Kriegsende

Weltkriegssoldat: „Meine Kameraden starben wie die Fliegen“

Reichskanzler Adolf Hitler ehrt in Berlin noch im März 1945 Mitglieder der Hitlerjugend mit dem „Eisernen Kreuz“ für ihren Mut. Gegen Ende des Krieges mussten auch sie an die Front, viele von ihnen überlebten nicht.

Reichskanzler Adolf Hitler ehrt in Berlin noch im März 1945 Mitglieder der Hitlerjugend mit dem „Eisernen Kreuz“ für ihren Mut. Gegen Ende des Krieges mussten auch sie an die Front, viele von ihnen überlebten nicht.

Foto: ullstein bild Dtl. / ullstein bild via Getty Images

Berlin.  Der deutsche Soldat Günter Lucks kämpfte bis zum Kriegsende am 8. Mai 1945 an der Front für die Waffen-SS, dabei war er noch ein Kind.

Günter Lucks gehörte zu Hitlers letztem Aufgebot, gerade 16 Jahre alt geworden, folgte er 1945 dem Aufruf der NSDAP, den „Heimatboden“ zu verteidigen, und trat dem „Volkssturm“ bei. Er landete schließlich bei der Waffen-SS und kämpfte an der österreichischen Grenze gegen die Soldaten der Sowjetunion.

Seinen Stahlhelm warf er weg, weil er ihm zu groß war und auf dem Kopf wackelte, zwei Handgranaten warf er weg, weil sie ihm beim Marschieren zu schwer waren. Fast noch ein Kind wurde er Scharfschütze. Mit Glück überlebte er das Kriegsende vor 75 Jahren. Heute ist Günter Lucks 91 Jahre alt, für das Interview telefonierten wir. Er ist gerade in einem Hamburger Krankenhaus. Beim Versuch, dem Nachbarsjungen einen Ball zurückzupassen, hat er sich verletzt.

Herr Lucks, wie geht es Ihnen? Sie haben sich die Hand gebrochen?

Günter Lucks : Ach, es geht mir so weit ganz gut. Die Hand ist halt gebrochen, ich bin im Krankenhaus und meine Frau darf mich wegen der Corona-Auflagen in Krankenhäusern nicht besuchen. Das ist natürlich ungewohnt für mich. Wir sind seit 65 Jahren verheiratet.

Wie haben Sie die vergangenen Wochen seit Ausbruch der Corona-Pandemie erlebt?

Lucks : Ich habe natürlich auch Mundschutz getragen und sonst gemacht, was man machen soll. Aber ich sag mal: Wen es trifft, den trifft das eben.

Vor 75 Jahren am 8. Mai war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Woran denken Sie bei diesem Datum?

Lucks : Ich denke daran, wie ich als 16-Jähriger als Teil eines Bubenbataillon schwer verletzt in einem Lazarettzug in Tschechien lag. Der nächste Ort hieß Pisek und ich kann mich daran erinnern, dass die Glocken läuteten. Und ich hörte Stimmen auf Tschechisch rufen: „Der Krieg ist aus.“ Ich spreche etwas Tschechisch, weil ich mit meiner Familie ein Jahr lang in Tschechien gelebt hatte. In meinem Waggon waren 50 Leute. Es ging mir schlecht, ich war verletzt, hatte Granatsplitter im ganzen Körper. Aber ich war trotzdem glücklich, dass es vorbei war.

Herr Lucks, Sie waren elf Jahre alt als der Krieg ausgebrochen ist. Wie haben Sie die Kriegsjahre in Hamburg erlebt?

Lucks : Ich war das Kind kommunistischer Eltern, die immer vor dem Krieg gewarnt hatten. Und als es im September 1939 losging, wunderte ich mich, dass sich gar nichts verändert hatte. Die Sonne schien weiter, wir gingen weiter in die Schule, das große Grauen blieb aus. Es kam eher schleichend. Erst waren es ganz wenige Fliegerangriffe, die kaum Schaden anrichteten. Und dann kam dieser Juli 1943, eine ganze Serie von Großangriffen, die sich zehn Tage hinzogen und die Hamburg fast auslöschten. Ich verlor dabei meinen Bruder Hermann, er war ein Jahr älter als ich, 15. Unser Haus in Hammerbrook wurde zerstört, um ein Haar wäre auch ich gestorben.

