Deutsche Einheit

Was das Ruhrgebiet von Ostdeutschland lernen sollte

Rund eine Million Menschen feiern in der Nacht zum 03.10.1990 in Berlin wie hier vor dem Reichstagsgebäude die Deutsche Einheit.

Rund eine Million Menschen feiern in der Nacht zum 03.10.1990 in Berlin wie hier vor dem Reichstagsgebäude die Deutsche Einheit.

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Für viele NRW-Bürger ist der 3. Oktober nur ein freier Tag. Jedoch hat unsere Region viel mit den neuen Ländern gemeinsam: eine tiefe Krise.

Der 3. Oktober ist nie der Feiertag gewesen, der die Menschen hier in NRW emotional tief bewegt: Ja, da wurde 1990 die deutsche Einheit offiziell besiegelt – historische Sache, ziemlich wichtig. Aber es blieb im wesentlichen ein Rechtsakt, bedeutsam eher für Politiker und Beamte. Die Feierlichkeiten wirken auch immer ein bisschen bemüht: gerne staatstragendes Tremolo, der Normalbürger schläft erst mal aus.

Dabei war dem Rechtsakt Großes vorausgegangen: Unvergessen sind die Bilder von der Nacht als die Mauer fiel, von den weinenden Berlinern, die sich in die Arme fielen – von der Zeit, als der Wind of Change Deutschland durcheinander wirbelte. Für viele Westdeutsche flaute der Wind mit dem 3. Oktober 1990 allerdings bereits wieder zum Lüftchen ab: Die DDR hatte aufgehört zu existieren, die neuen Länder waren nun Teil der Bundesrepublik, das Leben im Westen ging einfach weiter, man hatte seine eigenen Probleme – war was?

Die Erschütterungen hörten nicht mehr auf

Für die Bürger im Osten der Republik hörten die Erschütterungen dagegen nicht auf. Ihr Alltag, ihr altes Leben ging zu Ende. Im Schlechten wie im Guten. Für jeden früheren DDR-Bürger war der 3. Oktober eine Zäsur in der Biografie, vielfach sogar die Entwertung des bisher gelebten Lebens. Für jüngere und optimistische Menschen war das der Aufbruch in eine neue Welt. Für ältere oder ängstlichere Ostdeutsche muss diese Erfahrung traumatisch gewesen sein. Der Alltag war für sie fortan geprägt von einer permanenten existenziellen Verunsicherung.

Diese emotionale Zerrissenheit wirkt bis heute nach und dürfte ein Grund sein für das immer wieder artikulierte Grundgefühl, sich abgehängt und unverstanden zu fühlen.

Das lag sicher auch an der Art und Weise, wie die Einheit administriert wurde. Der Anschluss nach Artikel 23 Grundgesetz hieß: Das bundesrepublikanische System wurde ohne größere Veränderungen und Korrekturen auf den Osten übertragen. Das mag in jedem Fall eine pragmatische Lösung gewesen sein – angesichts des knappen Zeitfensters für die Einheit wahrscheinlich sogar der einzig gangbare Weg.

Die Ungeduld im Westen

Für die im Osten lebenden Bürger brachte dies jedoch mit sich, dass sich von heute auf morgen die Regeln für sämtliche Lebensgrundlagen veränderten. Betroffen waren: das Heim (Mieten!), Krankenversicherungen, Renten, Vereinsleben, Einkauf, Versorgung, Verkehr, natürlich der Arbeitsmarkt, Freundschaften und das soziale Leben insgesamt. Und während die ersten Jahre nach der Einheit dennoch geprägt waren von einem gewissen Elan in der Gesellschaft, das Neue zu erkunden und mitzugestalten, konnte man bereits nach einigen Jahren Enttäuschung und Abnutzungserscheinungen mit Händen fühlen: „Wir wollten die Freiheit und bekamen die D-Mark. Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“, waren Sätze, die man nicht selten hörte. Das brachiale Vorgehen der Treuhand bei der Umgestaltung der maroden Wirtschaft trug ebenfalls dazu bei, dass sich viele Ostdeutsche nicht heimisch fühlten in diesem Land.

Umgekehrt schwang im Westen häufig Ungeduld beziehungsweise der Vorwurf der Undankbarkeit mit bei der Bewertung der Entwicklung im Osten. Wurden nicht Jahr für Jahr Abermilliarden D-Mark und Euro in den Osten transferiert?

Und im Gegensatz zu den offiziellen Reden, die heute betonen, wie gut es um die deutsche Einheit steht, ist das gegenseitige Unverständnis nicht kleiner geworden. Dabei sollten gerade im Ruhrgebiet die Erfahrungen der Bürger im Osten nicht mehr fremd sein. Der Osten und seine Probleme sind uns näher, als wir glauben. Denn auch im Revier gab es zwischenzeitlich Umbrüche, die tief ins Leben der Bürger eingeschnitten haben. Zwar geschah dies schleichender und hat rein ökonomische Ursachen – aber die gesellschaftlichen Wirkungen sind in Teilen durchaus vergleichbar.

