Trauerakt

So bewegend nimmt die Welt Abschied von Helmut Kohl

Beim europäischen Staatsakt ist Helmut Kohls Sarg in eine Europaflagge gehüllt. Später, im Dom zu Speyer, bedeckt den Sarg des Altkanzlers eine Deutschlandfahne.

Beim europäischen Staatsakt ist Helmut Kohls Sarg in eine Europaflagge gehüllt. Später, im Dom zu Speyer, bedeckt den Sarg des Altkanzlers eine Deutschlandfahne.

Foto: FRANCOIS LENOIR / REUTERS

Straßburg   Beim Staatsakt in Straßburg und einem Requiem in Speyer werden die Leistungen Kohls gewürdigt. Die Trauernden finden bewegende Worte.

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Helmut Kohl wollte es so. Genau so. Genau hier. „Es war sein Wunsch, hier in Straßburg Abschied zu nehmen“, erzählt Jean-Claude Juncker, der als ein Freund redet, der EU-Kommissionspräsident geworden ist – in dieser Reihenfolge, darauf legt Juncker wert. Juncker hält am Samstag die emotionalste Rede auf dem europäischen Trauerakt – ein Novum – für den verstorbenen Altkanzler im EU-Parlament. „Lieber Helmut, Du bist, so denke ich, im Himmel“, schließt er, „ruhe in Frieden Herr Bundeskanzler, lieber Freund.“

. Das ist keine Übertreibung bei einem

(und viele Ehemalige), bei dem der frühere US-Präsident Bill Clinton („ich habe ihn geliebt“) und der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew sprechen. Das letzte Wort hat Kohls Nachfolgerin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, bevor die Zeremonie kurz vor 13 Uhr zu Ende geht und der mit der blauen Europaflagge bedeckte Sarg aus dem Plenarsaal getragen und über Ludwigshafen nach Speyer gebracht wird, wo Kohl am Abend beigesetzt wurde.

Merkel: „Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben“

Damit schlage man den Bogen, meint Merkel, von Frankreich nach Deutschland, von Europa in die heimatliche Pfalz. Sie klingt sehr ergriffen, als sie zum Schluss sagt: „Lieber Bundeskanzler Helmut Kohl, dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben.“ Als frühere DDR-Bürger verdankt sie ihm die Freiheit und ihre Karriere. Es gab eine Zeit, da galt Merkel als „Kohls Mädchen“.

Gegen acht Uhr wird der Sarg in das Parlamentsgebäude getragen und erst im Protokollsaal im ersten Stock aufgebahrt. Viele der Gäste verharren hier einen Augenblick lang, verneigen sich. Ein Kondolenzbuch liegt aus, links und rechts vom Eingang prangen großformatige Fotos des verstorbenen Kanzlers, schwarz-weiß Aufnahmen: Kohl, als einsame Größe, der Solitär, Kohl Hand in Hand mit Präsident Francois Mitterrand in Verdun, Kohl mit Konrad Adenauer, seinem großen Vorbild.

Orchester spielt Trauermarsch von Händel

Die Sitzreihen sind im Halbrund um ein Podium aufgestellt, Freunde und Familie sitzen vorne, rechts vom Sarg. Es sind nicht viele Plätze, nur 27, die Zahl sagt einiges über die Unversöhnlichkeit zwischen den Kohl-Söhnen und der Witwe aus.

Wo sonst das Parlamentspräsidium sitzt, spielen gegen 11.10 Uhr die jungen Musiker des Straßburger Universitätsorchesters die ersten Töne des Trauermarsches „aus Saul“ von Georg Friedrich Händel, derweil acht Soldaten des Wachbataillons der Bundeswehr den Sarg in den Plenarsaal tragen und ihn in der Mitte des Raums absetzen. Davor sind drei Kränze, einer davon geschmückt mit schwarz-rot-goldenen Schleifen. Das Rednerpult steht dahinter, etwa auf einer Höhe mit einem Porträt des Altkanzlers, eine Aufnahme jüngeren Datums, leicht zu erkennen an den starren Gesichtszügen, eine Folge des Schlaganfalls, den er erlitten hatte.

