US-Präsident

Trumps letzte Schlacht verkommt erneut zur Märchenstunde

Lesedauer: 6 Minuten
Trump auf Stimmenfang für Senats-Stichwahl

Trump auf Stimmenfang für Senats-Stichwahl

Bei einem Wahlkampfauftritt für zwei republikanische Senatoren, die in Georgia in die Stichwahl gegen ihre demokratischen Herausforderer müssen, hat der abgewählte US-Präsident Donald Trump erneut seine Wahlniederlage vor mehr als einem Monat bestritten. Die Stichwahlen entscheiden darüber, wer die künftige Senatsmehrheit in den USA erhält.

Beschreibung anzeigen

Valdosta.  Der abgewählte US-Präsident Donald Trump feiert vor den Stichwahlen zum Senat in Georgia einmal mehr den Sieg bei der verlorenen Wahl.

George Mincy hatte am Mittag vor dem Rathaus von Valdosta, wo 1,80 Meter große Plastik-Nussknacker und ein Schlitten samt hölzerner Rentierherde unterm Christbaum Weihnachts-Feeling erzeugen sollen, schon ein mulmiges Gefühl. „Wenn er nur über sich spricht und das abgenutzte Lied von der gestohlenen Wahl singt, kann der Schuss nach hinten losgehen. Dann werden viele Wähler am 5. Januar vielleicht zu Hause bleiben.“ Der Psychologiestudent der Universität von Georgia lag nicht ganz falsch.

Einen Monat nach der gegen Joe Biden verlorenen Präsidentschaftswahl und vier Wochen vor den für die Machtverteilung in Washington entscheidenden Stichwahlen zum Senat hat Donald Trump bei seiner ersten Kundgebung das getan, was er am häufigsten macht: Beschwerden vorbringen. Und Unwahrheiten verbreiten.

Trump war am Samstagabend mit der Airforce One zu den Klängen von Phil Collins’ „In The Air Tonight“ auf dem Regional-Flugplatz 400 Kilometer südlich von Atlanta gelandet, wo sich laut Sheriffbüro rund 8000 Anhänger versammelt hatten. Hunderte waren schon am Morgen aus New York, Texas, Missouri und dem benachbarten Florida in die Stadt gekommen, die ihren Namen dem italienischen Aostatal verdankt. Nur wenige trugen Masken.

• Mehr News aus den USA:US-Kongress will Truppenabzug aus Deutschland blockieren

Donald Trump: „Wir haben niemals eine Wahl verloren“

Nach kurzer Vorstellung durch First Lady Melania startete Donald Trump mit alternativen Fakten: „Wir haben niemals eine Wahl verloren. Das Schöne ist, dass wir auch Georgia gewonnen haben.“

Hallo?

Nach mehrfacher Auszählung der rund fünf Millionen abgegebenen Stimmen im Pfirsich-Bundesstaat hat Gouverneur Brian Kemp bei einem Vorsprung von 12.670 Stimmen Joe Biden den Sieg zugesprochen. Und damit 16 Wahlleute, die den Demokraten am 14. Dezember mit dem Mandat des 46. Präsidenten ausstatten werden.

Trump blendet das aus. „Wenn ich verloren hätte, wäre ich ein sehr großzügiger Verlierer“, sagte er, „dann würde ich sagen, ich habe verloren, nach Florida gehen und es ruhig angehen lassen.“ Ein Wahlergebnis, bei dem die Demokraten „stehlen und manipulieren und rauben“ könne er aber niemals akzeptieren. Hunderttausende Stimmen seien „aus Koffern“ gekommen oder von der „Decke gefallen“. Alles illegal. Darum müsse der Oberste Gerichtshof ran. Tut er aber bisher nicht. Lesen Sie auch:Will Präsident Trump seine eigene Familie begnadigen?

