Interview

Ärztepräsident zu Corona: Keine Urlaubsreisen im Sommer

Urlaub 2020: Was kann ich in der Corona-Krise überhaupt noch planen?

Einreisesperren und abgesagte Flüge machen Urlaub momentan unmöglich. Aber was kommt nach dem Coronavirus? Kann ich Sommerurlaub planen?

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Berlin.  Die Corona-Krise lähmt Deutschland. Ärztepräsident Klaus Reinhardt über die Lage an den Feiertagen und den Verzicht auf Urlaubsreisen.

  • Die Coronavirus-Pandemie hat Deutschland und die Welt im Griff: In vielen Ländern steigen die Infektionszahlen rasant an, fast überall wurde das öffentliche Leben heruntergefahren
  • Während sich viele fragen, ob die Ausgangsbeschränkungen bald gelockert werden, wagt der Präsident der Bundesärztekammer einen Blick in die Zukunft
  • Klaus Reinhardt meint: Hoffnungen auf einen Urlaub brauchen sich die Deutschen für diesen Sommer gar nicht erst zu machen
  • Unterdessen attestiert Reinhardt dem deutschen Gesundheitssystem eine einzigartige Position in der Welt

Klaus Reinhardt hat eine besondere Beziehung zu Italien: Der Präsident der Bundesärztekammer hat in Padua Medizin studiert. Bis heute hat er enge Drähte nach Norditalien, einem der Epizentren der Corona-Pandemie – und weiß aus erster Hand, wie wichtig es ist, das Virus unter Kontrolle zu bringen.

Coronavirus: Darum läuft es in Italien oder Spanien anders

Herr Reinhardt, einer Ihrer ehemaligen Studienfreunde sitzt in der Corona-Task-Force in Südtirol, der andere ist Chefarzt in Mailand. Was hören Sie von den beiden?

Klaus Reinhardt: Sie berichten von dramatischen Situationen. Italien hat ja im Vergleich zu uns nur ein Drittel der Intensivplätze, gleichzeitig sind aber die Erkrankten dort im Schnitt deutlich älter als in Deutschland. Deshalb verlaufen die Erkrankungen oft viel schwerer. Das hat sehr früh schon zu Engpässen und Knappheit geführt. Nicht immer reichten die Mittel, um alle so zu behandeln, wie man sich das wünscht.

Lesen Sie hier:Lockerung der Corona-Maßnahmen in Deutschland möglich

Die deutsche Politik versucht gerade alles, um in der Coronakrise „italienische Verhältnisse“, also den Kollaps ganzer Kliniken, zu verhindern …

Reinhardt: … dabei hilft uns, dass wir im Gegensatz zu Italien eine sehr dichte, gut funktionierende ambulante Versorgung haben durch niedergelassene Hausärzte, Fachärzte und an ihrer Seite die medizinischen Fachangestellten, die ja auch an vorderster Front arbeiten. Unser System ist weltweit einzigartig.

In Italien oder Spanien läuft es anders. Dort wird jeder, der etwas stärkere Symptome hat, in den Kliniken behandelt. Bei uns werden sechs von sieben Corona-Patienten ambulant behandelt. Das entlastet die Krankenhäuser immens.

Der Höhepunkt der Krise liegt noch vor uns. Werden wir zu Ostern Bilder von überforderten Intensivstationen sehen?

Reinhardt: Das glaube ich nicht. Im Moment sind wir noch weit von italienischen Verhältnissen entfernt. Wir haben aktuell rund 10.000 freie Intensivbetten. Aber richtig ist auch: Wenn wir weiter steigende Infektionszahlen haben, wird auch der Anteil der Intensivpatienten steigen. Kein Mensch kann voraussagen, wann wir den Höhepunkt erreichen. Dazu fehlen uns die Daten.

Niemand weiß zum Beispiel, wie hoch die Dunkelziffer der tatsächlich Infizierten ist oder wie viele Menschen Corona schon überstanden haben. Deshalb sind Studien wie die Heinsberger Untersuchung des Virologen Hendrik Streeck wichtig, die einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung untersuchen.

Coronavirus: Ärzte haben an Ostern geschlossen

Über Ostern sind die meisten Arztpraxen geschlossen. An wen wenden sich die Menschen, wenn sie krank werden?

Reinhardt: Das kommt auf die Symptome an: Wenn jemand leicht erkrankt ist, mit Kopfschmerzen, etwas Husten oder Halskratzen und erhöhter Temperatur, dann kann es sein, dass er sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Er sollte dann zu Hause bleiben, Abstand halten und sich nach Ostern testen lassen.

