Kolumne

Rechtsterrorismus: Es ist wieder Herbst in Deutschland

Nach dem Angriff eines Rechtsterroristen in Halle gedenken viele Menschen der zwei Todesopfer.+

Nach dem Angriff eines Rechtsterroristen in Halle gedenken viele Menschen der zwei Todesopfer.+

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Berlin.  Vor 42 Jahren hat die RAF Deutschland mit Terror bedroht. Nun verüben Rechtsterroristen Morde. Beide Gruppen haben dabei ein Ziel.

Vor 42 Jahren hing eine graue Wolke über dem Land. Eine Gruppe verwirrter Menschen tötete mächtige Männer und ihre Fahrer, ein Flugzeug wurde entführt, im Gefängnis von Stammheim begingen Terroristen Selbstmord.

Dieser Staat sei eine von finsteren Mächten durchsetzte Unterdrückungsmaschinerie, die man mit allen Mitteln bekämpfen dürfe, glaubten die Mörder der Rote Armee Fraktion (RAF), aber auch manche Bürger, die ungerührt zusahen, wie eine Regierung und das ganze Land wankten.

Der damalige Bundesinnenminister Werner Maihofer (FDP) forderte, „die ganz erhebliche Unterstützer- oder jedenfalls Sympathisantenszene der RAF“ zu zerstreuen. Die Terroristen „schwimmen auch im Wasser einer Schickeria, die die Grenzen nicht so ganz klar zieht“. Ehrenmann Maihofer trat 1978 zurück; er übernahm die Verantwortung für eine Fahndungspanne.

Rechtsterroristen sind keine Einzeltäter

Seit 1990 haben Rechtsterroristen 83 Menschen in Deutschland ermordet, gab das Bundesinnenministerium im Juni 2018 bekannt, andere Quellen nannten doppelt so hohe Zahlen. Das war vor den tödlichen Schüssen auf den Regierungspräsidenten Walter Lübcke und denen jetzt in Halle .

Wie eine Augenzeugin den Anschlag in der Synagoge erlebte
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Einzeltäter? Nein. Wie die RAF-Mörder von 1977 schwimmen auch Rechtsterroristen im trüben Wasser schweigender Zustimmung, dürfen sich dem teuflischen Wohlwollen jener Sitzenbleiber in den Parlamenten so sicher sein wie dem der Ideologen, die das Land so lange stressen wollen, bis vor lauter Angst der letzte Anstand schwindet.

Wenn Offiziere Waffen horten, wenn Irre Todeslisten anlegen, wenn der „Fliegenschiss“ belächelt wird, wenn Hakenkreuz-Schläger durch Innenstädte ziehen, wenn Politik, Armee, Behörden unterwandert, Landstriche arisiert, Anleitungen zum Bombenbau verbreitet werden, dann ist wieder Herbst in Deutschland.

Antisemitismus ist eklig genug, aber es geht um mehr: Terroristen und ihre Einpeitscher stellen die Machtfrage. Die Motive sind andere als damals im Jahr 1977, aber das Ziel ist identisch: Tod diesem Staat.

Jeder von uns entscheidet über das Wasser, in dem er oder sie schwimmt.

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