Kommentar

Warum die Wahl von Joe Bidens Vizepräsidentin so wichtig ist

Trump: "In Bidens Amerika werdet Ihr nie sicher sein"

US-Präsident Donald Trump hat vor Anhängern und Polizisten in Florida vor einem Wahlsieg seines demokratischen Herausforderers Joe Biden gewarnt. Niemand sei dann mehr sicher, nur Krimninelle würden dann noch beschützt, sagte er.

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Washington.  Sollte Demokrat Joe Biden zum nächsten Präsidenten der USA gewählt werden, würde seiner Vizepräsidentin eine besondere Rolle zukommen.

John Adams hatte nichts als bitteren Spott für seinen Job übrig: „In seiner Weisheit hat mein Land für mich das unbedeutendste Amt geschaffen, das sich Menschen jemals ausgedacht oder vorgestellt haben“, sagte der erste Vizepräsident Amerikas (1789 bis 1797). John Nance Garner, bis 1941 die Nr. 2 hinter Franklin D. Roosevelt, giftete gar, der Stellvertreter-Posten sei nicht mal einen „Eimer warmer Pisse“ wert.

Was vielleicht daran liegt, dass die US-Verfassung dem „Veep“ bis auf zeremonielle Obliegenheiten und eine Schiedsrichter-Funktion im Senat kaum Einfluss zubilligt.

Nur wenn der Chef Macht abgibt, wie dies Bill Clinton bei Al Gore (Umweltschutz) oder George W. Bush bei Dick Cheney (Kriege anzetteln) getan hat, hinterlassen Vizepräsidenten historisch nachhaltigen Eindruck. Oder wenn der erste Mann frühzeitig ablebt. Nach dem Mord an John F. Kennedy rückte binnen zwei Stunden Lyndon B. Johnson nach.

In diesem Wahljahr ist in Amerika vieles ähnlich – und doch ganz anders. Mehr zum Thema: Trump gegen Biden: Was man über die US-Wahl 2020 wissen muss

US-Präsidentschaftswahl: Biden bezeichnet sich als „Übergangskandidat“

Nicht nur, dass Joe Biden, der Herausforderer des in der Corona-Krise fatal vor sich hin dilettierenden Amtsinhabers Donald Trump, am 3. November mit einer Frau ins Rennen gehen wird. Das hat es vorher nur zwei Mal (erfolglos) gegeben – Geraldine Ferraro 1984 und Sarah Palin 2008.

Biden (77) wäre im Falle eines in Umfragen hartnäckig für möglich gehaltenen Sieges am Ende der ersten Amtszeit 82 Jahre alt. Weil er sich als „Übergangskandidat“ bezeichnet, dürfte er keine zweite Wahlperiode anpeilen. Also kommt der in den nächsten Tagen öffentlich werdenden Personalie die herausragende Bedeutung eines vorgezogenen Vorstellungsgesprächs mit dem amerikanischen Volk zu.

Denn nach Washingtons Macht-Logik wäre Bidens „running mate“ erste Anwärterin für die Anschluss-Kandidatur der Demokraten 2024. Oder um es im Klartext von Claire McCaskill zu sagen, einst demokratische Senatorin aus Missouri: „Es geht um die erste Präsidentin Amerikas.“

Bidens Vize könnte die erste schwarze Präsidentin der USA werden

Entsprechend unbarmherzig werden die Attacken aus dem Trump-Lager ausfallen. Dort wird bereits an der schmutzigen Legende strickt, dass Frau X Statthalterin einer links-radikalen Politik sei, die Amerika zu Venezuela verkümmern lasse. Lesen Sie auch: US-Wahlkampf: Donald Trumps Spiel mit der Apokalypse

Weil unter seit Wochen auf Herz und Nieren geprüften Kandidatinnen sechs hochkarätige Afro-Amerikanerinnen sind, könnten die USA in naher Zukunft nach dem Kapitel Barack Obama die erste schwarze Präsidentin bekommen.

Die gesellschaftlichen Eruptionen nach dem Polizei-Mord an George Floyd und die neu entbrannte Rassismus-Debatte haben den Erwartungsdruck auf Joe Biden erhöht, eine schwarze Kandidatin als Beifahrerin zu nehmen. Mehr zum Thema: „Black Lives Matter“: Neue Jugendbewegung gegen Rassismus?

Gleichzeitig weiß Biden um seine begrenzte Strahlkraft. Er muss die progressiven Begehrlichkeiten im linken Spektrum der demokratischen Wählerschaft bedienen. Dort haben viele das Ausscheiden der Ikonen Bernie Sanders und Elizabeth Warren noch nicht überwunden.

Hintergrund: Vergleich: So wählen Menschen in Deutschland und den USA

Joe Biden würde Altlasten erben, die die Problemlage von 2009 übersteigen würde

Anders als noch zu Jahresbeginn reicht es auch nicht mehr aus, als wichtigstes Kriterium zu nennen, dass seine Stellvertreterin „simpatico” mit seinen mittig-moderaten Vorstellungen von Politik sein muss. Das ist selbstverständlich.

Die Altlasten, die Biden von seinem Vorgänger erben würde, übersteigen bei weitem die Problemlage von 2009, als Biden im Schlepptau von Barack Obama in der Weltfinanzkrise als Vize in Verantwortung kam. Biden muss von Tag eins an sicher sein können, dass an seine Vize delegierte Aufgaben erfolgreich und geräuschlos erledigt werden.

John Adams hätte heute kolossal unrecht. Bidens Vizepräsidentschafts-Kandidatin könnte die US-Politik über das kommende Jahrzehnt hinaus prägen.

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