Medizin

NRW ist bei den Organspendern 2017 das Schlusslicht

Der Neurochirurg Hilal Yahya und sein Kollege und Anästhesist Deniz Özcan sind Transplantationsbeauftragte im Ev. Klinikum Niederrhein. Foto:Fabian Strauch

Der Neurochirurg Hilal Yahya und sein Kollege und Anästhesist Deniz Özcan sind Transplantationsbeauftragte im Ev. Klinikum Niederrhein. Foto:Fabian Strauch

Duisburg/Essen.   2017 gab es nur noch 145 Spender im bevölkerungsreichsten Bundesland. Die DSO-Stiftung sieht den Leistungsdruck in Kliniken als eine Ursache.

Viel Zeit hat Hilal Yahya nicht. In zehn Minuten muss der Oberarzt in den Operationssaal, zu allem Übel klingelt immer wieder das Telefon in der Hosentasche. Der 52-Jährige ist nicht nur Neurochirurg im Evangelischen Klinikum Niederrhein. In dem Duisburger Krankenhaus ist er auch Transplantationsbeauftragter.

In einem sensiblen Bereich zwischen Tod und Leben ist es seine Aufgabe, bei Patienten den Hirntod festzustellen, sie als mögliche Organspender zu identifizieren und mit Angehörigen behutsam darüber zu sprechen. Mit einer knapp zehnjährigen Erfahrung in diesem Feld sagt Yahya: „In der Gesellschaft ist das Thema Organspende angekommen, Angehörige sind heute informierter als früher.“ Schwieriger indes sei es, im Klinikalltag Aufmerksamkeit für das Thema Organspende durchzusetzen.

Zahl der Organspenden auf einem Tiefstand

2017 sind die Organspendezahlen an einem neuen Tiefstand angelangt. Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 2594 Organe von 797 hirntoten Patienten gespendet. Laut vorläufigen Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), die bundesweite Koordinierungsstelle, ist das der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Auf eine Million Bundesbürger kommen rein rechnerisch nur noch 9,7 Spender, sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. Rahmel nennt das historisch: In der Geschichte der Stiftung, gerechnet ohne die Anfangsjahre der Organspende vor mehr als 30 Jahren, sei die DSO noch nie unter die Marke von zehn Spendern pro eine Million Einwohnern gerutscht. NRW ist mit 8,2 Spendern sogar das bundesweite Schlusslicht.

Die DSO sieht die Gründe für den dramatisch Rückgang weniger in der fehlenden Bereitschaft der Bevölkerung. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stehen acht von zehn Deutsche dem Thema Organspende sogar positiv gegenüber, ein Drittel hat das in einem Spendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert. Eine Ursache sei vielmehr die Leistungsverdichtung in den rund 1250 Kliniken, die zum Organspende-System gehören, so Rahmel.

Krankenhäuser beklagen strukturelle Probleme

Seit Jahren hält die Klage über zu wenig Ärzte und Pflegepersonal an, in den Kliniken ist das Vorhalten von Intensivbetten teuer und der wirtschaftliche Druck groß. Lothar Kratz von der Krankenhausgesellschaft NRW sagt: „Die Krankenhäuser gehen intensiv mit dem Thema Organspende um, aber strukturell stoßen wir an Grenzen.“ Es gibt bei Organspenden Aufwandsentschädigungen für Kliniken. In Einzelfällen ist das laut DSO aber zu wenig, um die Kosten zu decken.

In NRW müssen Kliniken mit Intensivbetten seit 2007 Transplantationsbeauftragte bestimmen. Dass potenzielle Spender aber medizinisch erkannt und diese Fachleute hinzugerufen werden, identifiziert auch der Duisburger Chirurg Yahya als eine Herausforderung im klinischen Alltag. „2016 ist uns bei der Nachlese aufgefallen, dass wir zehn mögliche Spender gar nicht als solche erkannt haben“, so Hilal. Fünf Spender habe es 2017 im Niederrhein-Klinikum gegeben, in den Jahren zuvor waren es bis zu 14. Den Aufwand um eine Organspende beschreibt Yahya als hoch: „Das ist ein Marathon von eineinhalb bis zwei Tagen.“

Patientenvertreter: Wartezeit deutlich gestiegen

Patientenvertreter sehen die Politik in der Pflicht. Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz forderte, dass der Spendermangel Thema bei Koalitionsverhandlungen in Berlin werde. Die Nöte der 10 000 Schwerstkranken, die auf ein Spenderorgan warten, seien einer möglichen Großen Koalition keine Zeile im Sondierungspapier wert. Roland Schiela vom Verein „Bridge2Life“ mit rund 200 Transplantationspatienten aus NRW, verweist darauf, dass Betroffene heute länger auf eine Spende warten müssten: „Die Empfänger werden älter und ihr Gesundheitszustand bei einer Spende immer schlechter“, so Schiela.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) nimmt den Appell auf und kündigt ein Gespräch mit den Ärztlichen Direktoren der Kliniken an. „Organspende ist ein extrem wichtiges Thema: Sie rettet Leben und schenkt Lebensqualität und das jeden Tag“, so Laumann. Um die Spenden zu steigern, sei bei Informationsdefiziten, Kommunikationsproblemen und fehlender Beteiligung der Transplantationsbeauftragten anzusetzen.

>> ENTSCHEIDUNGSLÖSUNG

In Deutschland gilt bei der Organspende die Entscheidungslösung. Krankenkassen müssen Versicherte regelmäßig informieren und auffordern, sich in einem Spendeausweis oder einer Patientenverfügung zu erklären, ob sie nach dem Tod Organe spenden wollen. Die Entscheidung darüber ist freiwillig.

Vor einer Spende müssen zwei erfahrene Ärzte unabhängig voneinander den unumkehrbaren Ausfall der Hirnfunktionen (Hirntod) feststellen.

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