Stiftung Mercator

Mercur-Projekt liefert Politikern wissenschaftliche Fakten

Sie knüpfen das Mercur-Netzwerk: Winfried Schulze, Kiyomi von Frankenberg und Gunter Friedrich (v.l.).

Sie knüpfen das Mercur-Netzwerk: Winfried Schulze, Kiyomi von Frankenberg und Gunter Friedrich (v.l.).

Foto: Volker Hartmann

Essen.   Ein Projekt der Essener Stiftung Mercator will zwischen Wissenschaftlern und Politikern Netzwerk knüpfen. Ziel ist eine „bessere Politik“.

Die Bonner Klimakonferenz zeigt es wieder einmal: Politik braucht Wissenschaft. Ohne die Erkenntnisse der Forscher zum Klimawandel blieben politische Entscheidungen im luftleeren Raum. „Es gibt Politiker, die glauben, dass sie ohne Fachleute auskommen können. Diese Vorstellung ist absurd“, sagte der Bielefelder Soziologe Peter Weingart. Politiker und Wissenschaftler müssten sich besser aufeinander einstellen – doch zuerst müssen sie überhaupt miteinander reden.

Netzwerke bilden, Kontakte knüpfen, Brücken bauen zwischen Politik und Wissenschaft – genau dies ist das Ziel eines neuen Programms von Mercur, das zur Essener Stiftung Mercator gehört. Das Mercur-Projekt „Science Policy Networks“ will Professoren der drei Ruhrgebiets-Universitäten Duisburg-Essen, Bochum und Dortmund mit Führungskräften aus den Düsseldorfer Ministerien zusammenbringen – ein bisher einzigartiges Vorhaben in NRW.

„Vorbild für uns ist das Netzwerk der University of Cambridge in Großbritannien“, erläutert Kiyomi von Frankenberg, die das Vorhaben leitet. Das britische Projekt entstand aus dem Unmut vieler Forscher darüber, dass ihre Ergebnisse von der Politik unbeachtet blieben. Das erklärte Ziel lautet: Eine bessere Politik durch die Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dies gelte auch für den Essener Vorstoß, betont Mercur-Direktor Winfried Schulze: „Die Politik kann von dem Wissen profitieren, fundiertere Entscheidungen treffen und so besser werden.“

Ruhrgebiets-Unis im Fokus

Zudem sollen die Unis im Ruhrgebiet mit ihrem breiten Fächerspektrum stärker in den Fokus des Düsseldorfer Politikbetriebs rücken. „Die Hochschulen haben eine wichtige Aufgabe im Ruhrgebiet. Der Strukturwandel kann nur mit Hilfe der Wissenschaft gelingen. Das muss gefördert werden mit allen Mitteln“, betont Schulze.

Von dem Netzwerk sollen also am Ende alle Beteiligten etwas haben: Die Politik erhält wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlagen, und die Wissenschaft findet einen direkten Weg in die politische Praxis und gewinnt Aufmerksamkeit. „Wissenschaftliche Politikberatung? Ja, das könnte daraus entstehen“, sagt Schulze. Ziel sei es, dass die Ministerialverwaltung nach einiger Zeit zu verschiedenen Fragen auf ein Netz an Experten zurückgreifen kann.

Beratungen in vielen Bereichen möglich

Doch wie soll das Wissen zur Politik kommen, was ist konkret geplant? „Viele Themen sind möglich, wir beginnen mit dem Bereich Digitalisierung“, sagt Mercur-Geschäftsführer Gunter Friedrich. In vielen weiteren Bereichen seien Beratungen möglich: In den Materialwissenschaften, bei der IT-Sicherheit, Verkehr, Logistik, genetischer Medizin, Mobilität, Umwelt, Datenverarbeitung, Klimawandel – zu allen Themen hat die Wissenschaft im Ruhrgebiet etwas zu sagen.

In kleinen Gesprächsrunden, Workshops oder größeren Konferenzen sollen ab 2018 ausgewählte Führungskräfte aus der Ministerialbürokratie mit Professoren der Universitäten einen intensiven Fachaustausch beginnen. Mercur übernimmt die Organisation und wählt die passenden Forscher für das jeweilige Thema aus. „Das Echo aus den Ministerien ist bereits sehr positiv“, sagt Projektleiterin Kiyomi von Frankenberg. Und auch die Wissenschaftler hätten sich sehr interessiert an einem Austausch gezeigt.

Zwei Welten treffen aufeinander

Dass dabei zwei Welten aufeinander treffen, ist den Beteiligten klar. Die Politik denkt eher kurzfristig, will pragmatische Lösungen und schaut meist nur bis zur nächsten Wahl. Die Wissenschaftler aber denken in Projekten, arbeiten langfristig und haben selten eine Patentlösung zu bieten. Politiker interpretieren Erkenntnisse stets in einem politischen Zusammenhang – wie kann ich damit Entscheidungen begründen, wie stärkt das meine Politik, was sagt der Wähler?

Wissenschaftler denken nicht in politischen Strategien, sie betrachten Probleme von vielen Seiten, bieten Forschungserkenntnisse an, die immer vorläufig sind. Diese unterschiedlichen Welten will das „Science Policy Network“ zusammenbringen und nutzbar machen für eine bessere Politik.

In Zeiten von „Fake News“ und „alternativer Fakten“ müsse sich die Wissenschaft insgesamt stärker einmischen und sich mehr Gehör verschaffen, findet Gunter Friedrich: „Die Forscher müssen raus aus dem Elfenbeinturm und mit Politik und Verwaltung arbeiten, um Entscheidungen zu fördern, die auf Fakten basieren.“

Wie einerseits zäh, andererseits aber notwendig dies ist, beweist erneut die Klimakonferenz in Bonn.

>> Mercur fördert seit 2010 die Zusammenarbeit

Das Mercator Research Center Ruhr (Mercur) ist eine 2010 von der Stiftung Mercator gegründete Einrichtung und der in der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr) verbundenen Unis Duisburg-Essen, Bochum und Dortmund.

Mercur fördert Forschungsvorhaben, die von den drei Unis gemeinsam betrieben werden. Zudem unterstützt Mercur die Global Young Faculty, in der Nachwuchsforscher der Region zusammenarbeiten.

Ziel von Mercur ist es, die wissenschaftliche Kooperation im Ruhrgebiet zu stärken und so den Wandel der Region zu befördern. Für diesen Zweck flossen bisher rund 45 Millionen Euro.

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