Gesundheit

NRW-Minister: „Bei Hausärzten droht die größte Katastrophe“

Karl-Josef Laumann führt bereits zum zweiten Mal das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

Foto: Volker Hartmann

Karl-Josef Laumann führt bereits zum zweiten Mal das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Foto: Volker Hartmann

Düsseldorf.   Minister Karl-Josef Laumann (CDU) will die jahrzehntelange Benachteiligung des Ruhrgebiets bei der Versorgung mit Hausärzten beenden.

Er sitzt wieder im selben Büro, aus dem er nach der Wahlniederlage 2010 ausziehen musste: Für den CDU-Sozialflügelmann Karl-Josef Laumann ist das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales ein Traumressort. Es sei nah dran am Leben der Menschen. Mit all seinen Problemen, die Laumann beim Besuch von Tobias Blasius umriss.

Ist die Hausärzte-Versorgung Ihr größtes Problem im neuen Amt?

Karl-Josef Laumann: Wenn wir nichts tun, steuern wir bei der Hausärzte-Versorgung auf die wohl größte Katastrophe im Gesundheitssystem von NRW zu. Und ich ärgere mich, dass in den vergangenen Jahren nicht gegengesteuert wurde. In den vergangenen Jahren sind grob gerechnet doppelt so viele Hausärzte in NRW in Rente gegangen wie unser Ausbildungssystem neue hervorgebracht hat. 2016 war das Verhältnis 457 zu 219. Wo soll das hinführen? Ich selbst lebe in einem Ort im Münsterland mit rund 7500 Einwohnern, wo es nur noch einen einzigen Hausarzt gibt.

Wie wollen Sie gegensteuern?

Wir bilden in NRW pro Jahr etwa 2000 neue Ärzte aus, davon werden gerade einmal 200 Fachärzte für Allgemeinmedizin. Es gibt Studien, die besagen, dass sich am Anfang des Medizinstudiums über 40 Prozent der angehenden Ärzte vorstellen können, später als Hausarzt zu arbeiten. Am Ende sind es rund zehn Prozent. Der Allgemeinmediziner als Basis der Gesundheitsversorgung braucht in den Unikliniken einen höheren Stellenwert.

Wie wollen Sie den Status des Hausarztes in einer High-Tech-Medizin verbessern?

Wir werden ein Bündel von Maßnahmen ergreifen. Wir werden in Ostwestfalen eine ganz neue Medizinfakultät aufbauen. Und an jeder medizinischen Fakultät in NRW soll eine Professur für Allgemeinmedizin eingerichtet werden. Außerdem erhoffe ich mir von einer Landarzt-Quote, dass künftig bis zu zehn Prozent aller Medizin-Studienplätze an junge und geeignete Leute vergeben werden, die sich für bis zu zehn Jahre zur wichtigen Arbeit als Hausarzt in unterversorgten Regionen verpflichten. Das Signal an die Universitäten muss unmissverständlich sein: Das viele Steuergeld, das die Bürger in die Mediziner-Ausbildung stecken, muss auch zu einer angemessenen Hausarzt-Versorgung führen.

Das Ruhrgebiet ist bei der Hausärzte-Bedarfsplanung schlechter gestellt. Wann beenden Sie das?

Für die Bedarfsplanung in der hausärztlichen Versorgung ist der Gemeinsame Bundesausschuss als oberstes Gremium der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens zuständig. Ich würde mir wünschen, dass das Ruhrgebiet beim Hausarzt-Patient-Verhältnis nicht sofort, aber vom kommenden Jahr an schrittweise nicht mehr als Sonderregion behandelt wird. Die hohe Krankenhausdichte und gute Verkehrsanbindung im Ballungsraum Ruhr sind für mich keine Begründung mehr, einen Hausarzt hier fast 30 Prozent mehr Patienten versorgen zu lassen als anderswo.

Warum geht das nicht sofort?

Man kann die Sonderregion Ruhrgebiet leider nicht auf einen Schlag abschaffen, da sonst durch einen Sog-Effekt womöglich bis zu 600 Hausärzte an anderen Stellen fehlen würden. Selbst wenn die Verhältniszahl auf einen Schlag angepasst werden würde, bliebe das grundlegende Problem bestehen: Wir hätten gar nicht genügend Hausärzte, die sich im Ruhrgebiet niederlassen könnten. Anders verhält es sich bei den niedergelassenen Psychotherapeuten: Hier haben wir ausreichend Bewerber, hier sollte das Ruhrgebiet zügig gleichgestellt werden.

Sie fordern, die elektronische Gesundheitskarte entgegen aller Kritik mit zusätzlichen Daten zu versehen. Wollen Sie den gläsernen Patienten?

Nein, überhaupt nicht. Die Patienten müssen immer das letzte Wort haben, welche Daten sie auf der Karte haben wollen und wer diese einsehen darf. Das Problem ist ein ganz anderes: Die Digitalisierung im Gesundheitswesen steckt noch in der Steinzeit. Wenn Sie plötzlich ins Krankenhaus müssen, weiß Ihre Versichertenkarte so gut wie nichts: Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme, Blutgruppe, Organspende-Bereitschaft, Arztbriefe – keine der wichtigen Informationen tragen Sie bei sich. Das kann so nicht bleiben. Nicht einmal der Patient, dem die Daten ja gehören, hat den Überblick.

Rot-Grün wollte in Ruhrgebietsstädten einen sozialen Arbeitsmarkt testen, der Langzeitarbeitslose für das Allgemeinwohl einspannt. Wieso sind Sie dagegen?

Ich halte es für richtig, Langzeitarbeitslosen eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt zu geben. Aber so wie die Projekte in Duisburg, Gelsenkirchen und Essen angelegt waren, wäre das nicht der Fall gewesen. Da hätten wir in den drei Städten über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für etwas mehr als 300 Langzeitarbeitslose geredet, die den Menschen keine Perspektive gegeben hätten. In bis zu 18 Monaten wären dafür mehr als 17 Millionen Euro an Fördermitteln ausgegeben worden, ohne den Menschen wirklich zu helfen. Schuld daran haben übrigens nicht die Städte, sondern die abgewählte rot-grüne Landesregierung. Sie hatte den Städten zwei Wochen Zeit gegeben, die Konzepte einzureichen. Wir nehmen uns jetzt die Zeit, um gemeinsam mit den Städten innovative Konzepte zu erarbeiten.

>> ERFAHRENER GESUNDHEITSPOLITIKER

Karl-Josef Laumann (60) stammt aus Riesenbeck im Münsterland. Der dreifache Familienvater gehört zu den wenigen Spitzenpolitikern, die es mit Hauptschulabschluss und Maschinenschlosser-Lehre in höchste Regierungsämter schafften.

Er war von 2005 bis 2010 schon einmal Arbeits- und Sozialminister in NRW, dann CDU-Fraktionschef im Landtag und Patientenbeauftragter der Bundesregierung. Er ist Bundesvorsitzender der Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft.

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