Interview

Pflegebeauftragter: „Keine Isolation um jeden Preis“

Coronavirus: Fachbegriffe kurz erklärt

In der Berichterstattung über Corona verwenden Experten und Politiker viele Fremdwörter und Abkürzungen. Im Video werden die häufigsten Corona-Begriffe erklärt.

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Berlin.  Der Pflegebeauftragte Andreas Westerfellhaus über Besuche in Corona-Zeiten und die tödlichen Folgen von Personalmangel in Kliniken.

Vor Andreas Westerfellhaus liegen herausfordernde Monate. Die Corona-Infektionszahlen steigen rapide, zunehmend stecken sich auch wieder Ältere an. Doch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung will diesmal dafür sorgen, dass Patienten und Pflegebedürftige in der zweiten Welle nicht mehr wie im Frühjahr von der Außenwelt abgeschottet werden. Es müsse Wege geben, damit Familien trotz Corona zusammen sein können. Auch an Weihnachten.

Herr Westerfellhaus, die zweite Welle der Pandemie rollt. Wie besorgt schaut man als Pflegebeauftragter in die nächsten Wochen?

Andreas Westerfellhaus: Ich habe keine Angst, aber ich mache mir schon Sorgen. Wir erkennen, dass auch durch Nachlässigkeit die Gefahr möglicherweise wieder steigt. Es verlangt uns allen immens viel ab – auch meiner Familie. In meinem Haushalt lebt meine 94-jährige Mutter, meine Familienfeiern sind alle abgesagt. In meinem Job bin ich in vielen Einrichtungen unterwegs, ich möchte mit den Menschen reden. Das geht jetzt gerade nur eingeschränkt – und ich weiß, dass ich damit viele in Sorge zurücklasse.

Werden die Pflegeheime wieder so viele Opfer zu beklagen haben wie im Frühjahr?

Westerfellhaus: Davon gehe ich nicht aus. Die Pflegeeinrichtungen sind nun viel besser ausgestattet und haben viel dazu gelernt. Trotz sehr sorgfältiger Arbeit der Einrichtungen ist es aber nicht immer zu verhindern, dass das Virus in ein Haus kommt. Dennoch muss der Grad zwischen Hygieneschutz und zum Beispiel Familienbesuch und Lebensqualität gut abgewogen werden. Isolation um jeden Preis darf nicht sein. Die Bewohnerinnen und Bewohner wollen nicht eingesperrt sein, die Angehörigen ihre Familienmitglieder sehen.

Wie können Kontakte in diesem Corona-Winter aussehen?

Westerfellhaus: Der Erhalt der Selbstbestimmung ist dringend notwendig. Es darf nicht passieren, dass Menschen entmündigt werden. Es gab im Frühjahr auch Bewohnerinnen und Bewohner, die gesagt haben, ich will keinen sehen, ich habe Angst. Das gilt es genauso zu respektieren wie den Wunsch derjenigen, die sagen, die Kontakte zu meinen Angehörigen sind mir sehr wichtig. Viele haben die soziale Isolation als unglaublich belastend empfunden. Wir haben viele Einrichtungen in Deutschland, die sehr kreative, gute Konzepte entwickelt haben, wie man die Hygienestandards des RKI umsetzen kann. Ich bin dabei, ein bundeseinheitliches Konzept zu entwickeln, damit die Einrichtungen unterstützt werden.

Wie soll das aussehen?

Westerfellhaus: Das entwickeln wir gerade. Viele Einrichtungen haben für sich sehr unterschiedliche Konzepte entwickelt. Ich sichte diese gerade und schaue, ob wir nicht mit einem gemeinsamen Konzept Unterstützung für alle beteiligten leisten können. Denn wir merken, dass die Unsicherheit sehr, sehr groß ist. Zum Konzept gehört, dass wir den Mitarbeitern einen Schnelltest zur Verfügung stellen. Die wissen dann innerhalb von wenigen Minuten, ob sie Viruslast tragen oder nicht. So haben Mitarbeiter eine gute Sicherheit, Besucher und auch Bewohner, die vielleicht aus dem Krankenhaus kommen oder neu in die Einrichtung ziehen.

Werden Bewohner und Bewohnerinnen mit ihrer Familie Weihnachten feiern können?

