Bildung

Ostdeutsche Bundesländer sacken im Bildungstrend stark ab

Mathe, Chemie, Physik, Biologie. Besonders Schüler der ostdeutschen Bundesländer haben sich in diesen Fächern verschlechtert.

Mathe, Chemie, Physik, Biologie. Besonders Schüler der ostdeutschen Bundesländer haben sich in diesen Fächern verschlechtert.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Berlin.  Der aktuelle IQB-Bildungsindex zeigt: Die Unterschiede in den Bundesländern sind gravierend. Ostdeutschland rutscht besonders stark ab.

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Am Dienstag wird in Berlin der IQB-Bildungstrend vorgestellt. Die Erhebung zeigt: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind weiterhin gravierend. Besonders verschlechtert haben sich die neuen Bundesländer. Der IQB-Bildungstrend wurde vom Institut für Qualitätssicherung im Bildungsbereich im Auftrag der Kultusministerkonferenz durchgeführt.

Ziel war es herauszufinden, ob die schulischen Leistungen in den Fächern Mathe, Chemie, Physik und Biologie den vereinbarten Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz entsprechen. 2018 wurden insgesamt 44.941 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse an 1462 Schulen getestet. Diese Erhebung ist seit 2012 die zweite ihrer Art.

Bildungstrend: Ostdeutsche Bundesländer deutlich schlechter als 2012

Der IQ-Bildungstrend 2018 zeigt, dass sich die Schüler in den ostdeutschen Bundesländern im Vergleich mit 2012 in den getesteten Fächern deutlich verschlechtert haben.

  • Brandenburg ist dabei der größte Verlierer. Zwischen 13 und 19 Prozent weniger Schülerinnen und Schüler als noch vor sechs Jahren erreichen in der neunten Klasse den Regelstandard für den Mittleren Schulabschluss
  • Ein ähnliches Bild zeichnet sich in Sachsen-Anhalt ab. Auch hier liegt das Ergebnis zwischen 8 und 19 Prozent unter den Werten von 2012. Genauso wie in Brandenburg ist Chemie das Fach, in dem sich das Gros der Schüler massiv verschlechtert hat
  • Auch das Bundesland Thüringen ist stark abgestürzt. Bei den Tests kam heraus, dass zwischen 7 und 13 Prozent weniger Schülerinnen und Schüler den Regelstandard für den Mittleren Schulabschluss in den Fächern Biologie, Chemie und Mathe erreicht hätten
  • Circa sieben Prozent der Schüler in Sachsen haben sich vor allem in den Fächern Biologie und Chemie verschlechtert
  • In Mecklenburg-Vorpommern schwächeln circa acht Prozent mehr Schüler in den Fächern Mathe und Chemie

Bayern und Nordrhein-Westfalen verbessern sich

Die einzigen Bundesländer, für die sich eine signifikante Verbesserung verbuchen lässt, sind Bayern und Nordrhein-Westfalen. Besonders im Fach Biologie haben jeweils rund sechs Prozent mehr Schüler den Regelstandard erreicht. Bayern schneidet auch in Physik mit fünf Prozent Zuwachs besser ab.

Bundesweit erreichen aktuell rund 45 Prozent der Schülerinnen und Schüler bereits am Ende der neunten Jahrgangsstufe den Regelstandard für den Mittleren Schulabschluss. Etwa 24 Prozent erreichen diesen Standard noch nicht.

Besonders solide Ergebnisse im bundesweiten Vergleich erzielen die Bundesländer Bayern und Sachsen, wohingegen Bremen, Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen in Bezug auf den Regelstandard eher ungünstige Ergebnisse liefern. Hamburg und Nordrhein-Westfalen liegen in allen vier Fächern überwiegend leicht unter dem bundesweiten Durchschnitt.

Berlin liegt in allen vier Fächern konsequent zwischen 6 und 16 Prozent unter dem bundesweiten Durchschnitt. Im Fach Mathe schaffen es gerade mal 38,4 Prozent, in Biologie 63,7 Prozent, in Chemie 49,9 Prozent und in Physik 61 Prozent, den Standard zu erreichen.

