Uni-Start

Von Daheimbleibern und Strebern - Typologie der Uni-Neulinge

Bei den Einführungsveranstaltungen an den Unis treffen die verschiedensten Charaktere aufeinander.

Bei den Einführungsveranstaltungen an den Unis treffen die verschiedensten Charaktere aufeinander.

Foto: Jakob Studnar

Essen.  Kaum hat das Semester begonnen, ist schnell klar, wer oft Party macht, wer bei Mutti wohnt und wer Prof wird. Diese Typen trifft man an der Uni.

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Mit den ersten Schritten auf dem Uni-Campus beginnt in diesen Tagen für Tausende junge Menschen ein neues Leben. Jetzt heißt es für viele: Zum ersten Mal alleine wohnen, die ersten Nudelvariationen entwickeln, ratlos vor der Waschmaschine sitzen und womöglich eine neue Stadt erkunden. Als wäre das nicht alles schon genug, gibt es da aber auch noch die vielen neuen Menschen, denen man von nun an täglich in der Uni begegnet.

Auf dem Campus treffen Dorfschönheiten auf Großstadtkinder, Rabauken auf Streber und Aufschneider auf Mauerblümchen. Ein Clash der Kulturen wie Rammstein beim Kirchentag oder Omi beim Versuch, ein Smartphone zu bedienen. Notgedrungen wird man sich spätestens beim ersten Gruppenreferat oder beim Gefühl vollkommener Vereinsamung mit den neuen Studienkollegen arrangieren müssen. Die Kunst besteht von nun an darin, die Kommilitonen richtig einzuschätzen.

Zehn Tipps für Erstsemester: Lasst euch Zeit!

Vergesst also all die schlauen Studienführer und Ratgeber. Nichts ist im ersten Semester so wichtig wie die neuen Studienkollegen. Und nichts ist unberechenbarer. Damit ihr nichts dem Zufall überlassen müsst, haben wir eine Typologie eurer wichtigsten Mitstudenten zusammengestellt.

Der Daheimbleiber

Den Daheimbleiber erkennt ihr an dem völligen Desinteresse an eurer Person und dem gelangweilten Blick, den er während des gesamten Einführungswochen-Vergnügungsprogramms aufsetzt. In seiner Abizeit kam ihm die grandiose Idee, doch einfach in seiner Heimatstadt zu studieren. Spätestens nach der zweiten Uniwoche ödet ihn diese Entscheidung aber selbst ein bisschen an. Schließlich hat sich an seinem Leben nur wenig geändert: Statt morgens um acht zur Schule zu fahren, kann er jetzt zwei Stunden länger schlafen, bevor das Seminar losgeht. Der große Vorteil: Hausarbeiten sind ein wahres Familienwerk: Papa kopiert im Büro, Mama und Oma lesen gegen.

Bei der ersten Infoveranstaltung fragt er, ob man sein Auslandssemester auch in Australien oder am Nordpol verbringen kann: Nur bitte, bitte, weit weg von hier!

Triffst du ihn im Supermarkt, liegt in seinem Einkaufskorb… nichts, weil du ihn dort gar nicht triffst. Höchstens seine Eltern am Samstag, die für ihn immer noch Kinder-Pingui im Kühlschrank bunkern.

So wohnt er: Im Haus seiner Eltern. Eigentlich wollte er mit seinem besten Freund eine WG gründen, aber der Wohnungsmarkt war total überlaufen, als er sich im September auf die Suche gemacht hat. Spätestens zum nächsten Semester dann, wenn in der WG eines anderen Kumpels was frei wird.

Der Ausbrecher

Für manchen Uni-Anfänger kommt das erste Semester einer Befreiung vom harten Joch der Schulzeit gleich. Mit der Uni gibt es endlich einen Grund, dem Zugriff der Eltern zu entfliehen. Die Liste der Studentenpartys hat der Ausbrecher im ersten Semester schneller parat als die Liste seiner Seminare. Und auch wenn das Studentenleben dieser Erstsemestergattung vor allem nach Spaß und Zügellosigkeit klingt, der Terminplan ist eng getaktet: Montag - Tequila-Flatrate in der Bar um die Ecke, dann Uni-Party der Zahnmediziner; Dienstag - Ersti-Stadtrallye, später Dancenight; Mittwoch - Pub-Quiz, dann WG-Party; Donnerstag - Cocktail-Happy-Hour; Freitag - Clubbing; Samstag - Feiern gehen; Sonntag - Ausschlafen.

