Bildungspolitik

Das sagen Eltern und Lehrer zum Thema "Schreiben nach Hören"

Kinder sollen zu Beginn ihrer Schullaufbahn derzeit noch vor allem die Freude am Schreiben lernen. Die Rechtschreibung steht nicht im Vordergrund.

Foto: dpa

Kinder sollen zu Beginn ihrer Schullaufbahn derzeit noch vor allem die Freude am Schreiben lernen. Die Rechtschreibung steht nicht im Vordergrund. Foto: dpa

Düsseldorf.  Grundschüler könnten bald ab der ersten Klasse wieder auf ihre Rechtschreibung überprüft werden. Elternvertreter begrüßen die Idee.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Nordrhein-Westfalens neue Schulministerin Yvonne Gebauer hat die umstrittene Lernmethode "Lesen durch Schreiben", im Volksmund häufig als "Schreiben nach Hören" bezeichnet, in Frage gestellt. Bei dem Prinzip müssen Kinder zu Beginn ihrer Schulzeit nicht auf die Rechtschreibung achten. Verschiedene Verbände sind über den Vorstoß erfreut.

"Wir begrüßen den Schritt von Frau Gebauer", sagt beispielsweise Regine Schwarzhoff, Landesvorsitzende des Elternverein Nordrhein-Westfalen. Bei der Methode geht es darum, dass Kinder Lesen lernen, indem sie Wörter aufschreiben. Eine Korrektur der Rechtschreibung gibt es dabei nicht - auch Eltern sollen nicht verbessernd eingreifen. Der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen entwickelte das Prinzip in den 70er-Jahren unter dem Kernsatz, dass Kinder "mehr lernen, umso weniger sie belehrt werden".

Mädchen sind gegenüber Jungen im Vorteil

Erstklässler, die nach diesem Ansatz unterrichtet werden, müssen die richtigen Rechtschreibregeln dann allerdings in den folgenden Schuljahren nachholen und sich umgewöhnen. "Dadurch werden Kinder mit einem weniger bildungsaffinen Hintergrund weiter benachteiligt", betont Schwarzhoff. Denn Schüler und Schülerinnen, die mit dem Lesen auch in ihren Familien nur selten in Kontakt kommen, tun sich erfahrungsgemäß wesentlich schwerer, den Rückstand später aufzuholen.

"Die Systematik des Alphabets wird überhaupt nicht vermittelt", fährt Schwarzhoff fort. Vor allem Nicht-Muttersprachler haben große Mühe mitzuhalten, wenn ihnen nicht von Beginn an klare Regeln aufgezeigt werden. Zudem bestehen laut der Landesvorsitzenden auch zwischen den beiden Geschlechtern Unterschiede im Erfolg bei der späteren Umstellung: "Mädchen sind bei der Methode im Vorteil, weil sie oftmals detaillierter beim Lesen vorgehen, während Jungen mehr auf den Überblick achten." Das belegen Beobachtungen von Eltern, die sowohl Söhne als auch Töchter haben.

Schon seit Jahren übt der Philologenverband NRW Kritik an der Lernmethode. Sabine Mistler, stellvertretende Landesvorsitzende des Bereichs Nordrhein, unterstreicht: "Es ist viel schwieriger, etwas Erlerntes wieder zu korrigieren, als es direkt richtig zu vermitteln. Gute Schüler werden mit dieser, wie mit vielen anderen Methoden klar kommen, aber Kinder mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche oder anderen Problemen haben es schwerer, die korrekte Orthografie bis zum Wechsel an eine weiterführende Schule korrekt zu lernen." Befürworter der "Wahlfreiheit" im Sinne der pädagogischen Freiheit machen es sich ihrer Meinung nach viel zu einfach.

In den sozialen Medien wird das Thema kontrovers diskutiert

Auch in den sozialen Medien sorgte die Nachricht über die eventuelle Abschaffung am Mittwochvormittag für zahlreiche Kommentare und Diskussionen. "Lasst die Kinder doch erstmal die Lust am Schreiben entwickeln, bevor wir mit der Rechtschreibkeule kommen", ist zwar eine Meinung, die durchaus vereinzelt auftrat. Doch der Großteil der Nutzer hält die Idee des "Schreiben nach Hören" für unsinnig. "Erst Vieles falsch zu lernen und dann ad hoc alles korrekt schreiben zu sollen, ist einfach wahnsinnig viel verlangt", sagt eine Nutzerin.

Zahlreiche weitere User klingen erleichtert: "Endlich!", oder "Das wurde auch mal Zeit", heißt es des Öfteren. Zum Teil wird auch von den eigenen Erfahrungen berichtet: "Ich habe damals nach dieser Methode gelernt. Ich hatte wahnsinnig lange Probleme mit dem Schreiben, teilweise überlege ich bis heute noch bei ganz einfachen Begriffen, obwohl ich eine ganz gute Schulbildung im weiteren Verlauf genießen durfte", schreibt eine Leserin.

Verband für Bildung und Erziehung NRW warnt vor Schnellschüssen

Doch ganz so einfach ist die Diskussion nach Meinung des Verband Bildung und Erziehung NRW nicht. Es gebe kein "richtig" oder "falsch" bei der Spracherwerbmethode heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes im Zuge der Äußerungen von Schulministerin Yvonne Gebauer. "Entscheidend ist, Kinder so an die Schriftsprache heranzuführen, dass der Bruch zwischen dem Gehörten und Geschriebenen nicht zu groß ist. Bei allen Kindern gehören Fehler zum Lernen dazu", sagt der Vorsitzende Udo Beckmann. Es gebe Schulen, die die Reichen-Methode erfolgreich umsetzen, weshalb eine generelle Absprechung der Eignung für den Unterricht nicht haltbar sei. "Wer mehr Selbständigkeit von Schule will, sollte den Lehrerinnen und Lehrern nicht die Methoden diktieren, mit denen sie im Unterricht arbeiten.

Die Landeselternschaft der Grundschulen in NRW ist ebenfalls der Ansicht, dass ein grundsätzliches Verbot der Lernmethode der grundlegenden Problematik nicht ausreichend gerecht wird. "Die Schülerschaft ist heterogen. Es ist wichtig, pädagogisch orientiert an den Kindern zu arbeiten", merkt Geschäftsführerin Birgit Völxen an. Doch dafür fehle es zum einen vielerorts vor allem an ausreichend Lehrkräften und zum anderen sind die Lehrpläne zu vollgepackt. Laut Studien, die Aufsätze von Viertklässlern aus den Jahren 1972, 2002 und 2012 verglichen haben, finden sich dort heutzutage pro 100 Wörter mehr als doppelt so viele Fehler wie 40 Jahre zuvor. "Aber der Wortschatz ist auch deutlich größer geworden", erklärt Völxen. "Das Problem muss größer bedacht werden."

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (20) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik