Kinderarmut

Kein Urlaub, kein Kino: Wie Armut Kinder im Revier trifft

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung waren Ende 2019 rund 2,8 Millionen Kinder bzw. 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen in Deutschland von Armut bedroht. Etwa jedes siebte Kind lebte in einer Familie, die Grundsicherung nach SGBII (Hartz IV) bezieht.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung waren Ende 2019 rund 2,8 Millionen Kinder bzw. 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen in Deutschland von Armut bedroht. Etwa jedes siebte Kind lebte in einer Familie, die Grundsicherung nach SGBII (Hartz IV) bezieht.

Foto: Christian Charisius / dpa

Essen/Gütersloh.  Eine Studie warnt vor Folgen der Kinderarmut. In einer Ruhrgebietsstadt ist der Anteil betroffener Kinder besonders hoch.

In den Städten des Ruhrgebiets steigt die Anzahl der Kinder, die von Armut betroffen sind. Das geht aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor, die am Mittwoch in Gütersloh vorgestellt wurde. Danach lebten Ende 2019 allein in Gelsenkirchen 41,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren in Familien, die Hartz IV beziehen. Das sind knapp sechs Prozentpunkte mehr als 2014. Laut Darstellung ist der Anteil der armutsgefährdeten Kinder in keiner anderen Stadt in Deutschland so hoch.

Landesweit ist der Anteil der Kinder aus Familien im Hartz-IV-Bezug seit 2014 von 18 auf 18,6 Prozent gestiegen. Die großen Ruhrgebietsstädte liegen über diesem Anteil. In Duisburg, Dortmund, Essen und Herne lebt etwa als jedes dritte Kind in einer Familie im Leistungsbezug, in Bochum, Oberhausen, Recklinghausen und Mülheim sind es über ein Viertel.

Laut Agentur für Arbeit ist der Anteil der Kinder in Hartz-IV-Familien in NRW zuletzt allerdings rückläufig gewesen. Sie beziffert ihn auf aktuell 17,6 Prozent, einen Prozentpunkt weniger als 2017. Anders als in der Bertelsmann-Studie sind hier ausschließlich Kinder gemeint, die selbst einen Leistungsanspruch haben.

Studie: 2,8 Millionen Kinder sind von Armut bedroht

Die Kinder- und Jugendarmut verharre trotz langer guter wirtschaftlicher Entwicklung seit Jahren auf einem hohen Niveau, kritisieren die Autoren der Studie. Die Folgen für die Heranwachsenden seien erheblich. Sie schlügen sich unter anderem auf das Wohlbefinden, die Bildung und die Zukunftschancen nieder.

Die Bertelsmann-Stiftung geht davon aus, dass in Deutschland rund 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche oft viele Jahre ihrer Kindheit von Armut bedroht sind. Das sind 21,3 Prozent der unter 18-Jährigen. Die Studienautoren haben zur Ermittlung dieser Zahl Angaben zum Grundsicherungsbezug in den Städten und Bundesländern mit der sogenannten Armutsgefährdungsquote kombiniert. Als armutsgefährdet gelten Kinder, wenn sie in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens beträgt. Zuletzt lag dieser Wert laut statistischem Bundesamt bei 2.385 Euro für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren.

Folgen für Kinder sind erheblich: Geldnot schränkt soziale Teilhabe ein

Vor allem bei Freizeitgestaltung und sozialer Teilhabe besteht laut Studie eine starke Unterversorgung bei Kinder aus schwierigeren Verhältnissen. Zwei Drittel der armen Kinder und Jugendlichen können laut Analyse mit ihrer Familie nicht einmal eine Woche im Jahr in Urlaub fahren. Bei vielen reiche das Geld nicht, um einmal im Monat ins Kino oder Konzert zu gehen. Klassenfahrten, Schüleraustausch oder Einladungen nach Hause seien schwierig.

Stiftungsvorstand Jörg Dräger rechnet mit einem noch deutlichen Armutsanstieg wegen der Corona-Krise. Die Folgen der Pandemie träfen Eltern benachteiligter Kinder besonders hart: Sie arbeiteten häufiger in Teilzeit oder als Minijobber und gehörten zu der Gruppe, die als erste ihren Job verliere, kaum oder kein Kurzarbeitergeld erhalte. Viele arme Kinder drohten „durchs Raster zu fallen“, so Dräger, weil zahlreiche außerhäusliche Unterstützungsangebote während des Corona-Lockdowns nicht fortgesetzt worden seien. „Die Politik tut zu wenig, um Kindern Armut zu ersparen“, kritisierte Dräger. „Gerade die Corona-Krise droht die Situation noch zu verschärfen. Die Politik muss jetzt handeln.“

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