Studienbeginn

Wie Studienanfänger zu Hause in das erste Semester starten

Berivan Güzel (19) studiert ab November Medienwissenschaft und Englisch an der Ruhr-Universität in Bochum. Laurenz Grigoleit (18) beginnt ein Studium im Fach Management and Economics.

Berivan Güzel (19) studiert ab November Medienwissenschaft und Englisch an der Ruhr-Universität in Bochum. Laurenz Grigoleit (18) beginnt ein Studium im Fach Management and Economics.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Essen.  Wegen der Corona-Krise beginnen die Vorlesungen erst im November. Viele Studienanfänger müssen sich zu Hause durch das erste Semester kämpfen.

Raus aus dem Elternhaus und rein ins Studentenleben: Mit dem Ende der Schulzeit und dem Start ins Studium beginnt für viele junge Erwachsene ein völlig neuer Lebensabschnitt. Doch nach abgesagten Abi-Feiern kommt für viele Erstsemester der nächste Frust.

„Ich wollte im November eigentlich nach NRW ziehen“, sagt Negar Golivand aus Hamburg. Die 20-Jährige beginnt in einigen Wochen ihr Soziologie-Studium an der Universität Duisburg-Essen. Doch die Krise bereitet der Studienanfängerin Sorgen: Ist es sinnvoll, jetzt in eine andere Stadt zu ziehen? Wo trifft man neue Leute? Und ist überhaupt Leben an der Uni?

„Erstsemester haben immer viele Fragen“, sagt Anja Laroche, Studienberaterin an der Uni Duisburg-Essen. Doch in diesem Jahr könnten sich die Studienanfänger nicht beim „Ersti-Frühstück“ oder auf Studentenpartys mit ihren Studienkollegen austauschen. „Sie sitzen an ihrem ersten Tag zu Hause, wollen mit ihrem Studium beginnen, wissen aber gar nicht, wie.“

Rund 100.000 Studenten beginnen im November ihr Studium in NRW

Mit ihren Bedenken ist Negar Golivand nicht alleine. Rund 100.000 junge Erwachsene beginnen im November ihr Studium in NRW. Viele von ihnen sind verunsichert, denn die Hochschulen kehren auch im Wintersemester nicht zur Präsenz-Lehre zurück. Stattdessen bieten die Universitäten ein hybrides Semester an. Einige Seminare und Übungen finden wieder vor Ort statt. Vorlesungen mit mehreren hundert Studenten wird es weiterhin nur in digitaler Form geben.

„Vor allem die Studienanfänger sollen von den Präsenzveranstaltungen profitieren“, sagt Eva Prost, Sprecherin der TU Dortmund. Den Campus und die anderen Studenten kennenlernen, das gehe eben nur schlecht von zu Hause aus. „Alle Studienangebote werden aber so gestaltet, dass niemand einer Präsenzpflicht nachkommen muss.“ In Fächern mit großem Praxisanteil wie Medizin, Naturwissenschaften, Kunst, Musik oder Sport seien Präsenzveranstaltungen jedoch häufig die bessere Wahl.

„Ich studiere BWL – wer noch?“

Um den Erstsemestern den Studienstart zu erleichtern, hat die Uni Duisburg-Essen eine digitale Vortragsreihe, das „Erstsemester-Spezial“, ins Leben gerufen. In Live-Interviews beantwortet die Studienberatung Fragen rund um das Studium, etwa zur Finanzierung, zum Wohnen oder Studieren im Ausland.

„Besonders schön finde ich, dass die Studienanfänger diese Möglichkeit nutzen, um sich untereinander zu vernetzen“, sagt Studienberaterin Anja Laroche. Kommentare wie „Ich studiere BWL – wer noch?“ würden immer wieder im Chat auftauchen. „Die schönen zufälligen Begegnungen in der ersten Vorlesung oder bei der Campus-Führung gibt es in diesem Semester eben nicht.“

„Erstis“ sprechen auf Instagram über den Studienstart an der Ruhr-Uni

Laurenz Grigoleit (18) und Berivan Güzel (19) beginnen ihr Studium im November an der Ruhr-Universität in Bochum. Obwohl die beiden frisch gebackenen Abiturienten selbst noch ganz am Anfang stehen, wollen sie bereits jetzt andere Studierende beim Start unterstützen. Jede Woche sprechen sie in kurzen Videos auf Instagram über die wichtigsten Informationen rund um das Studium – von Ersti zu Ersti sozusagen.

„Viele sind bereits jetzt panisch“, sagt Laurenz Grigoleit. Vor allem der Stundenplan, den viele Studenten selbst erstellen müssen, bereite den Erstsemestern Sorgen. „Man wird eben nicht mehr so an die Hand genommen wie in der Schule.“

Doch auch die beiden „Experten“ sind aufgeregt. „So richtig vorbereitet fühle ich mich nicht“, gibt Berivan Güzel zu. „Ich habe Angst, Fristen oder Termine zu verpassen.“ Aber auch das Digitale bereitet ihr Bauchschmerzen. „Was, wenn ich mit den Online-Vorlesungen nicht zurechtkomme?“

Digitales Semester: Der ein oder andere Studienabbrecher könnte dazukommen

Die allermeisten Fakultäten stellen ihren Studierenden daher digitale Plattformen zum gemeinsamen Austausch zur Verfügung. „Wir hoffen, dass sich so schon zu Beginn des Semesters Lerngruppen bilden“, sagt Sven Zimmermann, Studienfachberater der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik in Bochum. Denn erfahrungsgemäß seien diese „essenziell für den Lernerfolg im Studium“.

Maximal 4500 der insgesamt rund 42.000 Studenten sind derzeit auf dem Campus in Bochum erlaubt. Gemeinsam in der Bibliothek sitzen und lernen – das geht momentan nicht. „Die Abbrecherquote in den MINT-Fächern ist einfach höher“, sagt Zimmermann. Wenn Studenten sich zuhause alleine durch den Stoff kämpfen müssen, könnte der ein oder andere Studienabbrecher wohl noch dazukommen. „Wir hoffen daher, dass unsere Angebote auch genutzt werden.“

Soziologie-Studentin bleibt vorerst in Hamburg

Trotz allem bleibt Negar Golivand vorerst in Hamburg. Bis Februar, wenn die ersten Prüfungen an der Universität Duisburg-Essen geschrieben werden, möchte sie allerdings ihre erste eigene Wohnung in NRW gefunden haben.

„Ich lasse mir bei der Suche einfach ein wenig Zeit“, sagt die 20-Jährige. Angst, währenddessen etwas zu verpassen, hat sie keine. „Ich denke nicht, dass die Dozenten uns vergessen.“

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