Westerfellhaus: Die Garantie kann ich nicht geben, das wäre Kaffeesatz-Leserei. Ich unterstützte alles, damit alle mit ihrer Familie Weihnachten feiern können. Und ich glaube, dass wir das mit einem Besuchermanagement auch gewährleisten können. Das heißt natürlich aber auch genau nicht, dass alle am Heiligabend um 17 Uhr kommen können.

In der ambulanten Pflege gehen die Pflegekräfte von einem Patienten zum anderen. Wie groß ist die Gefahr in diesem Bereich?

Westerfellhaus: Die Sorge ist natürlich da. Aber anders als im Frühjahr sind die ambulanten Pflegedienste jetzt viel besser mit Schutzkleidung und Masken ausgestattet und sie bekommen es refinanziert. Und aktuell ganz wichtig: Pflegedienste können jetzt auch Schnelltests erhalten, eine feste Anzahl pro Klient und Monat.

Experten warnen davor, dass es in den Kliniken zu mehr Todesfällen kommen könnte, weil zwar Betten da sind, aber das Pflegepersonal fehlt. Teilen Sie diese Sorge?

Westerfellhaus: Auf das Problem des Fachkräftemangels weise ich seit langer Zeit hin. Wir hatten schon vor der Pandemie die Situation, dass wir in bestimmten Bereichen Operationen aufschieben müssen. Corona hat dieses Problem unters Brennglas geschoben. Ich höre von vielen Pflegekräften, die 12 Stunden am Tag arbeiten. Der Einsatz, den sie leisten, um das fehlende Personal zu kompensieren, ist unglaublich. Einige Einrichtungen haben bereits wieder angefangen, planbare Eingriffe zurückzufahren um Kapazitäten freizumachen. Da werden andere Bereiche natürlich drunter leiden.

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Heißt das, dass wir im Umkehrschluss mit mehr Pflegepersonal in der Intensivpflege mehr Todesfälle vermeiden könnten?

Westerfellhaus: Es gibt schon lange Untersuchungen, dass die Zahl der zur Verfügung stehen Fachkräfte eine direkte Auswirkung hat auf die Komplikationsrate und die Zahl der Todesfälle. Wenn ein Patient beatmet wird und da ist niemand außer der Maschine, können Menschen durch Komplikationen sterben, die nicht sterben müssten. Das Risiko ist um ein Vielfaches höher.

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Viele Beschäftigte in der Pflege schauen ins Ausland und sehen, dass ihr Beruf dort mehr Wertschätzung erfährt und sie auch mehr Arbeiten übernehmen dürfen.

Westerfellhaus: Ja, das ist so. In Deutschland gilt Pflege immer noch als Assistenzberuf. Nicht alles, was die Beschäftigten in der Ausbildung lernen, dürfen sie später anwenden. Viele könnten eine Diagnose treffen und eine therapeutische Entscheidung treffen, wenn es ihnen erlaubt wäre. Das ist im Moment nicht der Fall und das ist eine unsinnige Verschwendung von Ressourcen. Andere Länder sind da viel weiter und auch Deutschland wird in Zukunft in diese Richtung gehen. Wir können nicht nur beklagen, dass wir zu wenige Pflegekräfte haben und vorhandene Fähigkeiten nicht abrufen. Das können wir uns nicht leisten. Das gehen wir jetzt aber an und haben einen Strategieprozess dafür eingeleitet.

Im Sommer gab es Boni für viele Pflegekräfte, geklatscht wurde auch. Ist das Kapitel Wertschätzung damit erledigt?

Westerfellhaus: Nein. Ich fand wichtig, dass die Abgeordneten des Bundestags aufgestanden sind und applaudiert haben. Wenn es dabei bleiben würde, wäre das aber fatal. Ein Bonus kann nur ein ganz kleines Signal sein. Wir brauchen flächendeckende Tarifverträge und insgesamt eine faire tarifliche Eingruppierung von Pflegenden. Eine erhebliche Verbesserung der tariflichen Vergütung gehört auf jeden Fall dazu. Wie ich höre, befinden sich die Tarifpartner für einen Tarifvertrag in der Pflege auf der Zielgeraden - und Arbeitsminister Heil steht auch bereit, ihn flächendeckend zu erstrecken. Ich kann nur hoffen, dass alle Beteiligten die Zeichen der Zeit erkannt haben und sich einigen.

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