Regierungsstudie

Smartphones können Kinder hyperaktiv oder aggressiv machen

Schon Kinder zwischen zwei und vier Jahren spielen der Regierungsstudie zufolge täglich 30 Minuten mit dem Smartphone.

Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Schon Kinder zwischen zwei und vier Jahren spielen der Regierungsstudie zufolge täglich 30 Minuten mit dem Smartphone. Foto: imago stock&people / imago/Westend61

Berlin  Die Drogenbeauftragte der Regierung warnt vor Internetabhängigkeit von Kindern. Zu viel Medienkonsum führe zu Entwicklungsstörungen.

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Fernseher, Beamer, Tablets, Smartphones: Dass Bewegtbilder Einfluss auf die Konzentrationsfähigkeit von Erwachsenen haben, ist erwiesen. Jetzt legt eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums nahe, dass übertriebener Medienkonsum schon Kleinkinder nachhaltig schädigen kann. So entwickeln die Jüngsten offenbar Störungen bei häufigem Gebrauch von Smartphones ihrer Eltern.

Am Montag wird das Ministerium die „BLIKK-Medienstudie 2017“ zu Medienkonsum und -abhängigkeit von Kindern vorstellen. Erste Ergebnisse der Studie liegen dieser Redaktion vorab vor – und sie lassen eindeutig erkennen, dass sich Zusammenhänge bei Lese-, Rechtschreibe- und Aufmerksamkeitsschwäche, Aggressivität sowie Schlafstörungen und einer fehlenden Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien zeigen. Besonders ist dies bei Kindern zwischen acht und 14 Jahren.

Smartphonenutzung der Mutter hat Auswirkung auf Säugling

Doch es spielen bereits 75 Prozent der Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren bereits täglich 30 Minuten mit Smartphones. Als eines der neuen Ergebnisse hebt die Studie hervor, dass es einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Säuglings hat, wenn die Mutter während der Betreuung digitale Medien, etwa ihr Smartphone, nutzt: von „Fütter- und Einschlafstörung“ spricht die Studie, ohne jedoch bisher genaue Zahlen zu nennen. Für die Untersuchung wurden knapp 6000 Eltern und deren Kinder zum Umgang mit digitalen Medien befragt.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, warnt vor Fehlentwicklungen: „Wir leben in einem digitalen Zeitalter – Internet, Smartphones, Laptop und Co. sind aus unserem Leben nicht mehr fortzudenken.“ Natürlich böte diese Entwicklung einerseits faszinierende Möglichkeiten. „Aber wir müssen aufpassen, vor lauter Begeisterung nicht für die Schattenseiten der Digitalisierung blind zu sein.“

Mortler: „Manche werden hyperaktiv oder aggressiv“

Sie weist darauf hin, dass laut dieser Studie Kinder nachweislich gesundheitlich Schaden nehmen können, wenn sie zu früh in der virtuellen Welt allein gelassen werden. „Manche werden hyperaktiv oder aggressiv, und es kann sich sogar eine Internetabhängigkeit entwickeln.“ Marlene Mortler sieht vor allem die Eltern hier in der Pflicht. „Sie müssen Medienkompetenz vorleben und Kinder auf dem Weg in die digitale Welt begleiten.“

Ein entscheidender Faktor ist nach Ansicht der Forscher die Nutzungsdauer: Bei den Kindern zwischen zehn und elf Jahren , die befragt wurden, stellten die Wissenschaftler fest, dass die Kinder immer dann unter Konzentrationsschwäche und „motorischer Hyperaktivität“ leiden, wenn sie mehr als 60 Minuten am Bildschirm verbringen.

Wechselbeziehung zwischen Mediennutzung und BMI

Der nächste Befund: Wie schon frühere Studien andeuteten, bestätigt auch diese Untersuchung eine eindeutige Wechselbeziehung zwischen Mediennutzung und dem Body-Mass-Index (BMI) der Kinder, beziehungsweise dem Konsum von Süßigkeiten und Bewegungsdrang.

Der renommierte Kölner Neurologe und Psychotherapeut Rainer Riedel ist überzeugt, dass die Wissenschaft in diesem Feld noch am Anfang steht. „Wir beginnen erst zu verstehen, dass bei einer Vielzahl von Kindern Entwicklungsauffälligkeiten beobachtet werden können – bei einer fehlenden Nutzungskompetenz von digitalen Medien.“ Daraus könne sich im weiteren Verlauf eine „Internetsucht“ entwickeln. „Wir erkennen“, sagt Riedel, „dass Eltern und Kinder eine digitale Medienkompetenz erwerben müssen, um sicherzustellen, dass heranwachsende Kinder einen guten Umgang mit digitalen Medien entwickeln.“

Jugendliche haben Probleme, eigene Nutzung zu kontrollieren

Das bestätigen sogar einige der Probanden selbst. Laut den Vorabergebnissen der Studie gibt ein „nennenswerter Teil der befragten Jugendlichen“ an, Probleme zu haben, die eigene Internetnutzung selbstbestimmt zu kontrollieren. Sie berichten im Fragebogen, dass sie Einschränkungen im Alltag haben.

Der Vorsitzende des Familienausschusses im Bundestag, Paul Lehrieder (CSU), ist sehr froh, dass es diese Studie gibt. „Es gibt seit Jahren immer wieder warnende Stellungnahmen über den Gebrauch von Medien und deren Einfluss auf die Entwicklung von Kindern.“ Aber in dieser Studie seien erstmals auch bei frühkindlichen Entwicklungen Ergebnisse zu erwarten. „Ich bin also sehr dankbar für neue Daten in diesem Zusammenhang“, sagt er, „es geht schließlich darum, bei der Bevölkerung ein Bewusstsein für den Umgang mit Smartphones und Tablets zu entwickelt.“

Eltern sollten Kindern ein Vorbild sein

Politisch könne da nur wenig Arbeit geleistet werden – jenseits einer Aufklärungskampagne, glaubt Lehrieder. „Ich denke nicht“, sagt er weiter, „dass ein Maßregeln hier das richtige Vorgehen wäre.“ Die Menschen sollten vielmehr lernen, im Privaten eine Selbstdisziplinierung an den Tag zu legen. „Wenn ich mit meinem Kumpel ein Bier trinke, stecke ich mein Mobiltelefon auch weg – wenn ich das tue, hat das hoffentlich auch eine Wirkung bei Kindern, die das mitbekommen.“

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