Die Ursachen für die Verschlechterung sind unklar

Die Leiterin des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungsbereich, Prof. Dr. Petra Stanat, warnt davor, die Ergebnisse überzubewerten.

Tatsächlich sei es so, dass die ostdeutschen Bundesländer im Jahr 2012 im deutschlandweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch gestartet seien. Trotz der starken negativen Veränderungen liegen die neuen Bundesländer deswegen weiterhin im bundesweiten Trend. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass es sich nur um eine Prüfung im Vorfeld des Mittleren Schulabschlusses handelt.

Vergleicht man die Ergebnisse mit den tatsächlichen Prüfungen ein Jahr später, zeigt sich, dass in Mathe rund zwölf Prozent den Leistungsrückstand aufholen können, während das in den naturwissenschaftlichen Fächern nur ein bis fünf Prozent der Schüler gelingt.

Über die Ursachen der negativen Tendenz, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, ist man sich aktuell noch uneinig. Aspekte wie die steigende Heterogenität der Schülerschaft bedingt durch Migration, die Umstellung der Schulsysteme und der zunehmende Lehrermangel seien definitiv relevant. Klar sei, dass für die ostdeutschen Bundesländer der Erklärungsansatz Lehrermangel alleine zu kurz greifen würde.

• Kommentar: Der wachsende Lehrermangel ist eine Katastrophe mit Ansage

Der Generationenwechsel bei den Lehrkräften habe sich in den Ländern noch nicht so weit vollzogen, als dass der Zusammenhang zweifelsfrei festgestellt werden könnte, heißt es in der Studie.

Intern wird vermutet, dass vor allem für die schlechten Leistungen in Mathe auch das Image des Fachs verantwortlich ist. So werde mit Stolz erzählt, dass manMathe in der Schule damals nicht gekonnt habe. Darüber, dass man nicht habe lesen können, würde so nicht gesprochen, so der Tenor in der Kultusministerkonferenz.

Mädchen weniger selbstbewusst als Jungen

Es ist kein neues Phänomen, dass Mädchen sich in den naturwissenschaftlichen Fächern weniger sicher fühlen als Jungen. Der IQB-Bildungsindex zeigt jedoch, dass vor allem in den Bundesländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen die Leistungen von Jungen im Vergleich zu 2012 signifikant abfallen.

Für Mädchen lässt sich diese Entwicklung in keinem der Fächer oder Länder erkennen. Nichtsdestotrotz schätzen Mädchen ihre Leistungen und auch das Interesse an den naturwissenschaftlichen Fächern deutlich geringer ein als Jungen. Es sei daher wichtig, Mädchen noch gezielter von ihrer Eignung für die MINT-Fächer zu überzeugen.

Flüchtlinge drücken Leistungen nicht

Die Erhebung dieses Jahres sei besonders in Hinblick auf die gestiegenen Flüchtlingszahl seit 2015 interessant, so Staude. „Genauso wie bei der Pisa-Studie haben wir alle Geflüchteten mit in den Test aufgenommen, die seit mindestens einem Jahr in Deutschland leben.“

Staude zeigt sich im Hinblick auf die Ergebnisse zufrieden. Ein direkter Zusammenhang zwischen abfallenden Leistungen und geflüchteten Kindern könne sich nicht herstellen lassen. „Obwohl sich der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund je nach Bundesland stark erhöht hat, hat sich der gesamte Standard in Deutschland kaum verändert“, sagt Ties Rabe, Hamburgs Senator für Schule und Berufsbildung.

Die guten Leistungen der Geflüchteten seien jedoch auch darauf zurückzuführen, dass die durchgeführten Tests oftmals auch mit niedrigen sprachlichen Kompetenzen gemeistert werden könnten.

Ein direkter Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund – viele Kinder profitieren etwa nicht vom Teilhabepakt – und den Leistungen der Schüler lässt sich hingegen weiterhin nachweisen.

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