Ruhrgebiet in der Identitätskrise

Mit dem Ende des Bergbaus und dem fortschreitenden Bedeutungsverlust der Montan-Industrie und der Energiebranche ist die Region in eine veritable Identitätskrise gerutscht. Der Strukturwandel ist natürlich ein dauernder Prozess. Das Ruhrgebiet versucht sich schon lange neu zu erfinden. Bisher ist das jedoch an einigen Stellen noch nicht überzeugend gelungen. Gleichzeitig wurden politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Traditionen, Milieus, Lebensentwürfe und Gewissheiten Stück für Stück ausgehöhlt. Dieser Prozess ist nun an sein Ende gekommen: Die Malocher und ihre Milieus gibt’s faktisch nicht mehr, die SPD als deren tradierte politische Vertretung ist längst nicht mehr stärkste Kraft, viele Industrie-Anlagen haben nur noch musealen Zweck - das Ruhrgebiet in seiner ursprünglichen, vor allem durch die Großindustrie geprägten Form neigt sich seinem historischen Ende zu. Und wie im Osten dauert der Aufbau des Neuen sehr viel länger als gedacht. Mittlerweile gilt das Ruhrgebiet als Deutschlands Krisenregion, nicht mehr der Osten. Und es wird darüber debattiert, die Subventionsströme aus dem Soli in den darbenden Westen umzuleiten.

Und da es diese Entwicklung gibt, lassen sich auch Lehren aus der Geschichte der Einheit für das Ruhrgebiet ziehen: Der Osten wird seit 30 Jahren kontinuierlich subventioniert, trotzdem hinkt die Wirtschaft in einigen Regionen noch sehr hinterher. Staatliche Hilfe alleine führt also nicht zum Aufbau einer erfolgreichen Ökonomie. Der Ruf nach staatlichen Hilfen ist auch im Revier Tradition, aber nicht unbedingt zielführend: Die Subventionspolitik für Kohle und Stahl verstellte lange den Blick auf notwendige Neuausrichtungen. Wenn es also staatliche Hilfen gibt, sollten sie sich auf eine einmalige Entschuldung der Städte und ansonsten NUR auf innovative Branchen und die Modernisierung der Infrastruktur konzentrieren - und sie sollten knapp gehalten werden, um die Selbstheilungskräfte zu fördern.

Man muss die Köpfe gewinnen

Hier wie dort mangelt es weiterhin in der Breite an unternehmerischem Geist: Während in der DDR der Mittelstand aus politischen Gründen jahrzehntelang verdrängt wurde und erst langsam wieder herangewachsen ist, dominierten im Ruhrgebiet über Jahrzehnte Großkonzerne die Wirtschaft und die politischen Entscheidungen. Aber gerade zukunftsgerichtete Unternehmen entwickeln sich heute vor allem aus kleinteiligen Strukturen. „Die da oben“ werden nichts mehr richten: Es gilt den Gründergeist in der Breite und mit allen Mitteln zu fördern. Dass das klappen kann, zeigt die rege digitale Startup-Szene, die sich mittlerweile in der Region etabliert hat.

Die neuen Länder führen regelmäßig die Bildungs- und Hochschulrankings an. Die Hochschulen wurden sehr rasch zu wirtschaftlichen Hotspots. Gibt es eine erfolgreiche Region, ist die nächste Uni nicht weit. Das in Schulen, Lehrer und Universitäten investierte Geld ist fast immer gut investiertes Geld. Da hat NRW ganz klar und ziemlich großen Nachholbedarf, wie der Blick in die Statistiken zeigt.

Und wir müssen darauf achten, die Menschen im Prozess des Wandels mitzunehmen. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Veränderung ist reine Kopfsache. Dass so viele in den neuen Ländern weiter das Gefühl haben, Bürger zweiter Klasse zu sein, zeigt die Defizite im Vereinigungsprozess und dass man Politik im Dialog wieder und wieder erklären muss – auf Augenhöhe. Die amtierende NRW-Regierung versucht dies in Form der Ruhrkonferenz. Die Idee, die dahintersteckt, geht in die richtige Richtung. Das Ergebnis ist bisher allerdings noch nicht befriedigend. Darin liegt eine Gefahr: Es ist wohl die wichtigste Lehre aus dem 3. Oktober: Wenn man die Köpfe nicht gewinnt, ist der Schaden langfristig und erheblich. Das können wir uns im Ruhrgebiet schlicht nicht leisten.

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