschaubare Anzahl an Dolmetschern gibt.

Ein junger Mann aus Berlin schildert den Alltag so: Treffen morgens um 7 Uhr, eine Stunde warten im Raum für die Dolmetscher, dann rufen die Bamf-Mitarbeiter nach Sprachen auf. Manchmal dauern die Befragungen zwei Stunden, manchmal sechs. Der Mann spricht mehrere Sprachen, darunter Französisch und Englisch. Eine Ausbildung hat er nicht gemacht, einen Nachweis über seine Fremdsprachenkenntnisse musste er nie einreichen: „Ich bin einfach zum Amt gegangen und habe gesagt, ich möchte hier arbeiten.“

Der junge Dolmetscher musste eine Bewerbung einreichen und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Im Sommer 2017 – als er längst viele Monate gedolmetscht hatte – habe das Bamf an ihn und seine Kollegen eine E-Mail mit einer „freiwilligen Videoschulung“ verschickt. Es ging um „Berufsethik“, um „Dolmetschstrategien“ und „psychosoziale Kompetenzen“.

Die meisten sind Freiberufler

Auch andere Dolmetscher erzählen von der Schulung. Sie sind Laien, gehören keinem Berufsverband an, haben die Fremdsprache in ihrer Familie oder Freizeit gelernt. Viele kommen selbst aus Zuwandererfamilien. Für manche, so erzählt es eine Übersetzerin, sei das Bundesamt ein zweites finanzielles Standbein. Niedrige Bezahlung, aber dafür viele Stunden Arbeit.

Festangestellt ist keiner der Dolmetscher. Sie alle arbeiten freiberuflich oder werden von Agenturen ans Bamf entsandt. Zwischen 25 und 32 Euro zahlt das Bundesamt nach eigenen Angaben pro Stunde, individuell könne nachverhandelt werden, etwa bei seltenen Sprachen oder vereidigten Übersetzern.

Doch selbst 35 oder 40 Euro pro Stunde ist ein Niedriglohn im Vergleich dazu, was professionelle Dolmetscher vor Gericht oder bei Unternehmen verdienen. Die Justiz zahlt 70 Euro pro Stunde – mit Beginn der Anreise. Das Bamf hat sich mit geringen Löhnen selbst zum Marktplatz der Laien gemacht.

Vereidigt sind nur etwa 620 der fast 6000 Sprachmittler beim Bamf. Sie haben vor Gericht ihre Neutralität geschworen und je nach Bundesland ihr Fachwissen zertifiziert. Die geringe Zahl professioneller Dolmetscher in den Asylbehörden macht auch Monika Eingrieber Sorgen. Sie ist Projektleiterin „Dolmetschen im Asylwesen“ beim Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). Den Laiensprachmittlern beim Bamf „fehlen in der Regel die in einer fundierten Ausbildung vermittelten Kompetenzen“. Etwa Dolmetschtechniken, soziale Kompetenz, professionelle Distanz.

Anders als vor Gericht oder bei der Polizei herrsche in Asylverfahren „offensichtlich große Unsicherheit“, so Eingrieber. Denn klare Regeln über die Mindestanforderungen und die Eignung für bestimmte Dolmetscher-Einsätze würden fehlen.

Crashkurse in Asylrecht

Um zu verstehen, warum so viele Laien für das Bamf arbeiten, muss man die Lage der Behörde erklären. Als in den Monaten nach 2015 Hunderttausende Flüchtlinge auf ein unvorbereitetes Behörden-Deutschland trafen, musste das Bundesamt in kurzer Zeit einen riesigen Asyl-Apparat mit Außenstellen ausbauen. Die Behörde holte zusätzlich Soldaten ins Amt, Beamte aus anderen Dienststellen, Rentner – und startete Crashkurse im Asylrecht. Wer Arabisch oder Farsi konnte, wurde gebraucht. Denn die Stapel der Anträge von Syrern und Afghanen waren riesig.

Der Druck auf die Behörde, schnelle aber gleichzeitig sorgfältige Entscheidungen zu teilweise komplexen Fluchtgeschichten zu treffen, ist bis heute groß. Professionelle Dolmetschende werden nicht nur händeringend beim Bamf benötigt, sondern auch bei Gericht oder der Polizei. Zugleich beklagt der BDÜ, dass mehrere Hochschulen in den vergangenen Jahren Dolmetscher-Studiengänge eingedampft haben. Wo also sollen die Fachkräfte herkommen?

Erst nach und nach hat das Amt die Qualität ihrer Dolmetschenden stärker kontrollieren können. Manche Dolmetscher sagen, die Behörde habe zu spät auf die Missstände reagiert. Seit einigen Monaten verlangt das Bamf einen Nachweis darüber, dass ein Laiensprachmittler mindestens auf C1-Niveau Deutsch spricht, damit ein Asylentscheider den Flüchtling schneller und genauer interviewen kann. Offenbar bleiben manche Übersetzer seltener Sprachen von dem Deutsch-Nachweis befreit.

Für andere gilt: Wer auf C1-Level spricht, ist zumindest formell nahe am Muttersprachler. Übersetzende berichten zudem, dass Interviews seit einem Jahr zur Qualitätskontrolle aufgezeichnet werden. Wie oft Aufnahmen im Nachhinein geprüft werden, ist unklar.

Dolmetscher oft per Video zugeschaltet

Schon länger überprüft das Bamf alle zwei Jahre das Polizei-Zeugnis ihrer Übersetzenden. Seit 2017 wertet die Behörde intern systematisch Beschwerden über Dolmetscher aus. Oftmals werden nun Dolmetscher per Videokamera zur Asylanhörung zugeschaltet. Auch das soll den Einsatz der effizienter machen und Klüngel zwischen Übersetzer und Entscheider verhindern.

Gemeinsam mit dem Berufsverband BDÜ will das Bamf das Niveau der Dolmetschenden verbessern und hat Schulungen gestartet. Im Januar bekam auch der junge Berliner Übersetzer Post vom Referat 711 der Behörde: Man biete fünf Tage Seminar zu Gesprächssituationen, Berufsethik und dem Umgang mit belastenden Situationen. Das Projekt ist in der Anfangsphase, laut BDÜ gab es bisher neun Schulungen mit jeweils zwölf Teilnehmern.

Eigentlich eine gute Sache, findet auch der junge Übersetzer aus Berlin. Die 200 Euro Kosten für das 5-Tage-Seminar wollte er dann aber doch nicht zahlen. Jetzt dolmetscht er weiter, auch ohne Schulung. Nachgefragt habe ohnehin niemand.

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