Grüner Oberbürgermeister

Wie ein Wissenschaftler als OB die Stadt verändern will

Uwe Schneidewind (Grüne) will als neuer Oberbrürgermeister der Stadt Wuppertal die ökologische Wende voranbringen. Dabei setzt er auf die Unterstützung der CDU im Stadtrat.

Uwe Schneidewind (Grüne) will als neuer Oberbrürgermeister der Stadt Wuppertal die ökologische Wende voranbringen. Dabei setzt er auf die Unterstützung der CDU im Stadtrat.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Wuppertal.  Uwe Schneidewind ist Vordenker der ökologischen Wende. Als OB von Wuppertal hat der Grüne nun die Chance, dies in die Praxis umzusetzen

Uwe Schneidewind hat die Seiten gewechselt. Der Wissenschaftler und ehemalige Leiter des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie ist der neue grüne Oberbürgermeister von Wuppertal. In der OB-Stichwahl hat er sich überraschend gegen seinen Vorgänger Andreas Mucke (SPD) mit 53,5 Prozent durchgesetzt. Der angesehene Ökonom gilt als Vordenker einer tiefgreifenden ökologischen Wende, die er in seinem Buch „Die große Transformation“ beschrieben hat. Christopher Onkelbach fragte den 54-Jährigen, wie er seine Erkenntnisse nun in der Praxis umsetzen will und ob ihm die Bürger dabei folgen werden.

Prof. Schneidewind, warum wollen Sie jetzt Politik statt Wissenschaft machen?

Uwe Schneidewind: Weil mich Veränderungsprozesse interessieren. Die Stadt ist im Aufbruch, wer etwas voranbringen will, findet hier ein hochinteressantes Umfeld. Die Stadt hat oft gezeigt, wie Wandel geht, etwa mit der Schwebebahn: Wir zeigen der Welt, dass man den Eiffelturm auch quer legen kann! Dieser Geist lebt noch in der Stadt. Manche sagen, Wuppertal ist das Leipzig des Westens, eine unterbewertete Stadt aber voller Potenziale. Ich will dabei helfen, sie hervorzuholen.

Ist das nicht eine ungewohnte Rolle für einen Forscher?

Für mich persönlich ist das kein krasser Wechsel. Ich lebte ja auch als Leiter des Wuppertal Instituts nicht im Elfenbeinturm, war immer nah an der Politik. Ich bin begeistert von dieser Stadt, und das haben auch andere bemerkt. Daher sind Grüne und CDU an mich herangetreten und haben mich gefragt, ob ich mir das OB-Amt vorstellen kann.

Aber jetzt sind Sie erstmal nicht als Politiker, sondern als Corona-Krisenmanager gefragt…

Ich stoße hier auf ein gut eingespieltes Team. Der Stadtdirektor leitet den Krisenstab in enger Abstimmung mit dem Gesundheitsdezernenten, das wird so bleiben. Ich habe nicht den Anspruch ins Amt zu kommen und sofort alles zu verändern. Als OB muss ich aber an die Verantwortung der Bürger appellieren und eine Balance finden zwischen den wirtschaftlichen Belangen und dem Gesundheitsschutz. Diese Verantwortung nehme ich gerne an.

In der Wissenschaft geht es um Fakten, in der Politik um Kompromisse und Argumente – wie wollen Sie den Spagat meistern?

Ich bin im wissenschaftlichen Kern Transformationsforscher. Ich versuche zu verstehen, wie sich Gesellschaften verändern. Dabei geht es nicht immer um Fakten, sondern auch um Interessenlagen. Kompromisse und Argumente sind daher schon immer Teil meiner Arbeit und Gegenstand meiner Forschung.

Gab es Vorbehalte gegen Sie?

Es gab vereinzelt den Versuch, meine Eignung als Politiker infrage zu stellen. Doch ich passe nicht in die Schablone eines reinen Wissenschaftlers. Ich habe mit dem Wuppertal- Institut und der Universität Oldenburg große Organisationen geleitet, Menschen geführt und motiviert. Das war nicht sehr weit weg von den Aufgaben eines OB.

Wollen Sie nun in Wuppertal die „Große Transformation“ im Kleinen umsetzen?

Seit 30 Jahren erforschen wir den Klimawandel, die Probleme und Ziele sind klar. Doch wir sehen, wie schwer es der Wirtschaft und der Gesellschaften fällt, etwas zu verändern. Die Erkenntnisse, was Prozesse beschleunigt oder bremst, werden meine Arbeit als OB bestimmen.

