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Reise ausgefallen? Gutscheine können sich nur Reiche leisten

Hier können Sie im Sommer Urlaub machen

Reisen ins Ausland bleiben schwierig, aber die Bundesländer öffnen sich wieder langsam für Touristen. Viele beliebte Urlaubsorte sind bald wieder zugänglich.

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Wenn Reisen oder Konzerte wegen Corona ausfallen, müssen Bürger entscheiden dürfen, ob sie lieber Geld oder einen Gutschein möchten.

Berlin Die Bundesregierung war in der Frage vorgeprescht. Müssen sich Verbraucher mit einem Gutschein abspeisen lassen, wenn ihre gebuchte Reise wegen der Corona-Pandemie ausfällt?

Um die Tourismusbranche zu unterstützen, war dies der Plan der Bundesregierung: Gutschein statt Geld zurück. Doch diese Regel bringt viele Unsicherheiten mit sich – vor allem zulasten der Verbraucher. Denn: Gehen Anbieter pleite, geht der Kunde bei Individualreisen leer aus.

Viele Verbraucherzentralen halten diesen Vorstoß daher für nicht rechtens. Gut, dass sie nun auch Rückendeckung von Europa bekommen. Die EU-Kommission hat den deutschen Plan abgeräumt. Verbraucher sollen bei ausgefallenen Reisen ihr Geld zurückbekommen. Gegen Staaten, die es Unternehmen erlauben, nur Gutscheine auszugeben, sollen Verfahren wegen Vertragsverletzungen eingeleitet werden.

Forderung nach Rettungsfonds für Tourismusbranche

Ein völlig richtiger Beschluss. Zwar können sich sicher Gutverdiener diesen Gutschein leisten, doch gerade in Zeiten von Kurzarbeit, steigender Arbeitslosigkeit und unsicherer Zukunft brauchen viele Bürger ihr Geld zurück – und zwar sofort und dringend. Viele können oder wollen sich derzeit gar keinen Urlaub mehr leisten.

Die Branche ruft indes die Bundeskanzlerin an, das Fortbestehen von drei Millionen Jobs im Tourismusbereich in Deutschland und das Überleben von Fluggesellschaften, Reisebüros und Reiseveranstaltern zur Chefsache zu machen. Sie fordert einen Rettungsfonds für den gesamten Bereich und einen Tourismusgipfel unter Leitung der Kanzlerin.

Mit Demonstrationen von Gera über Berlin bis Frankfurt am Main machen die Beschäftigten der Branche derzeit auf ihre unverschuldete Misere durch die Pandemie aufmerksam. Das darf niemanden kaltlassen. Trotzdem bleibt die Frage: Müssen ausgerechnet die Verbraucher Rücksicht nehmen?

Denn nicht nur, wenn es ums Reisen geht, müssen die Bürger sich entscheiden: Nehme ich den Gutschein, oder versuche ich, mein Geld zurückzubekommen? Ob Fitnessstudio, Bahncard, Konzerte, Tierpark, Schwimmbad oder Kino, immer wieder muss man sich fragen, wie man mit der ausgefallenen Leistung umgehen soll: Braucht man das Geld wirklich; was passiert, wenn das Konzert im Winter gar nicht mehr stattfinden kann, soll man dann ein anderes buchen? Was, wenn der Veranstalter pleitegeht?

Bundestag berät über Hilfsmaßnahmen im Freizeit- und Kulturbereich

Gerade im Kulturbereich sind kleine Häuser angewiesen, jetzt nicht alles zurückzahlen zu müssen. Den großen Veranstaltern geht es nicht viel besser. Denn selbst wenn ausgefallene Konzerte im Herbst nachgeholt werden, ist nicht klar, ob alle, die ein Ticket haben, auch teilnehmen können.

Denn Konzertsäle werden sicher nicht zu 100 Prozent besetzt, sondern nur mit Sicherheitsabstand. Das heißt, nur 40 oder 50 Prozent der Plätze dürfen eingenommen werden. Es drohen den Einrichtungen auch künftig hohe Verluste – und erst recht den Künstlern, die großteils von Live-Auftritten leben.

An diesem Donnerstag berät der Bundestag über die Hilfsmaßnahmen im Freizeit- und Kulturbereich, ein Bestandteil davon soll ein neues Gesetz sein, wonach es für Leistungen, die vor dem 8. März gebucht wurden, nur Gutscheine gibt. Nur bei Härtefällen soll Geld zurückfließen, wenn man beispielsweise seine Miete oder Stromrechnungen nicht mehr zahlen kann. Das allein nachweisen zu müssen an einer Ticketkasse, ist ein ziemlich unwürdiger Akt.

Tritt diese Regelung in Kraft, ist das ein harter Schlag für die Verbraucher. Denn jeder sollte selbst entscheiden können, ob er sein Ticket spendet, ob er das Geld zurückhaben möchte, oder ob er bereit ist, mit einem Gutschein auf die nächste Veranstaltung zu warten.

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