Kommentar

Schmaler Grat zwischen Krisenmanagement und Polit-PR

| Lesedauer: 3 Minuten
Steinmeier und Laschet besuchen Krisenhelfer in Erftstadt

Steinmeier und Laschet besuchen Krisenhelfer in Erftstadt

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet haben das besonders stark von der Hochwasserkatastrohe getroffene Erftstadt besucht und mit Helfern und Betroffenen gesprochen.

Beschreibung anzeigen

Wie eine verstörende Szene Laschets Image als fürsorgenden Landesvater konterkariert, kommentiert unser Redakteur Michael Backfisch.

Naturkatastrophen: Die Menschen in Deutschland hatten lange Zeit das Gefühl, dass dies weit weg von ihrem Zuhause passiert. Hurrikans im Golf von Mexiko gehörten dazu, Tsunamis in Ostasien, vernichtende Dürren in Afrika. Seit der desaströsen Flut in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Sachsen oder Bayern ist klar, dass auch Deutschland nicht von Wetter- und Klimaextremen verschont bleibt.

Derartige Naturkatastrophen sind zum einen eine politische Herausforderung: Es geht um Schadensermittlung, Hilfe und die richtigen Lehren. In der Stunde der Krise zählt jedoch auch die menschliche Dimension.

Der Politiker und die Politikerin sind auch als Tröster, Heiler und Mitfühlende gefragt. Da Notsituationen immer auch die Möglichkeit zur Profilierung bieten, versprechen sich Politiker durch ihre Präsenz vor Ort Pluspunkte in der öffentlichen Wahrnehmung.

Sie wollen als Kümmerer und Macher rüberkommen, zumal in Wahlkampfzeiten. Das gilt für Kanzlerkandidaten wie Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) – allerdings ohne Pressebegleitung –, aber auch für Ministerpräsidenten wie Markus Söder (CSU) und Malu Dreyer (SPD).

Menschen haben ein feines Gespür, was authentisch ist

Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen Krisenmanagement und Polit-PR in eigener Sache. Der Auftritt vor der Kulisse der Zerstörung kann das Bild von Politikern als zuhörende und zupackende Verantwortliche prägen oder sie als Zauderer und Selbstdarsteller entlarven. Die Menschen haben ein feines Gespür, was authentisch ist und wo ein Schaulaufen vor den Wählern stattfindet.

Der Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag im überfluteten Eifeldorf Schuld verströmte Empathie und Authentizität. Merkel kam im schlichten schwarzen Wolljäckchen, redete auf Augenhöhe mit Feuerwehrleuten. Sie verstieg sich nicht in bombastische Formulierungen, sondern sagte einfach: „Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet ist.“

Und sie kündigte umfassende Hilfe vonseiten des Bundes an. Merkel, die am Ende ihrer Amtszeit steht und keine politischen Ambitionen mehr hat, signalisierte damit persönliche Betroffenheit und Handlungsbereitschaft.

CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet kann dieses Prädikat nicht für sich beanspruchen. Bei der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonnabend im nordrhein-westfälischen Erftstadt steht er im Hintergrund und scherzt mit Umherstehenden.

Während Steinmeier sein Mitgefühl gegenüber den Hinterbliebenen der Flutopfer ausdrückt – „Ihr Schicksal zerreißt uns das Herz“ –, lacht Laschet. Eine verstörende Szene, die Laschets Image als fürsorgenden Landesvater konterkariert. Auch wenn Politiker im Zeitalter sozialer Medien unter Dauerbeobachtung stehen: Ein derartiger Fauxpas darf nicht passieren. Er kostet Glaubwürdigkeit.

Gerhard Schröder (SPD) machte es bei der Elbe-Flut im August 2002 anders. Er stapfte in Regenjacke und Gummistiefeln durch den Schlamm im überschwemmten Osten. Medienwirksame Bilder des Tut-was-Kanzlers, die aber durch effizientes Krisenmanagement unterfüttert wurden.

Ähnlich agierte Helmut Schmidt (SPD) bei der Sturmflut in Hamburg 1962. Der damalige Polizeisenator koordinierte Polizei, Rettungsdienste und Katastrophenschutz, ohne ausdrücklich durch das Grundgesetz legitimiert zu sein. Ein Einsatz, der ihm große Popularität verschaffte und den Weg zur Kanzlerschaft ebnete.

Fazit: Katastrophen können das Image von Politkern positiv formen. Bilder allein reichen aber nicht. Echte Empathie, schnelle und umfassende Hilfe sowie die Bereitschaft, Lehren aus der Krise zu ziehen, müssen dazukommen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Politik

Leserkommentare (6) Kommentar schreiben