Warum haben Sie sich dennoch mit 16 Jahren im Januar 1945 gemeldet, um dem Volkssturm beizutreten?

Lucks : Wir hausten in einem Ruinenkeller im Hamburger Osten, unser Haus war ja 1943 zerstört worden. Ich lebte zusammen mit meiner Mutter, meinem Stiefvater, meine Eltern hatten sich ja früh scheiden lassen, und meinen drei Halbgeschwistern. Ich fühlte mich wie das fünfte Rad am Wagen. Außerdem glaubte ich, dass das Vaterland mich brauchte. Die Nazi-Propaganda hatte bei mir gewirkt. Ich hatte das Gefühl, endlich für etwas nützlich zu sein. Und ein bisschen war das auch Opposition gegen meine Mutter, meinen Stiefvater und meinen Vater, die alle nach wie vor überzeugte Kommunisten waren.

Was haben Ihre Eltern zu Ihrem Entschluss gesagt, vor allem Ihre Mutter?

Lucks : Meine Mutter wollte mir das ausreden. Aber mein Stiefvater sagte: „Der Krieg ist sowieso bald zu Ende, der Junge wird schnell wieder nach Hause geschickt.“

Hatten Sie keine Angst zu sterben?

Lucks : Ich dachte, schlimmer als das Leben im Ruinenkeller kann es nicht werden. Ich glaube auch nicht, dass ich damals wirklich alles durchdacht hatte, was da auf mich zukommen könnte. Mir ging es mehr darum, aus Hamburg wegzukommen. Ich sah eine Chance, schnell erwachsen zu werden, als Soldat.

Was hatten Sie bei sich? Nimmt man persönliche Dinge mit in den Krieg?

Lucks : Ich hatte einen Koffer dabei, darin war Wäsche. Und ich trug meine HJ-Uniform, die hatten wir eigentlich jeden Tag an. Für den Winter gab es die wärmere Variante mit so einer Steghose, die wir Skihose nannten. Aber das sollte ich ja bald alles nicht mehr brauchen.

Wieso mussten Sie gleich der Waffen-SS beitreten, Hitlers Elitetruppe, die die grausamsten Verbrechen beging?

Lucks : Wir waren ein ganzer Lehrgang, mehr als 1400 15- und 16-Jährige. Wir waren im tschechischen Bad Luhaschowitz militärisch ausgebildet worden. Eigentlich war uns versprochen worden, dass es nach Abschluss der Ausbildung zurück nach Hause auf Urlaub geht, danach erst zum Volkssturm. Doch es kam ganz anders. Am 5. März 1945 erschien ein hoher HJ-Funktionär und erklärte vor dem versammelten Lehrgang, man trete jetzt freiwillig der Waffen-SS bei.

Gab es Widerspruch?

Lucks : So waren wir ja nicht erzogen worden, wir senkten alle die Köpfe und machten mit. Doch es gab einen, der sagte, seine Eltern hätten ihm untersagt, zur Waffen-SS zu gehen. Er sagte, er hätte schon eine Zusage zu einer anderen Waffeneinheit in der Tasche. Er wurde vom HJ-Führer als Weichei verspottet – und dann tatsächlich nach Hause geschickt.

War das nicht schwierig wegen Ihres kommunistischen Elternhauses?

Lucks : Ich habe oft an meine Eltern gedacht und mich geschämt. Ich dachte, „Mutti wird mir das nie verzeihen.“ Schon während der Ausbildung kamen mir große Zweifel. Doch es war zu spät, ich habe die Dinge nicht mehr beeinflussen können.

Sie wurden an die Front nach Wien geschickt, was haben Sie erlebt?

