Landtag

Corona und Kinder: Streit im Landtag um Quarantäneregeln

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NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ist sich nach eigenen Worten sicher, dass man „bald dazu übergehen kann“, nur noch infizierte Schulkinder in Quarantäne zu schicken.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) ist sich nach eigenen Worten sicher, dass man „bald dazu übergehen kann“, nur noch infizierte Schulkinder in Quarantäne zu schicken.

Foto: Federico Gambarini/dpa

Düsseldorf.  Im NRW-Landtag ging es am Donnerstag um die stark steigenden Corona-Zahlen bei Jüngeren. Künftig sollen nur noch infizierte Kinder in Quarantäne.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hat sich hinter die umstrittene Forderung von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) gestellt, künftig nur noch infizierte Schulkinder für 14 Tage in Quarantäne zu schicken. „Ich bin sicher, dass wir bald dazu übergehen können“, sagte er bei einer Sondersitzung des Landtags zu den Gefahren für Kinder und Jugendliche in der Pandemie. Bund, Länder und das Robert-Koch-Institut (RKI) bereiteten eine solche Lösung vor.

Im Moment sollen im Fall einer Corona-Infektion in einer Klasse jene Schüler in Quarantäne, die hinter oder neben dem Infizierten gesessen haben. Dennoch wurden mancherorts im Land von den Gesundheitsbehörden aus Sicherheitsgründen doch ganze Klassen in Quarantäne geschickt. Laumann bezweifelt, dass dies für hohe Quarantänezahlen sorge. „Die Behauptung, dass die Gesundheitsämter Chaos gestiftet haben, ist nicht fair“, sagte er in Richtung Opposition. Die Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern wüssten, was sie tun.

Laumann: NRW „wachsam und zuversichtlich“ vor Pandemie-Herbst

Den Vorwurf von SPD-Landtagsfraktionschef Thomas Kutschaty, die Landesregierung handele fahrlässig und gefährde die Kinder und Jugendlichen, ließ Laumann nicht gelten. Die zum Teil hohen Infektionszahlen seien durch die Urlaubsrückkehrer verursacht worden. Die Infektionszahlen unter Schülerinnen und Schülern stabilisierten sich inzwischen und würden sogar sinken.

NRW gehe „wachsam und zuversichtlich in den zweiten Herbst der Pandemie“, so Laumann. Das Land verfüge jetzt über ein Frühwarnsystem, es werde besonders viel getestet, Infektionsketten könnten unterbrochen werden, und die Impfbereitschaft der Bevölkerung sei relativ groß.

Kutschaty geht Laumann an: „Märchenstunde“

Der Gesundheitsminister sagte, die Pandemie sei inzwischen zu einer „Pandemie der Ungeimpften“ geworden. Ab der kommenden Woche würden die neuen Indikatoren ausgewiesen, auf die sich Bund und Länder geeinigt hatten. Zusätzlich zu den Inzidenzen würden dann die Neuaufnahmen in den Krankenhäusern (Hospitalisierung) und die Zahl der von Covid-Patienten belegten Intensivbetten genannt.

Die Sondersitzung am Donnerstagnachmittag war auf Antrag der SPD-Fraktion einberufen worden. NRW-SPD-Chef Thomas Kutschaty wirft der Landesregierung angesichts steigender Fallzahlen ein krasses Versagen bei der Pandemiebekämpfung vorgeworfen. „Das war zum Teil eine Märchenstunde“ warf er Laumann nach dessen Unterrichtung vor. „Tun Sie nicht so, als ob hier alles paletti sei.“ NRW habe sich in den vergangenen Wochen zum Corona-Hotspot entwickelt, die Inzidenzwerte unter Kindern und Jugendlichen seien Besorgnis erregend hoch, womöglich könnten bald Tausende Kinder in NRW an den Folgen von Long Covid leiden.

„Blankes Chaos in NRW“ bei Quarantäne-Anordnungen

Bei den Quarantäne-Anordnungen herrsche derzeit „das blanke Chaos in NRW“, so Kutschaty. Die Idee, nur noch infizierte Kinder in Quarantäne zu schicken, nannte der NRW-SPD-Chef „Harakiri mit Ansage“. Er war erneut für seinen Vorschlag, Kinder nur noch für fünf und nicht mehr für 14 Tage zu isolieren. Nach fünf Tagen solle es die Möglichkeit zum „Freitesten“ geben.

Kutschaty kritisierte scharf die aus seiner Sicht immer noch unzureichende Ausstattung der Schulen mit Luftfiltern. „Warum nehmen wir nicht ein Prozent unseres 25 Milliarden Euro großen Rettungsschirms für die Kinder und statten die Schulen mit Luftfiltergeräten aus?“, fragte er. Die SPD hatte im Vorfeld der Sondersitzung einen Sieben-Punkte-Plan mit Forderungen erstellt.

Neben den veränderten Quarantäneregeln und Luftfilter-Förderung ebenfalls auf der Liste der SPD-Forderungen: Die „3G-Regel“ müsse strenger kontrolliert werden: Gastronomen und andere Veranstalter sollten neben den Impfzertifikaten auch die Personalausweise kontrollieren müssen, um die Identität der Kunden zu überprüfen. NRW sollte außerdem die strengere „2G-Regel“ aus Hamburg übernehmen. Dort gibt die Stadt den Veranstaltern explizit die Option, nur noch Geimpfte und Genesene reinzulassen.

Während Josefine Paul (Grüne) der Regierung „Verantwortungslosigkeit“ gegenüber Kindern und Jugendlichen vorwarf, sprach FDP-Fraktionschef Christof Rasche von „Panik-Politik“ durch SPD und Grüne. Die Zahl junger Covid-Patienten auf den Intensivstationen sei sehr niedrig.

Schließung der Impfzentren sei "die völlig falsche Botschaft"

Angesichts der Besorgnis erregenden Entwicklung in den Intensivstationen müssten die Gesundheitsämter dringend wieder mit mehr Personal zur Kontaktnachverfolgung ausgestattet werden, so Kutschaty. Letzter Kritikpunkt: Die Ankündigung der NRW-Landesregierung, die Impfzentren bis Ende September zu schließen, ist nach Einschätzung des SPD-Landes- und Landtagsfraktionsvorsitzende „die völlig falsche Botschaft“. Man brauche weiter ein festes staatliches Angebot an Impf-Möglichkeiten. Nicht jeder Bürger habe einen leichten Zugang zu Haus- und Betriebsärzten.

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