Zuletzt spricht Angela Merkel

Die Witwe Maike Kohl-Richter wird von Juncker, Parlamentspräsident Antonio Tajani und EU-Ratschef Donald Tusk begleitet, die auch die ersten Reden halten. Den Ablauf kann man in drei Blöcke aufteilen: Erst sind drei „Europäer“ dran, im zweiten Teil ergreifen der frühere spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez, Clinton und Medwedew das Wort, im dritten und letzten Block sind der französische Präsident Emmanuel und Merkel an der Reihe.

Tajani erinnert daran, dass Kohl als junger Mann „den Alptraum“ des Weltkrieges erlebt hat. Vieles, was man heute mit Kohl verbindet und teils sogar Staatsräson ist, war auch eine Folge daraus: die Aussöhnung mit Frankreich (darum die Vorliebe für Straßburg, für die Grenzstadt am Rhein), die Verbundenheit mit Israel, die europäische Einigung und schließlich die deutsche Einheit. Einer der in Straßburg meistzitierten Sätze, den Kohl verinnerlicht hatte, ist vom Schriftsteller Thomas Mann, der kein deutsches Europa wollte, sondern sich ein europäisches Deutschland wünschte.

Macron erinnert an Kohls Besuch bei Mitterrand

Gonzalez sagt, Kohl habe ein Gespür für Freundschaft gehabt. Medwedew würdigt, für den Kanzler sei Russland ein „Bestandteil eines vereinten Europas“ gewesen. Macron ist der jüngste Redner. Für ihn war Kohl schon vor seinem Tod „Geschichte“. Aber der französische Präsident sieht sich und Merkel in der Pflicht, Kohls europäischem Projekt „wieder Sinn und Dichte zu verleihen“.

Macron erinnert an ein spezielles Datum, den 4. Januar 1990. Die Berliner Mauer war erst vor wenigen Wochen gefallen, in Frankreich beobachtet man die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Kohl besucht Mitterrand zu Hause, auf langen Waldspaziergängen können die zwei Männer „über alles sprechen“. Manchmal entscheide sich das Schicksal „auf der menschlichen Ebene“, referiert Macron.

Juncker sah Kohl einst weinen

Es ist offensichtlich, dass er genau darum bemüht ist. Während des Trauerakts spricht er mit Merkel, nach seiner Rede reicht er ihr die Hand, es folgen zwei Wangenküsse, die Andeutung einer Umarmung, nach ihrem Auftritt legt er die Hand auf ihrem Arm, eine Geste des Mitgefühls.

Dass Kohl nicht nur ein Politiker war, sondern vor allem ein Mensch mit Herz, daran erinnern sich diejenigen, die es wirklich können: Juncker sah ihn weinen, vor Freude, als die EU erweitert wurde. Kohl habe gesagt, dies sei einer der schönsten Momente seines Lebens. „Dann wurde er still“, sagt Juncker, „er hat minutenlang geweint.“

Auch Bill Clinton spricht Worte des Abschieds

Clinton erzählt, seine Frau Hillary habe über Kohl gesagt, er habe noch mehr als Bill das Essen geliebt. „Er hat mich dazu bewogen, Dinge zu essen, die ich nicht essen wollte.“ Auch Juncker findet immer wieder persönlich und rührende Worte: „Versprich mir, dass Du dort (im Himmel) nicht als erstes einen CDU-Ortsverband gründest.“

Die Deutschen machen ein gutes Drittel der Gäste aus. Es sind viele da, das amtierende Kabinett, die Ministerpräsidenten der Länder, frühere Kohl-Minister wie Theo Waigel oder Jürgen Rüttgers, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und zwei Vorgänger (Horst Köhler und Joachim Gauck). SPD-Chef Martin Schulz – lange Zeit Parlamentspräsident in Straßburg, sitzt inmitten früherer Kollegen.

Merkel erinnert an Hannelore Kohl

Merkel aber ist die einzige Vertreterin Deutschlands, die das Wort ergreifen darf. Sie ist die einzige, die Kohls verstorbene Frau Hannelore erwähnt und die einzige, die zart andeutet, dass der „Nachkriegsgigant“ (Juncker über Kohl) jedenfalls zu Lebzeiten noch keinen Heiligenstatus hatte. „So manche Geister schieden sich an ihm“, sagte sie. „Auch ich kann davon erzählen, doch all das tritt zurück hinter seinem Lebenswerk.“

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