Spionage

„Pegasus“: So spähen Staaten Journalisten und Politiker aus

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Geheimdienste und Polizeibehörden haben Berichten zufolge weltweit mithilfe einer Spionagesoftware Journalisten, Aktivisten und Politiker ausgespäht.

Geheimdienste und Polizeibehörden haben Berichten zufolge weltweit mithilfe einer Spionagesoftware Journalisten, Aktivisten und Politiker ausgespäht.

Foto: imago images / ZUMA Press

Berlin.  Geheimdienste und Behörden sollen mithilfe der Spionagesoftware "Pegasus" Journalisten, Aktivisten und Politiker ausspioniert haben.

Der Angriff erfolgt lautlos und unsichtbar. Kein verdächtiges Knacken in der Telefonleitung, kein Wackeln auf der Handyoberfläche. Die Spionagesoftware „Pegasus“ schleicht sich unbemerkt auf die Smartphones. Die Betroffenen bekommen erst Wind davon, wenn sie vor Gericht stehen oder Chatprotokolle sowie Fotos als Druckmittel gegen sie eingesetzt werden. „Pegasus“ ist ein Produkt der israelischen Firma NSO Group, eines der global führenden Anbieter von Überwachungstechnologie.

Vor allem die Geheimdienste autoritärer Regime sind scharf auf die Software. Ihr Ziel: Sie wollen Kritiker und ihr Netzwerk gläsern machen und an die Kandare nehmen. Hunderte Journalisten, Aktivisten und Oppositionelle weltweit sind offenbar Opfer staatlicher Abhöraktionen geworden. Ebenso gerieten demnach zahlreiche Politiker ins Visier, darunter 13 derzeitige oder ehemalige Präsidenten oder Premierminister.

„Pegasus“: Datenleck mit mehr als 50.000 Telefonnummern

Das ergaben Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ sowie von „Zeit“, NDR, WDR und 15 weiteren Redaktionen aus zehn Ländern. Wie die Medien berichteten, sollen Geheimdienste und Polizeibehörden mehrerer Länder die Spähsoftware „Pegasus“ missbraucht haben, um damit die Handys der Betroffenen anzuzapfen. Genannt werden dabei Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Aserbaidschan, Mexiko, Indien, Ruanda, Marokko und Ungarn. Auch interessant: Deutscher soll Bundestag ausspioniert haben - für Russland

Die Recherchegruppe konnte nach eigenen Angaben ein Datenleck mit mehr als 50.000 Telefonnummern auswerten, die mutmaßlich seit 2016 zum Ziel möglicher Überwachungen durch Kunden der NSO Group wurden. Die Liste stammt von dem in Paris ansässigen Verein Forbidden Stories und von Amnesty International, heißt es. Zu den gespeicherten Telefonnummern zählen demnach auch Mitarbeiter der Nachrichtenagenturen AFP, Reuters und AP, der Zeitungen „New York Times“, „Le Monde“, „El País“, „Financial Times“, „Guardian“ sowie der Sender Al Dschasira, Radio Free Europe und CNN. Deutsche Medien befinden sich nicht darunter.

Ermordeter mexikanische Journalist: Wurde sein Handy ausspioniert?

Nach Angaben des Journalistennetzwerks funktioniert „Pegasus“ so: Kunden von NSO geben Telefonnummern von potenziellen Zielpersonen in eine Art Benutzeroberfläche ein. Das System kann damit zunächst ermitteln, ob das anvisierte Gerät überhaupt erreichbar wäre, in welchem Land es operiert und ob es SMS bekommen kann. Sobald ein Mobiltelefon von „Pegasus“ infiziert wurde, können entscheidende Funktionen aus der Ferne gesteuert werden. Lesen Sie auch: Mitarbeiter des Bundespresseamts unter Spionageverdacht

Am 2. März 2017 wurde zum Beispiel der mexikanische Journalist Cecilio Pineda Birto ermordet, als er in einer Autowaschanlage im Süden des Landes wartete. Stunden vorher hatte er auf Facebook der bundesstaatlichen Polizei und Lokalpolitikern vorgeworfen, gemeinsame Sache mit einem Bandenchef zu machen. Zuvor war Pinedas Nummer wiederholt als Ausspähziel ausgewählt worden. Sein Handy wurde nie gefunden. Weite Teile Mexikos stehen unter der Kontrolle von Drogenkartellen.

Auch die Verlobte von Khashoggi war betroffen

Zu den Aktivistinnen, deren Telefonnummern in das NSO-System eingespeist wurden, gehört auch Loujain al-Hathloul. Die saudi-arabische Menschenrechtlerin setzte sich dafür ein, dass Frauen in ihrer Heimat Auto fahren dürfen. 2018 wurde sie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo sie studierte, zurück nach Saudi-Arabien verschleppt und verurteilt. Zu den Betroffenen zählt auch Hatice Cengiz, die Verlobte des ermordeten saudi-arabischen Journalisten Jamal Khashoggi. Ihr Handy sei vier Tage nach dem Mord an Khashoggi durch „Pegasus“ angegriffen worden. Zu den abgehörten Journalisten zählen zudem zwei Reporter des ungarischen Investigativmediums „Direkt 36“. Der Verdacht liege nah, dass diese Angriffe von staatlichen Stellen ausgeführt wurden, heißt es. Ungarns Außenminister Péter Szijjártó wies dies zurück.

NSO bestritt die Vorwürfe. „Pegasus“ werde „ausschließlich an Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste von geprüften Regierungen verkauft – mit dem alleinigen Ziel, durch Verhinderung von Verbrechen und Terrorakten Menschenleben zu retten“, so die Firma. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen verlangte eine Überprüfung der Enthüllungen. „Wenn es stimmt, dann ist es komplett inakzeptabel“, sagte sie. Die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Martina Fietz, betonte die Bedeutung der Pressefreiheit. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) forderte Aufklärung über eine mögliche Verwendung von „Pegasus“ durch deutsche Stellen. DJV-Chef Frank Überall sagte: „Für die Sicherheitsbehörden muss es jetzt heißen: Karten auf den Tisch“

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