Kemp, ein Republikaner, der im Rang eines deutschen Ministerpräsidenten steht, blieb Valdosta fern. Offiziell wegen eines Todesfalls. Inoffiziell, weil Trump ihn genötigt hatte, den Kongress in Atlanta einzuberufen, um die 16 Elektoren von Biden auf Trump umpolen zu lassen. Kemp wies das strafrechtlich bedenkliche Drängen Trumps zurück. Auch darum bekam der 57-Jährige in Abwesenheit sein Fett weg. Kemp, sagte der Präsident, hätte der Wahl eine neue Richtung geben können. Andere Bundesstaaten wären gefolgt. „Er sollte sich schämen“, sagte Trump, angefeuert von Anhängern.

Donald Trump – Mehr zum 45. US-Präsidenten

Trump soll Schützenhilfe für Senatoren in Georgia leisten

Chip Masterson, ein Armeeveteran aus Oklahoma, reagierte begeistert: „Trump hat jedes Recht, diese Wahl durchleuchten zu lassen. Ich liebe diesen Mann. Bidens Sieg ist ein schlechter Scherz.“ Dass die Gerichte das anders sehen, erklärt der Rentner mit „Desinteresse an der Wahrheit“.

Republikanische Honoratioren in Georgia verdrehten dagegen schon zur Halbzeit der 90-minütigen Rede die Augen. Sie hatten gehofft, dass sich der Präsident wenigstens einmal herunterdimmen und Schrittmacherdienste für andere leisten würde. Sprich: Für die bedrohten Senatoren Kelly Loeffler (50) und David Perdue (70) die Trommel schlagen. Auf dass die Republikaner im Senat in Washington in der Mehrheit bleiben – und Joe Biden durch Blockadepolitik das Leben zur Qual machen könnten.

Geht das schief und laufen die in Umfragen führenden demokratischen Herausforderer Jon Ossof (33), ehemaliger Journalist und Dokumentarfilmer, und der schwarze Pastor Raphael Warnock (51) ihnen am 5. Januar den Rang ab, gibt es in der oberen Parlamentskammer in der Hauptstadt ein 50:50-Patt.

Kamala Harris, Bidens Vizepräsidentin, würde dann bei jeder engen Entscheidung mit ihrem Extra-Stimmrecht demokratische Politik durchsetzen. Weil schon das Repräsentantenhaus in demokratischer Hand ist, drohte den Konservativen der Super-Gau. Um das zu verhindern, müssen möglichst viele der rund 2,5 Millionen, die im November in Georgia Trump gewählt haben, auch in der ersten Januarwoche wählen gehen. Nur dafür hatte man den Präsidenten zum Abstecher in den Süden bekniet. Lesen Sie auch:Amerika lacht über Foto von Trump an Mini-Schreibtisch

Trump bietet einmal mehr einen Moment ungeplanter Komik

Aber wie will man Leute guten Gewissens für eine Nebenwahl an die Wahlurne lotsen, wenn schon die Hauptwahl angeblich getürkt war? Wie kann man Vertrauen haben in einen zweiten Wahlgang, wenn der Präsident die eigenen Funktionäre korrupt nennt? Trump drohte: „Wenn ihr nicht wählt, werden die Sozialisten und Kommunisten gewinnen.“ Fällt den „radikal linken“ Demokraten die Macht in die Hände, so Trump, gebe es „kein Öl, keine Waffen, keinen Gott, keine Jobs, keine Grenzen, keine Freiheit und kein Weihnachten mehr“. Dass Joe Biden ein Mann der Mitte ist, dass bei einem 50:50-Senat auf beiden Seiten ein paar Abweichler ausreichen, um Gesetze zu kippen oder zu befördern, blieb unerwähnt.

Auch Loeffler und Perdue, beide unter Verdacht, vor Ausbruch der Corona-Krise mittels Herrschaftswissen Börsengeschäfte abgewickelt zu haben, spielten nur Nebenrollen. Was zählte, war allein Trump. Über dem 74-Jährigen lag die Stimmung des ausgebrannten Frontmanns einer Rockband, die ihr Abschiedskonzert gibt. Unfreiwillige Komik inklusive: „In den vergangenen drei Wochen habe ich härter gearbeitet als jemals zuvor in meinem Leben“, sagte Trump ohne Anflug von Ironie. Und was hat der Präsident (außer Golfspielen) vor der Wahl vier Jahre lang gemacht?

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Politik

Leserkommentare (7) Kommentar schreiben