Kommentar

Österreich: Wem der Rücktritt Heinz-Christian Straches nützt

Heinz-Christian Strache nach der Pressekonferenz am Samstagmittag.

Heinz-Christian Strache nach der Pressekonferenz am Samstagmittag.

Foto: Hans Punz / dpa

Wien  Die Korrumpierbarkeit der FPÖ war dem Wähler auch früher schon egal. Dennoch kann die Demaskierung Heinz-Christian Straches helfen.

Der Selbstvernichtungstrieb der FPÖ-Chefs ist immer wieder erstaunlich. Auch Jörg Haider wurde am Ende Opfer seiner eigenen Unvorsichtigkeit. Nun hat Heinz-Christian Strache seine Karriere beendet , weil er sich in eine Fallen locken ließ und dort über krumme Geschäfte und antidemokratische Praktiken philosophierte.

Verwundert kann man darüber nicht sein, denn jeder der die österreichische Rechtspartei in den letzten Jahrzehnten beobachtete, konnte das Ausmaß an Verantwortungslosigkeit, brutalem Machtstreben und Korruptionsbereitschaft deutlich erkennen.

Korruptionsbereitschaft, illegale Machenschaften? War den FPÖ-Wählern egal

Nur war dieser Umstand den österreichischen FPÖ-Wählern immer egal. Sie wählten die FPÖ wegen deren Ausländerfeindlichkeit, sie wählten die FPÖ, weil diese versprach, dass keine Zuwanderer mehr nach Österreich kommen sollten und dass allen, die ihnen fremd erschienen - unter Strache waren das die Muslime - diese Fremdheit und Andersartigkeit auch ordentlich gezeigt werden sollte.

Diese Wahlversprechen hat Strache erfüllt - und mehr musste er eigentlich gar nicht machen. Wer Österreich in den vergangenen dreißig Jahren beobachtete, kann damit rechnen, dass man auch weiterhin mit Ausländerfeindlichkeit viele Wahlen gewinnen kann. Die Stammwählerschaft wird also gleich bleiben. Und unter dem neuen FPÖ-Chef Norbert Hofer werden die Blauen sicherlich nicht sanfter oder mehr in die Mitte rücken. Im Gegenteil: Hofer ist ein Ideologe.

FPÖ-Wähler könnten zur ÖVP überlaufen

Was allerdings nach dem Skandal nicht mehr möglich sein wird, ist der direkte Angriff auf den ORF durch die FPÖ. Denn ihre Absichten liegen nun auf dem Tisch und das wird vielen eine Warnung sein, die bisher die FPÖ verharmlosten. Deswegen hat Ibiza-Gate positive Folgen für die demokratischen Verhältnisse in Österreich. Die meisten Bürger in Österreich wollen eine unabhängige Berichterstattung, Kontrolle von Macht und die Gewaltenteilung. Sie werden nach der offensichtlich gewordenen Korruptionsbereitschaft der FPÖ nun vorsichtiger agieren.

Innerhalb der ÖVP werden jene Leute gestärkt, denen die Anbiederung an die Blauen und vor allem deren Verschwörungstheorien auf die Nerven gingen. In diesem Sinne ist nun mit mehr Vernunft und weniger Populismus zu rechnen. Die ÖVP kann durch den Skandal, wenn sie sich halbwegs schlau verhält, ohnehin gewinnen. Denn viele FPÖ-Wähler könnten bei Neuwahlen nun die Partei von Kurz ankreuzen.

• Mehr zum Thema: Jan Böhmermann kannte das Video von Strache bereits seit Wochen

Ein Kanzler mit Führungsschwäche

Kanzler Kurz hatte in den letzten Wochen viel damit zu tun, die Skandale, die die FPÖ vor allem wegen ihrer Nicht-Abgrenzung zum Rechtsextremismus verursachte, im Zaum zu halten. Die Folgen des Ibiza-Videos werden zeigen, ob er in der Lage ist, auch eine wirklich große Krise zu meistern.

Am Samstag wurde sein stundenlanges Nicht-Auftauchen als Führungsschwäche gedeutet. Er steht nun vor der Wahl den Weg seines Vorbildes Wolfgang Schüssel zu beschreiten, der ebenfalls nach einer Selbstzerstörungsaktion der FPÖ im Jahr 2002 aus Neuwahlen als Gewinner hervorging. Fraglich ist allerdings, ob er, so wie Schüssel, neuerlich eine Koalition mit der moralisch völlig diskreditierten FPÖ eingehen kann, ohne sich selbst und die Partei zu beschädigen.

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