Bei der ersten Infoveranstaltung fragt er nichts, nippt aber emsig an seinem Kaffee. Er ist ziemlich zufrieden, dass er es trotz Katerstimmung pünktlich aus dem Bett geschafft hat und sogar ein frischer Ringbuchblock vor ihm liegt. Das mit dem Studium wird schon irgendwie hinhauen.

Triffst du ihn im Supermarkt, liegt in seinem Einkaufskorb ein Survival-Kit bestehend aus einer Flasche Rum, Krümeltee und einem Fleischwurstring.

So wohnt er: In einer Fünfer-WG mit riesigem Wohnzimmer, in dem abends mit Freunden vorgeglüht wird und außerdem gerade ein Bekannter von einem Bekannten übernachtet, der in der Stadt war und eine Schlafgelegenheit brauchte.

Der Überforderte

Bildungskritiker sagen, dass die wahre Hürde an deutschen Unis die Bürokratie ist. Auf der Suche nach dem richtigen Stempel vom richtigen Büro hat schon so mancher große Geist den Lebensmut verloren. Dem Überforderten treibt allein der Begriff "Anmeldefrist" Schweißperlen auf die jungakademische Stirn. Er fühlt sich in den Fluren der Uni-Verwaltung wie auf dem Weg zum Schicksalsberg im dunklen "Herr der Ringe"-Reich Mordor. In der neuen Stadt ist er erst einmal verunsichert, ob er jemals wieder richtige Freunde finden wird. Und ob es überhaupt eine gute Entscheidung war, fürs Studium so weit wegzuziehen.

Bei der ersten Infoveranstaltung fragt er lieber nichts. Auffallen will er auf gar keinen Fall. Er schreibt am nächsten Tag lieber eine Mail an den Dozenten.

Triffst du ihn im Supermarkt, findest du in seinem Einkaufswagen dasselbe, was auch seine Eltern all die Jahre eingekauft haben. Bloß keine Experimente!

So wohnt er: In einem Einzimmer-Appartement etwas außerhalb. Das Zimmer ist mit weißen Ikea-Möbeln eingerichtet. An der Wand hängt ein überdimensionales Foto der alten Schulclique.

Der Streber

Der Strebsame kommt extra früh zur Vorlesung, um sich auf den Platz am Gang zu setzen. Dass er damit die ganze Reihe blockiert, ist ihm egal. Schließlich kann er so schnell aufstehen, um mit dem Professor zu reden, sobald dieser den Raum betritt. Ein bisschen netzwerken kann schließlich nicht schaden. Er schreibt schon beim Verlesen des Seminarplans seine erste Stoff-Zusammenfassung - ist ja vielleicht prüfungsrelevant. In ein paar Jahren wird er sich fragen, ob das wirklich alles nötig war. Bis dahin ist diese Gattung des Studenten bei den Kommilitonen beliebt. Vor allem vor Prüfungen. Die Campus-Party verpasst er, denn „lieber zu viel gelernt als zu wenig“.

Bei der ersten Infoveranstaltung fragt er, welche Anforderungen der Dozent an seine Notizblöcke stellt: Geht liniert oder muss es doch ein Karo sein?

Triffst du ihn im Supermarkt, liegen in seinem Einkaufskorb zwei Packungen Spaghetti, Pesto, Müsliriegel und Bananen.

So wohnt er: Neubau, WG-Küche mit Spülmaschine, ruhige, aber zentrale Lage. Die Wohnung teilt er sich mit zwei Masterstudenten.

Der ewige Student

Der ewige Student hat sein ganzes bisheriges Leben auf den Studienstart gewartet. "Student" ist für ihn eben kein Status, sondern ein Lebensgefühl: Er genießt den Rabatt für Museum und Kino, mit dem Semesterticket fährt er günstig durchs Land. Er freut sich auf ein entspanntes Studentenleben zwischen WG-Partys und verkifften Nachmittagen am Baggersee. Sein Herz klopft bereits im Takt der akademischen Viertelstunde. Die Mensa ist seine zweite Küche, ach was: seine einzige. Nur die angekündigten Prüfungen und das Bachelor-Punktesystem machen ihn ein wenig nervös.

Bei der ersten Infoveranstaltung fragt er, wie oft man die Prüfungen eigentlich wiederholen kann, bevor Probleme drohen.

Triffst du ihn im Supermarkt, dann fischt er sich gerade eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Den Rest gibt's doch eh in der Mensa.

So wohnt er: In einem Studentenwohnheim möglichst nah an der Uni. Die passende Wohnung hatte er schon seit der sechsten Klasse im Auge.

(mit dpa)

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