Lucks : Nach einer weiteren kurzen Ausbildung nahe Prag wurden wir Anfang April ins österreichische Weinviertel nördlich von Wien transportiert. Wir nannten uns Kampfgruppe Böhmen in der SS-Panzergrenadierdivision Hitlerjugend. Das klang martialisch, in Wahrheit waren wir aber halbe Kinder mit viel Angst in viel zu großen Uniformen. Wir sollten dort die Russen aufhalten, die aus Richtung Pressburg gegen Wien vorrückten. Viele meiner Kameraden organisierten sich zivile Sachen, kurze Hosen, um nach Hause zu türmen. Alle wurden von den sogenannten Kettenhunden, der Feldgendarmerie, aufgegriffen und hingerichtet.

Im April bei dem Dorf Großkurth hatten Sie ihre erste Feindbegegnung.

Lucks : Wir waren der dort kämpfenden Truppe als frische Verstärkung versprochen worden. Doch der Kommandeur bekam einen Schreck, als er diesen Haufen Kinder sah. Dann hat er seine Truppen doch wieder an die Front geschickt und uns der Reserve zugeteilt. Trotzdem starben meine Kameraden wie die Fliegen, weil wir die Hosen voll hatten und natürlich völlig unerfahren waren.

Die Sowjets stießen nach der Einnahme von Wien nach Westen vor. Was passierte damals?

Lucks : Verglichen mit Berlin, wo damals militärisch die Entscheidung fiel, war das eher ein Nebenkriegsschauplatz. Aber selbst damit waren wir überfordert. Wir hatten Glück, dass die russische Offensive für ein paar Tage stoppte.

Was war Ihre Waffe?

Lucks : Ein Karabiner 98, das deutsche Standardgewehr des Ersten Weltkriegs.

Sie wurden als Scharfschütze ausgebildet, galten in kurzer Zeit als exzellenter Schütze, wie wurden Sie im Kampf eingesetzt?

Lucks : Weil die Front für ein paar Tage erstarrte, lagen wir in Schützenlöchern an einem Abhang den sowjetischen Linien direkt gegenüber. Ich hatte mich bei Schießübungen als guter Schütze hervorgetan, sodass man mich zu einem kurzen Lehrgang als Scharfschütze schickte.

Sie waren ein Sniper?

Lucks : Heute würde man das wohl so nennen. Allerdings ohne technischen Schnickschnack wie Zielfernrohr oder so.

Was fühlten Sie dabei?

Lucks : Anfangs gar nichts, das war wie im Spiel. Man schießt auf Punkte, nicht auf Menschen.

Und was fühlen Sie heute in Gedanken an die Menschen, die Sie getötet haben?

Lucks : Schon damals änderte sich das. Ich hockte in einem Erdloch mit meinem Gruppenführer. Der sah durchs Fernglas und gab mir ständig Tipps: „Da ist einer, Bubi (das war mein Spitzname damals, weil ich bubenhaft aussah), hol den mal wech.“ Und dann drückte ich ab und sah, wie ein Soldat mit Kapuze in vielleicht 200 Metern Entfernung umfiel. Wir blieben in dieser Stellung mehrere Tage liegen. Ich sah den toten Russen mit angewinkeltem Arm dort liegen, morgens und abends. Und dachte bei mir: „Ich habe diesen Menschen ausgelöscht. Sieh Günter, was sie aus dir gemacht haben.“ Es hat mich damals sehr beschäftigt.

Wie haben Sie sich selbst geschützt, an welche Regeln hielten Sie sich im Kampf strikt?

Lucks : Nie eigene Wege gehen, nie ausscheren, im Schutz der Masse bleiben. Das war eine alte Landser-Taktik, die ich schnell verinnerlichte. Nur nicht den Kopf zu weit rausstrecken, sprichwörtlich.

Wo waren Sie und was passierte, als Sie im Kampf schwer verletzt wurden?