Was meinen Sie damit konkret?

Wir brauchen eine neue Mobilität, der Fuß- und Fahrradverkehr muss gestärkt werden, ebenso der ÖPNV. Wir brauchen neue Leitbilder für eine lebenswerte Innenstadt. Städte, die das verschlafen, werden künftig gewaltige Probleme haben. Dort werden viele nicht mehr leben wollen.

Bei dem Begriff „Verkehrswende“ zucken aber viele Bürger zusammen…

In Wuppertal ist das Verkehrsthema emotional sehr aufgeladen. Man stellte mich im Wahlkampf als Autoschreck dar. So einen wie Sie muss man verhindern, hat man mir ins Gesicht gesagt. Ich habe verstanden, dass man die Menschen bei dem Thema mitnehmen muss. Eine autofreie Innenstadt ist jetzt nicht unser vordringlichstes Thema, das würde uns in vielen anderen wichtigen Punkten blockieren. Wir werden uns nicht an die Spitze der Bewegung setzen.

Was packen Sie zuerst an?

Ich habe ein 100-Tage-Programm formuliert. Ich will Lust auf Veränderung erzeugen. Das beginnt bei der Verwaltung. Wenn die 5000 Mitarbeiter nicht mitziehen, kann ich mich als OB auf den Kopf stellen. Ich will Wupertal noch interessanter für Menschen machen, die hier investieren wollen und Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der Stadt herstellen: Hey, hier passiert was, hier engagiere ich mich.

Wo bleibt der grüne Aspekt?

Ich möchte den Ausbau regenerativer Energien vorantreiben, die Abfall- und Kreislaufwirtschaft forcieren, den Flächenverbrauch reduzieren, die Innenstadt aufwerten. Bei diesen Themen gibt es große Schnittmengen in der Stadtgesellschaft. Wir wollen außerdem die diskriminierungsfreiste Stadt Deutschlands werden.

Wie wollen Sie die Menschen mitnehmen?

Ich komme nicht mit einer ideologischen Blaupause, die ich der Stadt überstülpe. Ich kenne die Arroganz mancher Wissenschaftler die meinen: Ich weiß, was vernünftig ist, also wird das nun umgesetzt. Diese Haltung wäre fatal und zutiefst undemokratisch. Als Wissenschaftler und Politiker habe ich ein tiefes Vertrauen darin, dass es die Kraft der besseren Argumente gibt für einen Wandel der Gesellschaft.

Steht die CDU dabei an ihrer Seite?

Ja. Ich habe eine schwarz-grüne DNA. Ich bin Wirtschaftswissenschaftler, eine gewisse ökonomische Vernunft ist mir wichtig, das ist der Bezug zur CDU. Ebenso mein Engagement in der evangelischen Kirche in den vergangenen zehn Jahren. Das schwarz-grüne Kernbündnis in Wuppertal ist für mich mehr als eine Notgemeinschaft. Wir können hier Vorreiter sein für Entwicklungen im Land und im Bund.

Wer wäre in diesem Sinne der beste neue CDU-Vorsitzende?

Ich gebe keine Wahlempfehlung ab. Aber eine CDU mit progressivem Kurs und christlichem Kompass kommt meiner politischen Überzeugung nahe. Und dafür steht Armin Laschet eher als Friedrich Merz.

>>>> Zur Person:

Uwe Schneidewind (54) führt in Wuppertal ein schwarz-grünes Bündnis, das mit insgesamt 36 von 80 Sitzen (CDU 20, Grüne 16) im Stadtrat keine Mehrheit hat. Damit ist der OB auf wechselnde Mehrheiten angewiesen. Die SPD bleibt im Rat mit 23 Sitzen größte Fraktion. Mit Katja Dörner (Bonn) und Sibylle Keupen (Aachen, ohne grünes Parteibuch) führen nun drei „grüne“ OB eine Großstadt in NRW.

Der Professor für „Innovations-Management und Nachhaltigkeit“ leitete zehn Jahre lang das Wuppertal Institut und gilt als einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen. Von 2004 bis 2008 war er Präsident der Universität Oldenburg. Er beriet die Bundesregierung als Mitglied des „Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen“ (2013-2020) in ökologischen Fragen und arbeitete von 2011 bis 2017 im Präsidium des evangelischen Kirchentags. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

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