Sea-Watch

Rettungsschiff in Not: Sea-Watch-Helfer kritisiert die EU

19 Tage lang ließ kein Staat die Sea-Watch 3 in einem Hafen anlegen. In dieser Zeit erwischte das Hilfsschiff unter anderem ein heftiger Sturm.

19 Tage lang ließ kein Staat die Sea-Watch 3 in einem Hafen anlegen. In dieser Zeit erwischte das Hilfsschiff unter anderem ein heftiger Sturm.

Essen.  Thomas Scheible saß fast drei Wochen mit 32 Migranten im Mittelmeer fest. Die Haltung der EU im aktuellen Fall der Sea Watch 3 erschüttert ihn.

Die schlechten Nachrichten aus dem Mittelmeer-Raum reißen nicht ab. In den vergangenen Tagen sollen bei zwei Schiffsunglücken im Mittelmeer bis zu 170 Migranten ums Leben gekommen sein. Ein Unglück mit 117 Vermissten ereignete sich vor der Küste Libyens. Ein Weiteres soll auf der Spanien-Route 53 Todesopfer gefordert haben.

„Wir haben mitbekommen, dass vor Libyen mehr als hundert Flüchtlinge gekentert waren. Wir wollten sie suchen und haben als Kontakt von Malta und Italien sieben Telefonnummern der libyschen Küstenwache bekommen. Dort ist allerdings niemand rangegangen“, sagt der Kölner Thomas Scheible, der die Situation aus der Heimat verfolgt. Der 45-Jährige ist seit drei Jahren bei der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch aktiv. Er beteiligte sich schon an zwölf Einsätzen, um Flüchtlinge auf dem Mittelmeer vor dem Ertrinken zu bewahren.

Kein Hafen zum Anlegen

Ein Schiff der Organisation ist momentan erneut in den Schlagzeilen, die Sea-Watch 3. Die Hilfsmannschaft nahm am Samstag, 19. Januar, nach einem Notruf von einem Schlauchboot, 47 Menschen an Bord. Bislang ist allerdings unklar, wo die Migranten untergebracht werden können. Italiens Innenminister Matteo Salvini von der rechtspopulistischen Lega Nord erklärte sogleich, das Schiff solle die Menschen doch direkt nach Berlin oder Hamburg bringen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Sea-Watch 3 im Mittelmeer treibt und kein Hafen sie anlegen lassen will. Am 22. Dezember 2018 hatte die Crew 32 Migranten unweit der libyschen Küste gerettet. Doch statt die Menschen in Malta oder Italien abliefern zu können, verweigerten die Länder die Einfahrt in den Hafen. Der Beginn einer Odyssee. Erst nach 19 Tagen und langen Verhandlungen fanden mehrere EU-Staaten eine Lösung, wie die Flüchtlinge verteilt werden. Das Schiff durfte in Malta anlegen.

Sturm bereitet Crew und Migranten Schwierigkeiten

Mit an Bord bei der Mission war auch Schnellbootfahrer Thomas Scheible, der seine Eindrücke wie folgt beschreibt: „Für mich war es als persönliche Erfahrung nicht so schlimm, weil wir als Crew uns eh darauf eingestellt hatten, drei Wochen auf dem Boot zu sein.“ Es sei aber belastend gewesen zu sehen, wie die Migranten leiden: „Normalerweise sind die Gäste bei uns draußen mit Planen und Heizstrahlern auf den Decks untergebracht. Das konnten wir wegen eines heftigen Sturms allerdings nicht mehr aufrechterhalten.“

Die Helfer mussten die Flüchtlinge im Schiffsinnern unterbringen, wo sie eingeengt auf dem Boden schliefen. Das gestaltete sich aber äußerst schwierig, so Scheible: „Wenn so ein Schiff durch einen Sturm fährt, mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern, dann kann ich in meinem gesicherten Bett mit Seitenbrettern kaum schlafen und unsere Gäste sind über den Fußboden einfach nur hin und her gerutscht.“

Kein Verständnis für das Verhalten der EU

In solch einer Situation komme auch zunehmende Verunsicherung bei den Migranten hinzu: „Sie wissen nicht, was mit ihnen passieren wird. Warum sollten sie uns vertrauen? Sie haben Monate oder Jahre der Reise hinter sich und eine schlimme Erfahrung nach der anderen gesammelt.“ In der Folge kollabierten einige Migranten während der 19 Tage auf See. Eine Person sei auch von Deck ins Wasser gesprungen, als Land zu sehen war, berichtet Scheible. „Ihn haben wir aber schnell wieder an Bord bekommen. Insgesamt waren unsere Gäste mit den Nerven am Ende.“

Für den 44-Jährigen ist es noch immer völlig unverständlich, wie Crew und Flüchtlinge im Stich gelassen wurden: „Die EU schafft es fast drei Wochen lang darüber zu streiten, was mit 32 Migranten passiert. Das ist nicht zu fassen.“ Er bezweifelt, dass sich die Situation auf dem Mittelmeer, auch im Bezug auf die aktuelle Lage verändert: „Die Sea-Watch 3 ist momentan das einzige zivile Rettungsschiff, das vor Libyen unterwegs ist, um Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu bewahren. Sonst kümmert sich niemand um die ertrinkenden Menschen.“

Passend zu dieser Aussage kam am Mittwoch die Meldung, dass Deutschland sein Engagement in der EU-Mission „Sophia“ deutlich zurückfährt, diese hatte Zehntausende Menschen im Mittelmeer aus Seenot gerettet.

Milizen mit Flip-Flops und Kalaschnikow

Die immer enger werdende Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache bewertet Scheible als äußerst problematisch: „ Schon ein paar Mal habe ich deren Boote im Einsatz gesehen und an sich ist das totaler Wahnsinn. Es ist augenscheinlich ein Haufen zusammengewürfelter Milizen mit Flip-Flops und Kalaschnikow, der überhaupt nicht weiß, was er da tut. Sie sind überhaupt nicht dafür ausgebildet, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren.“

Trotzdem gibt der Kölner Sea-Watch-Helfer nicht alle Hoffnung auf: „Vielleicht können wir so viel Druck aufbauen, dass zumindest im kleinen Rahmen was passiert und wenn es nur ist, dass unsere Schiffe nicht illegal festgesetzt werden und dass wir Gerettete an Land bringen können. Die Hoffnung, dass jetzt jedes europäische Land fünf Rettungsschiffe aussendet, die habe ich leider nicht.“

Bleibende Erlebnisse auf hoher See

Um trotzdem so vielen Menschen wie möglich zu helfen, wird sich Scheible im März mit Sea-Watch zum 13. Mal auf das Mittelmeer begeben. Auch wenn er dort schon sehr schlimme Dinge gesehen habe, das Positive überwiege am Ende meistens doch: „Einmal haben wir nachts ein Boot gefunden und alle darauf waren total hektisch. Leute sprangen ins Wasser, versuchten sich uns schwimmend zu nähern. Wir teilten Rettungswesten aus und warteten auf das Mutterschiff. Plötzlich begannen die Frauen in dem Boot, leise zu singen. Man sitzt da nachts mitten auf der See, über einem der Sternenhimmel und da sitzen 120 Leute in einem abgewrackten Miniboot und singen afrikanische Lieder. In diesen Momenten weiß ich, warum ich das hier mache.“

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