Lucks : Das passierte am 2. Mai 1945 nahe Znaim in Tschechien. Wieder hatten wir Stellungen ausgehoben. Die Munition war knapp und mein Zugführer sagte: „Geh mal raus und sammel die Munition ein!“ Da lagen unverbrauchte Patronen herum. Dann hörte ich dieses Flattern in der Luft, das kam von den Granatwerfern und den Stalinorgeln. Und dann traf es mich wie ein Schlag mit einem Balken. Eine Granate verletzte mich schwer. Als ich dann im Sanitätszelt war, gab es misstrauische Fragen, Selbstverstümmelung war an der Tagesordnung und wurde schwer bestraft. Aber der Sani sagte nur: „Wer schießt sich denn schon selbst in den Hintern?“

Sie waren dann fünf Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Warum so lange als 16-Jähriger?

Lucks : Vermutlich weil ich als Mitglied der Waffen-SS für die Sowjets ein Täter war. Ich habe ja noch heute diese Blutgruppen-Tätowierung am linken Oberarm, daran wurden wir immer erkannt. Ich habe in sowjetischer Kriegsgefangenschaft auch nie geleugnet oder versucht, es zu vertuschen. Schließlich bin ich 16 gewesen. Als SS-Mitglied war es aber lebensgefährlich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, viele SS-Mitglieder wurden getötet und mindestens schikaniert. Mir hielt man vermutlich mein junges Alter zugute.

Dann kehrten Sie nach elf unterschiedlichen Gefangenenlagern nach Hamburg zurück. Wie war das?

Lucks : Es war Januar 1950, als ich in Hamburg wieder ankam, fünf Jahre nach meiner Abreise. Ich war erwachsen geworden, hatte zurück zu meinen kommunistischen Wurzeln gefunden, war ein überzeugter Kriegsgegner. Und ich hatte gelernt, dass das Grauen, das wir hatten erleben müssen, zunächst von deutschem Boden ausgegangen war.

Sie haben erst im Jahr 2005 angefangen, über Ihre Kriegserlebnisse zu sprechen, warum so spät?

Lucks : Ich habe die Nachkriegszeit als Zeit der Sprachlosigkeit in Erinnerung. Es sprachen nur die, die sich als deutsche Opfer eines großen Unrechts fühlten und so empfand ich ja nicht. Und es sprachen die, die den Krieg als etwas Heroisches empfanden. Auch das war ich nicht. Ich war ein Kommunisten-Junge, der unbedingt in die HJ wollte, der später Mitglied der Waffen-SS war und der dafür Scham empfand. Das zu erzählen, war schwer. Weil SS gleichbedeutend mit Täter war, Grautöne gab es da nicht. Ich habe erst angefangen, meine Geschichte aufzuschreiben, als mein Sohn Interesse zeigte. Zum Beispiel bemerkte er, dass ich es nicht leiden mochte, wenn der metallene Stil der Suppenkelle aus der Terrine auf mich zeigte. Das erinnerte mich unbewusst an einen sowjetischen Soldaten, der mir einst seine Maschinenpistole an die Schläfe gehalten hatte. Ich hatte mehrere solcher Ticks und das Schreiben half mir schließlich.

Günter Lucks: Sein Leben nach dem Krieg

Günter Lucks wurde am 4. Oktober 1928 in Hamburg geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg und fünf Jahren in sowjetischer Kriegsgefangenschaft kehrte er 1950 nach Hamburg und zu seinen kommunistischen Wurzeln zurück. Er lebte kurzzeitig in der DDR, desillusioniert zog er wieder nach Hamburg. Eine Einladung der Bundeswehr in Gründung, ihr als Offizier beizutreten, lehnte er ab.

Bis 1955 war er bei der Post tätig, danach arbeitete er im grafischen Gewerbe, ab 1962 bis zur Rente im Axel Springer Verlag. Dort war er lange Jahre Betriebsrat. Seit 1952 ist er mit seiner Frau Doris verheiratet, beide haben einen Sohn. Erst im Alter begann er zu schreiben. 2010 veröffentlichte er mit dem Journalisten Harald Stutte sein erstes Buch. „Ich war Hitlers letztes Aufgebot“ im Rowohlt-Verlag, wie auch sein neuestes Buch über die Hamburger Feuernacht 1943 „Zehn Tage im Juli“.

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