Landtag NRW

Professor wirbt um Verständnis für Hochzeitskorsos

Archivbild. Polizisten stoppen einen türkischen Hochzeitskorso. Die Zahl der Polizeieinsätze wegen ausufernder türkischer Hochzeitsfeiern nimmt seit Ende der Sommerferien in NRW wieder zu.

Archivbild. Polizisten stoppen einen türkischen Hochzeitskorso. Die Zahl der Polizeieinsätze wegen ausufernder türkischer Hochzeitsfeiern nimmt seit Ende der Sommerferien in NRW wieder zu.

Foto: Thomas Kraus / dpa

Düsseldorf.  Hochzeitskorsos mit Straßenblockaden sind vergleichbar mit Straßensperren durch Fußballfans, findet der Chef des Zentrums für Türkeistudien.

Immer wieder machten zuletzt Hochzeitskorsos von Migranten aus der Türkei und aus dem arabischen Raum Schlagzeilen, bei denen sogar Autobahnen blockiert wurden. Erst am vergangenen Wochenende schritten Polizisten auf einer Autobahnraststätte bei Gütersloh gegen Teilnehmer einer Hochzeitsgesellschaft ein, die in Bielefeld eine Straße blockiert und bengalische Feuer gezündet hatten. Der Leiter des Zentrums für Türkeistudien, Haci-Halil Uslucan, wirbt dennoch um Verständnis für dieses Verhalten.

„Bei den Hochzeitskorsos eine bewusste Provokation zu sehen, scheint eine unangemessene Deutung zu sein“, schreibt der Professor der Uni Duisburg-Essen in einer Stellungnahme für den Innenausschuss des Landtages. Das Parlament beschäftigt sich am 12. September in einer Expertenanhörung mit dem Thema Hochzeitskorsos.

„Wie eine Straßenblockade durch Fußballfans“

Außenstehende sähen vor allem das Gefahrenpotenzial bei Hochzeitskorsos, erklärt Uslucan. „Diejenigen jedoch, die dort ihrer Freude Luft verschaffen, tun dies nicht explizit mit der Absicht, anderen zu schaden, sondern primär, um intensiv diese Situation zu erleben.“ Es handele sich um einen „Regelbruch ohne explizite Absicht“, vergleichbar mit einer Straßenblockade von Fußballfans während einer WM. Meist gehe es den Feiernden nicht um eine „Machtdemonstration gegen Deutsche“. Hochzeitsfeiern und -korsos seien ein „intensiver Kommunikationsakt“, der verhindern solle, dass Zweifel über die Legitimität des Zusammenseins des Paares aufkommen.

„Kulturrabatt“ dürfe es nicht geben

Uslucan stellt auch klar, dass es im Kontext von Hochzeitskorsos „keinen Kulturrabatt“ geben dürfe. Alle müssten die Verkehrsregeln beachten. Die meisten Hochzeitsfeiern würden aber in Sälen und friedlich gefeiert. Der Forscher schlägt vor, über Medien, Konsulate und Migrantenvereine intensiver auf die Gefahren durch Hochzeitskorsos hinzuweisen.

Hochzeitskorso-Zahl nimmt seit Ferienende wieder zu

Die Polizei registriert unterdessen nach dem Ende der Sommerferien wieder mehr Vorfälle mit ausufernden Hochzeitsfeiern in NRW. In der vergangenen Woche habe die Polizei deswegen neun Einsätze absolviert, berichtete eine Sprecherin des NRW-Innenministeriums auf Anfrage. Während der Ferien waren ein bis vier Einsätze pro Woche gezählt worden. Sieben Mal wurden die Beamten innerorts aktiv, zwei Mal auf Autobahnen. Zwei Schussabgaben und ein Einsatz von Pyrotechnik wurden aktenkundig. Die Beamten stellten vier Führerscheine sicher.

Seit dem 1. April 2019 ist die Polizei in NRW laut Landeskriminalamt 266 Mal zu Einsätzen mit dem Anlass „Hochzeit“ ausgerückt. LKA-Abteilungsleiter Thomas Jungbluth hatte das Phänomen in einem Bericht für den Landtag analysiert. Sein Verdacht: Eskalierende Hochzeitskorsos haben im Zweifel nichts mit dem Fest zu tun - sondern könnten zum Beispiel „eine übersteigerte Männlichkeitsinszenierung“ sein. (mit dpa)

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