Wer dagegen schwerer erkrankt ist, mit den typischen Symptomen starker Husten, Fieber und Luftnot, sollte sich schnell in klinische Behandlung begeben. Wer sich unsicher ist, sollte in die Notfallpraxen der niedergelassenen Ärzte gehen, vorher jedoch anrufen.

Brauchen Ärzte Corona-Gefahrenzulage?

Reinhardt: Nein. Viel wichtiger ist gute Schutzkleidung. Wichtig ist aber auch, dass wir dazu kommen, Ärzte und Pfleger regelmäßig zu testen, um rechtzeitig herauszufinden, wer sich infiziert hat. Bundesweit sollte das medizinische und pflegerische Personal von der Praxis über die Klinik und insbesondere im Altenheim regelmäßig und häufig getestet werden.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass Covid-19 als Berufskrankheit anerkannt wird. Wenn zum Beispiel eine Ärztin oder ein Pfleger nach einer Lungenentzündung eine schwere chronische Atemwegserkrankung behält, sollte das zu einer Unterstützung durch die Berufsgenossenschaften führen.

Bei 80 Millionen Deutschen haben wir aktuell rund 100.000 registrierte Corona-Fälle. Millionen andere sind ebenfalls schwer krank. Ist deren Versorgung gesichert?

Reinhardt: Ja, die ist selbstverständlich gesichert. Gleichzeitig muss man sehen: Viele weniger dringliche Eingriffe werden im Moment verschoben. Für einen gewissen Zeitraum ist das unproblematisch, das muss aber auch rasch wieder beendet werden. Wer auf eine neue Hüfte wartet, kann das vier oder acht Wochen tun, aber nicht anderthalb Jahre.

In lebensgefährliche Lagen aber kommt deswegen niemand. Aber es gibt Grenzfälle. Im Extremfall kann es zum Beispiel sein, dass bei einer Verschiebung einer Früherkennungsuntersuchung, etwa bei Brustkrebs, sich auch die Diagnosestellung um einige Wochen verschiebt. Lesen Sie hier: Fällt Urlaub 2020 komplett aus?

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Lassen Sie uns auf die nächsten Wochen blicken. Bekommen wir eine Maskenpflicht?

Reinhardt: Es gibt keinen Königsweg bei der Frage. Wenn nötig, dann wäre für mich allenfalls eine kurzfristige staatliche Empfehlung zum Maskentragen in Ordnung. Eines muss aber klar sein: Das darf keine Dauersituation werden. Wir sollten nicht wie in Asien vom Dreijährigen bis zum 93-Jährigen mit Masken herumlaufen. Wir sollten uns ins Gesicht schauen können und nicht ängstlich aneinander vorbeilaufen. Alle Nachrichten zum Coronavirus im Newsticker.

Werden ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen bis zur Einführung eines Impfstoffs isoliert leben müssen?

Reinhardt: Nein. Das hieße ja, sie einzusperren. Sie müssen aber in besonderer Form geschützt werden. In einem Altenheim zum Beispiel muss wieder Besuch stattfinden können – aber eben abgesichert. Wir müssen da in Zukunft größeren Aufwand treiben: Alle Besucher sollten Schutzkleidung tragen. Sinnvoll wäre auch eine Schleuse, in der sich Gäste desinfizieren und Schutzkleidung anlegen müssen.

Erst danach sollten sie die Räume der Bewohner betreten. Klar ist: Das kann das Pflegepersonal nicht zusätzlich schultern. Aber das wäre etwas für Freiwilligendienste. Die Kosten dafür sollte die öffentliche Hand tragen.

Werden die Deutschen Sommerurlaub machen können?

Reinhardt: Ich glaube nicht, dass die Deutschen in diesem Sommer schon wieder Urlaubsreisen machen können. Selbst wenn wir jetzt anfangen, mit klugen Lösungen schrittweise wieder in den Alltag zurückzukehren: Die Pandemie wird uns noch bis zum Sommer beschäftigen. Darum glaube ich, dieser Sommer wird anders.

Wir werden wohl nicht wie gewohnt ins Auto, in den Zug oder ins Flugzeug steigen und in die Ferien fahren. Umgekehrt werden auch Urlaubsländer wie Italien oder Spanien die Lage noch nicht so weit gelöst haben, dass Tourismus wieder möglich ist. Ich hoffe aber sehr, dass wir das in Teilen in den Herbstferien machen können – und erst recht im kommenden Jahr.

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