SPD Duisburg-Neudorf

Vertrauensvorschuss der SPD-Basis für die neue Führung

Diskussion über die GroKo und die Zukunft der SPD: (v.li.) Sarah Philipp, Landtagsabgeordnete, Ratsfrau Martina Stecker, Susanne Zander Vorsitzende des Ortsvereins und Ratsfrau sowie Mike Kim, stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins Neudorf. Foto:

Diskussion über die GroKo und die Zukunft der SPD: (v.li.) Sarah Philipp, Landtagsabgeordnete, Ratsfrau Martina Stecker, Susanne Zander Vorsitzende des Ortsvereins und Ratsfrau sowie Mike Kim, stellvertretender Vorsitzender des Ortsvereins Neudorf. Foto:

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Der SPD Duisburg-Neudorf blickt gespannt auf den Parteitag in Berlin. Die Basis ärgert sich über die Kritik am Duo Esken/Walter-Borjans.

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Am Freitag soll der SPD-Parteitag in Berlin das neue Spitzen-Duo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ins Amt wählen. Der Sieg dieses Teams in der Mitgliederbefragung gilt als Protest gegen das „Weiter so“ der Bundes-SPD. Sind die Mitglieder nun zufrieden? Fordern sie jetzt auch gegen den Willen der Parteielite den raschen Auszug der SPD aus der GroKo? Wir haben uns umgehört an der Basis. Im Ruhrgebiet. Im SPD-Ortsverein Duisburg-Neudorf.

Weihnachtlich-gemütlich feiern die Sozialdemokraten ihren Jahresabschluss. Auf den Tischen in der guten Stube des Squash Centers Neudorf liegen kleine Nikoläuse und Engel. Die Leuchter verbreiten warmes Licht, auf den Tellern dampfen Grünkohl und Mettwürstchen. Nach dem Kohl wartet eine Tombola mit kleinen Preisen, aber die richtige, die politische Bescherung ist schon fast eine Woche alt: Am vergangenen Samstag schenkte die Parteibasis den „Rebellen“ Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans das Vertrauen. Für die meisten Genossen hier in Duisburg ist das ein schönes Geschenk.

Wahl von Esken/Walter-Borjans ist für die Basis „keine Überraschung“

Susanne Zander, seit neun Jahren Ortsvereinsvorsitzende, ist irritiert. Die vielen Schlagzeilen mit der Botschaft, dass die Wahl von Esken und „Nowabo“, wie der frühere NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans hier genannt wird, eine „Überraschung“ war, kann sie nicht verstehen. „Uns hat das nicht überrascht“, sagt die Ratsfrau. Wohl aber die heftigen Reaktionen in der Bundeshauptstadt: Als sei da eine Katastrophe passiert, weil die Favoriten der Parteielite – Klara Geywitz und Olaf Scholz – verloren haben. Was im fernen Berlin als geradezu unerhört ankommt, ist aus Sicht vieler SPD-Mitglieder im Ruhrgebiet eher eine logische Folge. „Die SPD hat sich zuletzt etwas von den Menschen entfernt, auch in der Sprache“, sagt Mike Kim, stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender. Die Basis hier in Neudorf empört sich über die Empörung, die die Wahl des künftigen Spitzen-Duos in der Bundespolitik ausgelöst hat.

Von den Menschen entfernt haben sich die etwa 40 Feiernden jedenfalls nicht. „Wir sind bei jedem Straßenfest dabei, wir haben uns für Flüchtlinge engagiert, wir verteilen am Nikolaustag auf der Straße Geschenke“, erzählt Susanne Zander. Die alte „Kümmerer-SPD“, sagen sie hier an den Tischen, existiere noch im Ruhrgebiet. Der Auftrag an „Nowabo“ und Esken ist daher: Kümmert euch auch. Um die normalen Bürger. Im SPD-Parteijargon heißt das gerade: „Macht Politik für die Vielen, nicht für die Wenigen“.

Ruf nach dem GroKo-Aus leiser als erwartet

Kurz bevor der Deckel vom Grünkohlkessel gehoben wird, überreicht Susanne Zander zwei rote Parteibücher an Neumitglieder. Einer von ihnen, Ralf Ludorf, ist schon 72 Jahre alt („Der Parteieintritt war lange fällig.“), und der Kaufmann hat ein bewegtes Berufsleben hinter sich. 1993 gründete er den ersten Baumarkt in Moskau. Den Mut, Neues auszuprobieren, wünscht er sich auch von seiner SPD. Olaf Scholz, erzählt er, sei eher „in der SPD von früher verhaftet“. In der Agenda-SPD, die große Teile der Basis noch nie geschätzt haben. Der Umgang mit Esken und Walter-Borjans in den vergangenen Tagen ärgert Ralf Ludorf. „Die beiden werden schon totgeredet, bevor sie überhaupt im Amt bestätigt worden sind.“ Die Kritik an dem Duo lässt im Moment die Parteibasis eher zusammenrücken.

Mehr Mindestlohn, mehr Klimaschutz

Auffällig ist: Der Ruf, die ungeliebte GroKo sofort zu verlassen, erklingt hier im Ortsverein nicht so laut, wie man es erwarten könnte. Die neue Parteispitze hatte ja die Hoffnungen auf ein GroKo-Aus regelrecht befeuert. „Die Personalfragen sind jetzt zum Glück endlich geklärt“, sagt die Ratsfrau Martina Stecker. Die Mitglieder wurden gefragt, das sei das Wichtigste gewesen. Nun setzen viele Genossen hier auf harte Nachverhandlungen zum Koalitionsvertrag und nicht unbedingt auf den Blitz-Ausstieg. Für Susanne Zander ist ein höherer Mindestlohn ein wichtiges Verhandlungsziel, Mike Kim, ihr „Vize“, fordert mehr Klimaschutz.

Umweltthemen treiben offenbar auch viele Wähler im Ruhrgebiet um. Bei der Europawahl lagen die Grünen zum ersten Mal hier in Neudorf vor der SPD. „Und zum letzten Mal“, behauptet Sarah Philipp, die örtliche Landtagsabgeordnete, bei der Jahresabschlussfeier. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und hier, an der Basis, wahrscheinlich nie.

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