Schule

Warum immer mehr Abiturienten Einser-Abis schaffen

Immer mehr Schüler erzielen im Abitur sehr gute Noten. Lehrer- und Hochschulverbände beklagen eine sinkende Qualität des Abiturs.

Immer mehr Schüler erzielen im Abitur sehr gute Noten. Lehrer- und Hochschulverbände beklagen eine sinkende Qualität des Abiturs.

Foto: Foto: Roland Weihrauch / dpa

Dortmund.  Fast jeder vierte Abiturienten hatte in NRW eine Eins vor dem Komma. Die Bildungsforscherin Nele McElvany sieht mehrere Gründe für diesen Trend.

Der Trend zu sehr guten Abiturnoten hält an. Etwa jeder vierte Abiturient hatte im vergangenen Jahr eine Eins vor dem Komma auf dem Zeugnis, 2008 war es noch jeder Fünfte. Auch in Nordrhein-Westfalen lässt sich diese Entwicklung beobachten. Hatten nach aktuellen Zahlen der Kultusministerkonferenz (KMK) im Jahr 2015 gut 22 Prozent der Abiturienten einen Notenschnitt von mindestens 1,9, waren es 2017 bereits knapp 24 Prozent. Hochschul- und Lehrerverbände beklagen eine „Noteninflation“, die Qualität des Abiturs sinke stetig. Sind die Schüler heute fleißiger als früher oder sind die Prüfungen einfacher geworden? Darüber sprach Christopher Onkelbach mit der Bildungswissenschaftlerin Nele McElvany, Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund.

Frau Professor McElvany, sind die Schüler heute schlauer als früher?

Nele McElvany: Es wäre schön, wenn man die Zahlen so interpretieren könnte. Aber dafür liefern die Daten der Schulleistungsstudien keine Hinweise.

Wie erklärt sich dann der Trend zu besseren Noten im Abitur?

Genau weiß man das nicht, hier spielen vermutlich mehrere Prozesse hinein. Es gibt heute andere Aufgabentypen als früher, die durch Bildungsstandards stärker vereinheitlicht wurden. Auch eine veränderte Bewertung der Leistungen ist nicht auszuschließen. Zudem stehen die Schulen immer stärker im Wettbewerb untereinander.

Das führt dazu, dass Lehrer bessere Noten geben?

Die Schulen stehen unter wachsendem Druck, einen guten Notenschnitt im Abitur zu erzielen. Eltern schauen sich die weiterführenden Schulen für ihre Kinder genau an und verwechseln womöglich gute Abschlüsse mit einer guten Schule. Manche Eltern setzen Lehrer unter Druck. Jeder kennt die Szenen, wo Eltern mit einem Anwalt drohen, wenn sie mit der Notengebung nicht einverstanden sind. Es gibt höhere Ansprüche von Eltern – und auch von Schülern.

Sind Schüler mehr als früher auf einen guten Abischnitt aus?

Der Numerus clausus in vielen Studienfächern erhöht den Druck auf die Schüler, einen guten Schnitt zu erreichen. Aber das führt zu einem verrückten Kreislauf. Denn wenn alle bessere Noten haben, geht auch der NC hoch.

Sind die Schüler deshalb fleißiger als früher?

Das wäre eine denkbare Erklärung, lässt sich aber empirisch nicht belegen. Dazu müsste man messen, ob zum Beispiel die Lernzeiten angestiegen sind. Schüler durchschreiten womöglich zielgerichteter die Oberstufe und wählen Kurse, in denen sie gute Noten erzielen können.

Plädieren Sie für eine strengere Notenvergabe?

Als Bildungsforscherin sage ich: Nicht die Note ist entscheidend, sondern die Kompetenzen, die den Schülern vermittelt werden. Die Frage ist: Erreichen Sie die Fähigkeiten, die sie für ein erfolgreiches Studium oder eine Berufsausbildung benötigen?

Sagen die Noten zu wenig aus über die Fähigkeiten der Schüler?

Die Abi-Noten sind nicht das zentrale Problem. Spätestens im Studium sehen wir, dass vielen Schülern etwa Grundkenntnisse in Mathematik fehlen. Auch die Rechtschreibung ist oftmals ein Drama. Ein wesentlicher Punkt ist auch, dass im Studium große Textmengen mit oft kompliziertem Inhalt bewältigt werden müssen. Darauf müssen die Schulen ihre Schüler vorbereiten.

Wieso sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern so groß?

Sachsen schneidet auch bei den Kompetenztests regelmäßig gut ab, ebenso Thüringen oder Bayern. Aber insgesamt sind die Abi-Noten nur schwer vergleichbar. Es spielen auch unterschiedliche Vorgaben und Bewertungen der Länder oder Fächerkombinationen eine Rolle.

Das Zentralabitur sollte die Noten doch vergleichbarer machen.

Wir haben kein richtiges Zentralabitur in Deutschland. Die Bundesländer können sich aus dem Aufgabenpool bedienen, sie können eine Auswahl treffen oder Aufgaben abändern und die Leistung unterschiedlich bewerten.

Wie müsste ein echtes Zentralabitur aussehen?

Die Abiturprüfungen müssten in allen Bundesländern gleichzeitig stattfinden, mit den gleichen Aufgaben und der gleichen Bewertung. Das ist derzeit aber politisch unrealistisch. Die Länder möchten ein Stück weit die Kontrolle darüber behalten, wie das Abitur geregelt wird.

Streben heute zu viele junge Menschen das Abitur an?

Das ist eine gesellschaftliche Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt. Für viele Ausbildungsberufe wird heute das Abitur erwartet. Und auch Akademiker sind gefragt, es fehlen ja Lehrer, Ärzte und Ingenieure.

Halten Sie die regelmäßig aufflammende Diskussion über die Abinote für überbewertet?

Die Kompetenzfrage besorgt mich, nicht die Debatte um die Abinote. Es ist viel besorgniserregender, dass bestimmte Schülergruppen in Deutschland immer noch schlechtere Abschlüsse erreichen. Das betrifft vor allem Kinder mit Migrationshintergrund oder aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Darüber müssen wir uns Sorgen machen, nicht um eine vermeintliche Noteninflation.

Zur Person:

Nele McElvany (42) ist seit 2014 geschäftsführende Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der TU Dortmund. Zuvor arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und habilitierte sich an der FU Berlin. Seit 2009 hat sie eine Professur für Empirische Bildungsforschung an der TU Dortmund inne.

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