Artensterben

Umweltministerin will Ursachen fürs Insektensterben finden

Der Schwalbenschwanz wird immer seltener, auch in NRW. Dabei übernimmt er einen wichtigen Job als Bestäuber.

Der Schwalbenschwanz wird immer seltener, auch in NRW. Dabei übernimmt er einen wichtigen Job als Bestäuber.

Foto: Volkmar Brockhaus

Essen.   In NRW gibt es 75 Prozent weniger Insekten. Schuld ist nicht nur der Klimawandel. Wissenschaftler sollen nun die Gründe für den Rückgang finden.

Die Temperaturen werden milder, die ersten grünen Triebe wagen sich vorsichtig aus dem Erdreich hervor und eine Hummelkönigin sucht zwischen den Beeten im Essener Grugapark nach einem Nistplatz für ihr Volk.

Ein immer seltener werdender Anblick.

Vielerorts ist das Summen der kleinen Tierchen schon verstummt. Denn die Zahl der Insekten geht drastisch zurück. Der Naturschutzbund (Nabu) geht von einen Rückgang um 75 Prozent aus.

Nicht nur einzelne Insektenarten sind gefährdet

NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen Esser (CDU) ist alarmiert: „Nicht nur einzelne Insektenarten sind gefährdet, auch die Biomasse nimmt insgesamt ab.“ Damit droht ein wichtiger Wirtschaftsfaktor wegzubrechen: Bestäuber sind für 35 Prozent der Nahrungsmittelproduktion verantwortlich.

Obwohl die Entwicklung sich bereits in den vergangen Jahrzehnten abzeichnete, sind die Ursachen für den Rückgang von Käfer und Co. nicht vollständig erforscht. Das Umweltministerium hat deshalb im März eine Kooperationsvereinbarung mit der Universität in Osnabrück und dem Landesumweltamt (Lanuv) für ein Insektenmonitoring geschlossen.

In einer dreijährigen Pilotphase wollen Forscher Tagfalter und Heuschrecken beobachten. Die Gruppen sollen stellvertretend Aussagen zum Zustand der Populationen der 25.000 Insektenarten in NRW ermöglichen. „Die Arten sind eng an ihre Lebensräume angepasst und sehr gute Indikatoren für die Vielfalt an Lebensräumen“, erläuterte Prof. Thomas Fartmann, Projektleiter an der Universität Osnabrück.

Starke Bebauung raubt den Insekten Lebensräume

Flächenverlust durch starke Bebauung und der großflächige Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gelten aktuell als Hauptgründe für das Verschwinden der Insekten. Aber auch nächtliche „Lichtverschmutzung“ durch künstliche Beleuchtung und der Klimawandel schaden den Tieren.

Doch in Naturschutzgebieten geht ihre Zahl ebenfalls immer weiter zurück. Über den Rückgang in diesen Schutzzonen gibt es laut Ministerium nur Mutmaßungen. Neueste Forschungen geben etwa Windkraftanlagen die Schuld am Tod unzähliger Insekten, die in die Rotoren geraten. Düngeflugzeuge könnten aber Pestizide auch großflächiger verteilen als bisher angenommen.

Umweltministerium setzt auf Freiwilligkeit

Das Projekt soll nun Klarheit schaffen und Handlungsansätze aufzeigen, wie ein Sprecher des Ministeriums erklärte: „Das Vorhaben dient dazu, zielgerichtete Schutzkonzepte zur Förderung der Insektenvielfalt zu entwickeln.“

Statt auf konkrete Schutzmaßnahmen setzt das Umweltministerium aktuell eher auf Freiwilligkeit und Förderprogramme. Nicht unumstritten ist außerdem der Rückzieher der schwarz-gelben Landesregierung beim Flächenverbrauchsziel von fünf Hektar pro Tag. Zwar gilt das Bundesziel von täglich 30 Hektar, alleine in NRW werden jedoch jeden Tag rund zehn Hektar Freifläche bebaut. Die fehlen nicht nur der Landwirtschaft, sondern in besonderem Maße der heimischen Flora und Fauna. Dabei sind die Kommunen in einer wichtigen Schlüsselposition, denn sie treffen wesentliche Entscheidungen bei der Entwicklungsplanung.

Kommunen nehmen Insektenschutz selbst in die Hand

Und auch an anderer Stelle haben die Städte den Umweltschutz in der Hand: Da sie einen Großteil der öffentlichen Flächen besitzen, können sie dort aktiven Artenschutz für die wichtigen Bestäuber betreiben. Viele tun das bereits.

In den Revierstädten Essen, Bottrop, Oberhausen und Gelsenkirchen gibt es bereits Blühstreifen oder Blumenwiesen, die nicht gemäht werden. Der Stadtrat in Oberhausen diskutiert ein Verbot von Steingärten, weil diese Insekten wichtigen Lebensraum nehmen. Gelsenkirchen hat den Einsatz von Pestiziden und Glyphosat auf allen öffentlichen Flächen verboten.

Mit den Insekten verschwinden auch Vögel

Wie wichtig schnelle Maßnahmen zum Schutz der Krabbeltiere sind, zeigt eine andere Entwicklung: Forscher des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums berichten, dass die Zahl der insektenfressenden Vögel in den vergangenen 25 Jahren ebenfalls gesunken ist. „Die Bestände sind von 1990 bis 2015 in der Europäischen Union durchschnittlich um 13 Prozent gesunken“, so Forscherin Diana Bowler. Die Wissenschaftler sehen die Hauptursache dafür in der modernen Landwirtschaft, die Insekten mit Pestiziden schadet und Nistplätze in Hecken und an Ackerrändern verschwinden lässt.

>>> Das Lanuv überwacht seit 1997 die Biodiversität

Das Insektenmonitoring ergänzt das Biodiversitätsmonitoring des Lanuv, mit dem seit 1997 auf 191 Flächen in NRW unter anderem Biotope und Brutvögel überwacht werden. Die zufällig ausgewählten, jeweils 100 Hektar großen Areale, auf denen Daten erfasst werden, entsprechen einem Anteil von 0,5 Prozent der Landesfläche.

Die Überwachung von Insekten nimmt einen wichtigen Stellenwert ein, denn die Tiere sind für das Ökosystem unverzichtbar: Sie bestäuben nicht nur Pflanzen, sondern sind auch eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel, Reptilien, Amphibien und Säugetiere.

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