Russland

Putins Ingenieur – Sergej Schoigus unheimlicher Aufstieg

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Gilt als Putins Vertrauter: Verteidigungsminister Schoigu.

Gilt als Putins Vertrauter: Verteidigungsminister Schoigu.

Foto: Stanislav Krasilnikov / picture alliance/dpa/TASS

Moskau.  Der russische Verteidigungsminister kommt nicht aus dem Militär, sondern aus der Baubranche. Rätsel über sein kurzes Verschwinden.

Es gibt viele Geschichten über Sergej Schoigu. Er soll der erste russische Spitzenpolitiker gewesen sein, der sich für die Maral-Hirsche im Altai interessierte, genauer: für deren noch weiche Frühlingsgeweihe. Aus den abgesägten und mit Blut gefüllten Hornstangen wird das Extrakt Pantokrin, das Gesundheit, Potenz und Lebenslänge steigern soll.

Nach Angaben des Rechercheportals „Projekt“ brachte Schoigu vor knapp 20 Jahren Wladimir Putin ins sibirische Altai und überredete den Staatschef zum Wannenbad in dem teuren Allheilmittel. Putin soll es sehr gefallen haben, er kam wieder. Schoigu war schon damals einer der wenigen Menschen, denen Putin vertrauensvoll die Führung überließ.

Inzwischen ist Schoigu Verteidigungsminister, gilt sogar als möglicher Nachfolger Putins. Und jetzt hat er beste Chancen, auch militärisch seine Führungsfähigkeiten zu beweisen, als Feldherr bei der „Kriegsspezialoperation“ in der Ukraine. Aber der Sieg ist noch immer nicht in Sicht, obwohl auch westliche Militärexperten prognostiziert hatten, die Russen würden Kiew binnen 48 Stunden erobern. Und es wird zusehends gerätselt, was der Verteidigungsminister in der Ukraine eigentlich entscheidet.

Schoigu verschwand für zwei Wochen aus der Öffentlichkeit

Schoigu verschwand am 11. März aus Russlands Öffentlichkeit, tauchte erst am 26. wieder auf, selbst auf Anrufe aus dem Pentagon antwortete er zwischenzeitlich nicht. War er krank, in Ungnade gefallen oder stand sogar unter Arrest?

Schoigu ist Armeegeneral und „Held der Sowjetunion“, aber kein Berufssoldat, sondern gelernter Bauingenieur. Aufgewachsen in der südostsibirischen Republik Tuwa machte er zunächst Karriere auf sowjetischen Großbaustellen in Sibirien. Als die UdSSR 1991 zusammenbrach, stieg er zum Chef des russischen Katastrophenschutzes auf. Von 1994 bis 2012 leitete er das gleichnamige Ministerium, bis Putin ihn zum Verteidigungsminister ernannte. Auch die Russen mögen Schoigu, bis heute liegt er hinter Putin auf dem zweiten Platz in den Beliebtheitsumfragen.

Manche Politologen erklären das mit einem ausgeprägten PR-Instinkt, bei allen möglichen Unglücken tauchte Schoigu als erfolgreicher Leiter der Rettungsarbeiten vor den TV-Kameras auf. „Verdienter Batman Russlands“, witzelte TV Doschd. Einer, der auch bei den vergangenen Duma-Wahlen Spitzenkandidat der Putin-Partei Einiges Russland war. Obwohl – oder weil – er kaum über Politik redet.

Gemeinsamer Urlaub mit Wladimir Putin

Und der Sibirier rückte dabei immer näher an Putin selbst heran. „Ich bin ihm mehrfach begegnet – dieser Mensch ruft Vertrauen hervor“, sagt der oppositionelle Militärexperte Alexander Golz über Schoigu. „Offenbar ist es Putin einfach angenehm, mit ihm zusammen zu sein.“ Schoigu reiste mit Putin mehrmals nach Sibirien. Berühmt wurde ihr gemeinsamer Urlaub im Sommer 2009, als sich der Kremlchef zum ersten Mal mit nacktem Oberkörper fotografieren ließ.

Schoigu selbst gibt kaum Interviews. Nur der kremlnahen Zeitung „Moskowski Komsomolez“ erzählte er 2019, wie er die Streitkräfte reformiert habe. Wenige Tage später schrieb ein Militärexperte der genauso kremlnahen „Iswestija“, nicht Schoigu, sondern sein Vorgänger Anatoli Serdjukow habe die wesentlichen Reformen auf den Weg gebracht.

Laut dem Regierungsblatt „Rossijskaja Gaseta“ malt Schoigu in seiner Freizeit Aquarelle und Ölbilder. Und 2020 veröffentlichte der Ehemann, zweifache Vater und dreifache Großvater ein Buch mit autobiografischen Erzählungen. Der Literaturkritiker Konstantin Miltschin staunte, dass Schoigu „die Armee mit keinem Wort erwähnt“.

Putin scheint seinem Lieblingsminister weiter die Stange zu halten. Ende März tauchte Schoigu bei einer vom Staatsfernsehen übertragenen Sitzung im Verteidigungsministerium auf. Den Teilrückzug aus der Region Kiew erklärte er damit, man konzentriere sich auf „die Befreiung des Donbass“. Wenige Tage später wurden nach dem Abzug der Russen aus Butscha reihenweise tote Zivilisten entdeckt. Schoigu schweigt erneut.

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