Holocaust-Gedenktag

Merkel: „Antisemitismus ist noch Teil unserer Gesellschaft“

Überlebende des Holocaust besuchten am Gedenktag anlässlich der 74-jährigen Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz das damalige Stammlager. Am Eingang prangt der zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“.

Überlebende des Holocaust besuchten am Gedenktag anlässlich der 74-jährigen Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz das damalige Stammlager. Am Eingang prangt der zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“.

Foto: KACPER PEMPEL / REUTERS

Berlin   Vor 74 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Bundeskanzlerin ruft am Gedenktag zu „null Toleranz“ gegen Rassenwahn auf.

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Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Für rund 1,5 Millionen Menschen, die in Auschwitz ihr Leben ließen, vergast in den Kammern, verhungert, zu Tode misshandelt, kam die Hilfe zu spät.

Auschwitz ist zum Symbol der Verbrechen der Nationalsozialisten im Holocaust geworden. Insgesamt starben sechs Millionen Juden in der NS-Zeit.

Bundeskanzlerin warnt vor „antisemitischen Strukturen“

74 Jahre nach der Befreiung hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor den bestehenden antisemitischen Strukturen in Deutschland gewarnt. „Leider ist es auch heute noch so, dass Antisemitismus und menschenfeindliche Hetze Teil unserer Gesellschaft sind und deshalb gehen wir dagegen natürlich entschieden vor“, sagte die Bundeskanzlerin in ihrem Video-Podcast.

Jeder Einzelne müsse Verantwortung dafür tragen, „dass wir null Toleranz gegen Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit und Rassenwahn zeigen“, forderte Merkel.

Der Antisemitismus habe in Deutschland verschiedene Auswüchse. Einerseits würden Teile der „hiesigen Bevölkerung“ Hass auf Juden und auch auf Israel hegen. Andererseits brächten auch „zugewanderte muslimische Menschen diesen Hass auf ganz andere Weise noch einmal zum Ausdruck“, sagte die Kanzlerin.

Außenminister Maas kritisiert „rechtspopulistische Provokateure“

Dem Antisemitismus entgegenzutreten, sei „leider in unserer heutigen Zeit wieder von großer Dringlichkeit“, sagte Merkel. Die Bundeskanzlerin wies auf die Schaffung einer bundesweiten Meldestelle hin, in der antisemitische Vorfälle dargelegt werden können. Auch im Internet unter report-antisemitism.de können antisemitische Vorfälle gemeldet werden.

Auch Außenminister Heiko Maas (SPD), warnte vor anwachsenden antisemitischen Tendenzen. In einem Gastbeitrag in der „Welt am Sonntag“ schrieb Mass: „Wir sehen, wie in ganz Europa Nationalismus propagiert wird und Feindbilder genutzt werden, um die eigene dumpfe Ideologie zu rechtfertigen. Rechtspopulistische Provokateure relativieren den Holocaust - im Wissen, dass ein solcher Tabubruch maximale Aufmerksamkeit beschert.“

Vor allem die Digitalisierung beschleunige diese Tabubrüche: „Was einst am Stammtisch geraunt wurde, wird nun mit einem Klick für alle Welt öffentlich“, schrieb der Außenminister.

Wie soll in Zukunft an den Holocaust erinnert werden?

Einig sind sich die Spitzenpolitiker, dass die Erinnerungskultur gestärkt werden müsse. Über die konkrete Ausgestaltung, wie am besten der Verbrechen des Nationalsozialismus gedacht werden könne, äußerten die Politiker verschiedene Ansichten.

Bundeskanzlerin Merkel nahm private Initiativen wie die „Stolpersteine“ in den Blick. Diese würden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. „Menschen, die heute aufwachsen, müssen wissen, wozu Menschen in der Vergangenheit fähig waren. Und aktiv müssen wir darauf hinwirken, dass sich so etwas niemals wiederholt“, sagte Merkel in ihrem Video-Podcast.

Antisemitismus-Beauftragter wirbt für interaktive Gedenkformen

Maas möchte „neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen.“ Erinnerungsprojekte sollten verstärkt zu Erkenntnisprojekten werden, so Maas. Die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck forderten, „Aufklärung und Zivilcourage im täglichen Leben immer wieder neu zu verankern und zu vertiefen.“

Ähnlich sieht es der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein. Im Deutschlandfunk warb er für „interaktive Formen, wo zum Beispiel der eigenen Betrieb, die eigene Firma, die eigene Institution, in der man ist, sich Gedanken macht, wie sie in der nationalsozialistischen Zeit gehandelt hat, was mit den damaligen Kollegen passiert ist.“

Gedenkfeiern in Auschwitz und im Bundestag

In Auschwitz selbst fand eine Gedenkfeier im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau statt. In Birkenau starben die meisten Auschwitz-Insassen. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nahm an der Gedenkfeier teil und legte einen Kranz in der Gedenkstätte des ehemaligen Lagers nieder.

Auch der deutsche Bundestag wird den Ermordeten gedenken. Am Donnerstag, 31. Januar, wird der Holocaust-Überlebende und Historiker Saul Friedländer, dessen Eltern in Auschwitz umgebracht wurden, im Plenum eine Gedenkrede halten. Die Gedenkstunde wir ab 9 Uhr live auf www.bundestag.de übertragen.

In vielen Programmkinos läuft zudem Steven Spielbergs Spielfilm „Schindlers Liste“, der die Geschichte von Oskar Schindler erzählt, der in seiner Emailwarenfabrik in Krakau, also unweit des Konzentrationslagers Auschwitz, Juden versteckte und sie so vor dem Tod rettete. (dpa/tki)

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